Spektakuläre Spekulation von Urs Stäheli
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 121


Urs Stäheli
Spektakuläre Spekulation. Das Populäre der Ökonomie.
Suhrkamp

Viel gesagt wurde bereits zu den Ökonomien des Populären. Jenseits dieser Diskurse – und doch auch in loser Verbindung mit ihnen – fragt der Baseler Wirtschafts- und Kultursoziologe Urs Stäheli nach dem Populären der Ökonomie. Wieso eigentlich können Ökonomie, Finanzen und vor allem deren Marktplatz, die Börse, zu Pop im Sinne von Spannung werden?
Stäheli ist einer der noch wenigen Wissenschaftler, die durchaus unterhaltsam schreibend theoretisieren und ist bisher vor allem durch seine Überlegungen zu Pop als Populärem in der Systemtheorie Niklas Luhmanns aufgefallen, in dessen Umfeld Stäheli zeitweise gearbeitet hat.

Ebenso hat Stäheli es immer wieder charmant verstanden, die vermeintlich so dogmatische, urdeutsche Systemtheorie mit ihrem eher ostwestfälischen Witz in Verbindung mit wilderen Überlegungen der Dekonstruktion und der Cultural Studies zu bringen. Derlei experimentelle Spuren sind auch in ”Spektakuläre Spekulationen“ zu vernehmen, schon der Titel deutet klar auf die ”Gesellschaft des Spektakels“ des französischen Situationisten Guy Debord hin. Wobei dieses Spektakel von Debord oft missverstanden und mit dem Brüllen der Kulturindustrie, dem Skandalisieren der Medien gleichgesetzt wird.

Dabei ging es Debord um die Aufmerksamkeit für die Strategien der Isolation durch Medien, z.B. seitens des Fernsehens. Und Isolation scheint, bei aller Umtriebigkeit und Vernetzung, auch dem Spekulanten nicht unbekannt zu sein. Stäheli erläutert und bestätigt ausführlich die Popularisierung im Sinne von Breitenwirksamkeit der Börse in vorrangig amerikanischer Fach-, Ratgeber- und Unterhaltungsliteratur des neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Daraus liest der Soziologe den massiven “Thrill” der Börse und insbesondere eben der Spekulation.

Der Spekulant selbst fungiert zwischen Homo oeconomicus und Homo ludens, also zwischen Rationalität und Spiel. Das Spekulationsspektakel hat man sich dabei wie ein unterhaltsames Pferderennen vorzustellen, bei dem es um weit mehr als den puren Wettbewerb oder -gewinn geht. Neben seinen beinahe schon goldgräberischen Funden aus den verschiedenen Feldern der Literatur zur Ökonomie und theoretischen Höhenflügen zur Instabilität der Figur des Spekulanten, sowie zur Medialität ökonomischer Kommunikation, machen die zunächst nicht so augenscheinlichen aktuellen Bezüge Stähelis dieses Buch besonders lesenswert: Sowohl die Diskussionen um unser aller Selbstdisziplinierung und -management als auch neuere Formen von Börsen und Spekulationen etwa im Internet sowie die Genderfrage (hier um Spekulanten) können problemlos an Stähelis Überlegungen angeschlossen werden, und lassen über manch eine überkomplexe Satzkonstruktion und Verfachwörtlichung galant hinweg lesen.
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Elektronische Lebensaspekte.