Studien zur kulturvergleichenden Mediengeschichte.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 124


Michael Giesecke
Die Entdeckung der kommunikativen Welt. Studien zur kulturvergleichenden Mediengeschichte.
Suhrkamp, 2007

In seinen Studien hat sich Giesecke seit den 1980er Jahren erfreulich gründlich, umfassend und unaufgeregt mit vor allem der Buchkultur befasst, so u.a. in seiner Habilitationsschrift “Der Buchdruck in der frühen Neuzeit“ (Suhrkamp 1991, 2006 mit CD-ROM). Immer wieder geht es dem Erfurter Medienwissenschaftler um Grundlagen und Fallstudien zum Wandel der Medien und zu der Durchsetzung neuer Informations- und Medientechnologien. Mit der “Entdeckung der kommunikativen Welt“ verhält es sich ähnlich.

Giesecke schreckt nicht vor fallstudienartigen Kapiteln zurück, etwa zum Brief als Kommunikationsmedium, Reisejournalen, zu kulturrevolutionären Bewegungen als Antrieb für Alphabetisierungsprozesse oder zu institutionellen Voraussetzungen der Schriftkultur in Entwicklungsländern (hier mit Georg Elwert). Allerdings – und das fällt auch schon rein quantitativ ins Auge – befasst sich Giesecke in seiner neuen Studie ausgiebiger als sonst mit der Bedeutung von Kommunikation für Kultur und Medien und umgekehrt insbesondere, um “Formen des posttypographischen Denkens“ zu identifizieren.

Ausgehend von triadischen Informations- und Kulturmodellen, die Giesecke aus der Beobachtung von Unternehmenskultur herleitet und die einem Entweder-oder-Denken entkommen wollen, entwickelt Giesecke Modelle, die nicht mehr in den Zwängen von Linearitäten verwickelt sind, die aber gleichzeitig auch nicht theoretisch hermetisch abgeschlossen jegliche Untersuchungsphänomene in sich im negativen Sinn integrieren oder homogenisieren. Erst diese Modelle erlauben es laut Giesecke, “die Kommunikations-, Sprach-, Geschichts- und Medienkonzepte anderer Kulturen ernst zu nehmen und deren Fremdheit während des Vergleichs zu erhalten“. Diesen Reality Check betreibt Giesecke (unter Mitarbeit von Shiro Yukawa) dann auch sogleich in einem eigenen Kapitel, in dem eine kulturvergleichende Geschichte graphischer Kommunikationsmedien in Japan und Deutschland erarbeitet wird.

Ertragreich wären hier Anschlüsse an medientechnische und -historische Überlegungen zum Internet wie etwa von Franziska Sick oder Mercedes Bunz. Zumal Giesecke selbst zwei Homepages an das Buch koppelt: http://www.kommunikative-welt.de und http://www.triadisches-denken.de Gieseckes Studien sind Steinbrüche für multiperspektivische, unängstliche Medien(geschichts)theoretiker: “Es ist erstaunlich, wie wenig bislang die Chancen medien- und kulturvergleichender Studien genutzt werden.“ Einziges “Problem” der Studie bleibt die Seitenfülle (auch hier wieder gut 530 Seiten), die einen in die totale Entschleunigung zwingt, will man sich Gieseckes Gedanken wirklich intensiv widmen, aber so ist das eben mit dem guten alten Buch.
http://www.suhrkamp.de

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Elektronische Lebensaspekte.