Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 124


Diedrich Diederichsen
Eigenblutdoping – Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation
KIWI

Auf der Rückseite des pinkrosafarbenen Paperbacks steht, wo normalerweise der Inhalt des Buches zusammengefasst ist, nur eine Ansammlung von Alltagsschnipseln, Worthülsen und Kulturbegriffen, die scheinbar wenig miteinander zu schaffen haben. “Kreisläufer, Die Andalusierin, walking bass, Den Wald hinauf, Der Figaro, Hochschulreife, Bio-Ökonomie, Haltung, Tür und Tor …“ Pop-Papst Diederichsen fügt in seinem fulminanten Buch teilweise von 2004 stammende Vorträge zu einem Analyse-Hammer.

Er diskutiert das Partizipative im Werk von Vanessa Beecroft, Paolo Virno, Ovid, Rodney Graham, Richard Wagner, der RAF, Damien Hirst, Kenneth Anger, Bob Dylan, Jean-Francois Lyotard u.v.a., setzt auf einer Buchseite mehr Namen, Bewegungen und kulturelle Erscheinungen ineinander, als andere in einem Buch. Donald Duck huscht anfangs immer wieder über die Seiten. Das (Kunst-)”Ich” wird Analyseausgangspunkt, als Performer und Motiv, als Ziel jener Bearbeitung, die man einst “Selbstverwirklichung” nannte, und Eigenblutdoping will nicht weniger als daraus die Vorgeschichte des derzeitigen Kunstbooms rekapitulieren.
 
Das beginnt mit der Besprechung des Loop, dem Weggehen, um Anzukommen, dem Elternhaus, führt über die 60er, das Erhabene im Glamour der 70ern in die 80er, in “Intensität, Negation, Klarheit“. Hin zur zeitgenössischen Kunst. Dass er sich diese als Kontext aussucht, wundert nicht. Der Kritiker findet es unrichtig, die gegenwärtig dringenden Frage nach “Was ist Kunst?” und “Was ist Nichtkunst?” aufgrund weitreichender Ratlosigkeit dem Markt zu überlassen, er bietet eine kritische, umfassende Reaktion an (besonders in der Schlusspassage).

Das ist zum Lesen genial. In dieser maßlos smarten Schreibe will man ohnehin beinahe jeden Satz irgendwo notieren, bei der euphorischen Fülle an Informationsflut und spielerischen Querverweisen ist aber drei Seiten weiter vieles doch wieder verrauschst. Dennoch, die rhetorische Verve, mit der Diederichsen die Begriffe über die Seiten peitscht, wie er ganz ohne Rücksicht auf Leseverständnis formuliert, verblüfft, die analytische Raffinesse ist ebenso zwingend. In Kunstsachen einen ernsten Kritiker zu lesen, ist gegenwärtig äußerst wohltuend. Da beschreibt eben niemand, es kommt zur Analyse.
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Elektronische Lebensaspekte.