Mike Davis schreibt Waffengeschichte
Text: Michael Saager aus De:Bug 114


Eine Geschichte der Autobombe
Mike Davis
Assoziation A

Die Geschichte der Autobombe beginnt mit nur einer Pferdestärke: Im September des Jahres 1920 stellt Mario Buda, ein aus Italien immigrierter Anarchist, seinen von einem Pferd gezogenen Wagen unweit der Kreuzung Wall Street/Broad Street ab. Der Wagen ist mit Eisenschrott beladen und explodiert in einem riesigen Feuerball. Metallschrapnelle mähen Fußgänger nieder, parkende Autos fangen Feuer. Die Detonation hinterlässt einen großen Krater in der Wall Street. Der richterliche Todesermittler zählt 40 Tote. Man erklärt den nationalen Notstand.

Budas Bombenattentat gilt dem in San Diego lebenden Soziologen und Historiker Mike Davis “als Kulminationspunkt eines halben Jahrhunderts anarchistischer Fantasien, Könige und Plutokraten in die Luft zu jagen“. Die Pferdewagen-Bombe nennt er einen Prototyp der Autobombe und vergleicht sie in seinem gerade erschienenen Buch “Eine Geschichte der Autobombe“ mit Charles Babbages mechanischer Rechenmaschine. Was durchaus Sinn macht: Beiden (Kultur-)Techniken ist gemein, dass sich wesentliche Parameter der Geschichte erst ändern mussten, damit sie ihre radikalen Potenziale voll entfalten konnten.

Vom Einsatz durch die zionistische Sternbande, die sie in den mittleren 40ern gegen Palästinenser zum Einsatz brachte, über Autobomben in Saigon, Algier und Palermo erreichte diese Waffe eine herausragende Bedeutung in den 70ern in den Händen der IRA. Erst seit den 1980er-Jahren wird sie vorwiegend von islamistischen “Terroristen“ eingesetzt. Und natürlich ist es nicht verkehrt, dass Davis noch einmal nachdrücklich darauf hinweist, dass die Autobombe keine Erfindung der Hisbollah ist.

90 Jahre nach ihrem Debüt in der Wall Street, schreibt Davis, seien Autobomben fast so weltumspannend vertreten wie iPods und HIV/AIDS. Und was immer man von diesem Vergleich halten mag: Zurzeit sind in über 20 Ländern Autobomber aktiv; 35 Staaten wurden in den letzten 25 Jahren von mindestens einem tödlichen Autobombenanschlag getroffen. Hinzu kommt, dass in Zeiten zunehmend asymmetrischer Kriege Anschläge durch Autobomben den strategischen Riesen-Bombardements von Luftstreitkräften eine zermürbend erfolgreiche Strategie zahlreicher kleiner Explosionen entgegensetzen. Wer über wenig Geld- und Machtmittel verfügt, kann eben immer noch auf die todbringende Gewalt der Autobombe setzen. Das zeigt insbesondere der Irak-Krieg, über den Davis das längste Kapitel verfasst hat und in dem allein in den Jahren 2004 und 2005 1.293 Autobomben explodierten. “Königreich der Autobombe“ nennt Davis in einer allerdings mehr als reißerischen Metapher deshalb den Irak.

Davis, bekannt geworden durch seine spannende L.A.-Studie “City Of Quartz“, ist ein ausgesprochener Vielschreiber. Vor ein paar Monaten erst, nach Büchern über die “Vogelgrippe“ und “Die Geburt der dritten Welt“, ist “Planet der Slums“ auf Deutsch erschienen – eine komplex argumentierende, wenn auch allzu apokalyptisch und moralisierend daherkommende Studie über die Verslummung der Welt. “Eine Geschichte der Autobombe“ geht zurück auf einen dicht geschriebenen Essay in der Zeitschrift “Lettre International“ (Sommer 2006). Dort hatte Davis erstmals die hervorstechenden Merkmale zusammengefasst, die die Autobombe zur “Luftwaffe des kleinen Mannes par excellence machen“. Er hatte ihren zerstörerischen Tarnwaffencharakter hervorgehoben, ihre Unzensierbarkeit durch ihre “Lautstärke“: die blutige Unleugbarkeit, ihre einfache organisatorische Handhabung bei gleichzeitiger Unvermeidbarkeit von “Kollateralschäden“ sowie ihre Billigkeit und Anonymität.

Das Buch nun hat 232 Seiten, und diese Länge ist ein wesentliches Problem. Zwar nennt Davis es vollmundig ” Genealogie“ (man muss bei diesem Begriff beinahe automatisch an Nietzsche und Foucault denken), doch ist es wenig mehr als eine Schilderung historisch mehr oder weniger bedeutsamer Explosionen: Wer hat wann (in chronologischer Reihenfolge), wo und warum und mit was für Sprengstoffen Autobomben explodieren lassen? Ereignis reiht sich stur an Ereignis, aufgepeppt durch kursorische, politologisch-historische Kommentierungen und essayistische Flapsigkeiten (Imad Faiz Mugniyah von der Hisbollah “Weltmeister der Autobomber“ zu nennen, ist schlicht geschmacklos). Andererseits: Wie hätte eine Geschichte der Autobombe sonst aussehen können? Es ist möglicherweise ein schwieriges bzw. dürftiges Thema für ein langes Format. Und so müssen Davis’ Leser sich wohl oder übel abfinden mit einer nicht sehr tiefsinnigen, relativ langweiligen Geschichte über Explosionen und Explosionen.
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Elektronische Lebensaspekte.