Texte 1990 - 2007
Text: Kito Nedo aus De:Bug 142

Bücher bitte nicht nach ihrem Umschlag bewerten – so lautet eine alte Merve-Regel. Gilt auch in diesem Fall. Hinter dem trockenen Titel auf königsblauer Raute verbirgt sich eine kleine Kulturgeschichte der jüngsten Vergangenheit.

Harald Fricke war bis zu seinem frühen Tod vor drei Jahren Kunst- und Popkritiker bei der Berliner Tageszeitung taz. Weil Fricke Kunst, Pop und Leben in seinem Schreiben ohne bildungsbürgerlichen Kanon-Dünkel, aber mit großer sprachlicher Eleganz zu verlinken wusste, zählt er heute zu den zentralen Kritikerfiguren der langen Berliner Neunzigerjahre. Deshalb ist diese Textsammlung sowohl eine Hommage an einen außergewöhnlichen Journalisten, als auch ein schöner Reader zum eben vergangenen Gestern.

Ein geschlossenes Gesamtbild der Neunziger und der ersten Hälfte der Nullerjahre, wie sie hier blitzartig aufscheinen, ergibt sich daraus aber nicht. Denn da, wo andere Schreiber in diesen Tagen alles mit billiger Theorie oder Egotext-Glibber zukleistern, bleibt Fricke nah am Gegenstand und dessen Geschichte. Anstatt einmal großzügig drüberzuwischen, kommt hier der Teilchenforscher zum Zug. Wie knallt was aufeinander? Wo entsteht kritische Masse? Was passiert mit verglühten Sternen?

So unübersichtlich die Dinge sind, so komplex bleiben sie auch. Konkret: Marc Almond singt Chanson, DJ Taniths Tarnfarbenfetischismus, Rainald Goetz in Frankfurt, 40 Jahre Motown, Drag-Queen-Theorie, der Brite Richard Hamilton als Künstlerpate der neuesten Malerei, die künstlerischen Strategien von Louise Bourgeois, Brian Wilson und das High durch Harmonie, Susan Sontag, Throbbing-Gristle-Reunion, Queer-Szene und Pop, ESG, die BBC-Serie “Life on Mars“.

Schön, wie hier die Geschichte aus dem Alltag fällt und zurück. Da gibt es etwa eine großartige Beschreibung der Love Parade 1992, bevor sie vom Ku’damm auf die Straße des 17. Juni wechselte. Wer waren diese Teenager-Raver, die Techno groß gemacht haben? Fricke wusste es. “Kinder der achtziger Jahre: Sie sind mit dem Computer aufgewachsen, wurden in der Schule über AIDS aufgeklärt und kennen Woodstock aus der Videosammlung ihrer Eltern. Sie lassen sich das Ereignis der Love Parade nicht nehmen.“

Auch der feierwütige Rainald Goetz zu seiner “Rave“-Phase, dessen erste Frankfurter Poetik-Vorlesung Fricke 1998 besucht, hat eine Geschichte: “Für Goetz ist Techno am Rande zum Absturz angesiedelt, so wie er früher etwa von den Virgin Prunes, Sex Gang Children und anderen Totengedenkpunkgruppen fasziniert war.“ Und der Bürgerschreck Genesis Breyer P-Orridge von Throbbing Gristle verrät im Interview: “… wir [waren] immer eine durch und durch ehrliche Band.“

Je länger man in diesem wunderbaren Buch liest, desto mehr begreift man, wie schrecklich leer das Versprechen des “coolen Wissens“ in den falschen Händen von Rechthabern und Strebern werden kann. Sich trotz allem “entspannt in den Beat zu legen“ – das können dann doch nur wenige. Fricke war einer von ihnen.

Bettina Allamoda, Jens Balzer, Detlef Kuhlbrodt, Cord Riechelmann, (Hrsg.) – Harald Fricke: Texte 1990-2007 – Merve Verlag

http://www.merve.de

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