Innovation versus Ware
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 120


Sonja Eismann (Hg.)
Hot Topic. Popfeminismus heute
Ventil Verlag

Schon bemerkenswert, dass die Zusammenhänge von Frauen und Pop speziell im Deutschsprachigen bisher kaum beleuchtet wurden – und noch weniger von Frauen im Pop. Dies kann an der Minorität von eben Frauen an vielen Stellen etwa der Popmusik (z.B. im Studium, auf der Bühne, im Journalismus) liegen, wenn sich diese Anteile auch langsam zu verschieben scheinen. Sicherlich durchkreuzen Gender-Aspekte mittlerweile viele kulturelle Sparten von Film bis Wissenschaft.

Doch zum einen bedeutet Gender noch lange nicht Feminismus. Und zum anderen scheint hier das Feld der Popmusik, sonst gerne auch mal Vorreiter für Trends, ganz hinten im Bus zu sitzen, sieht frau und man mal vom mittlerweile zehn Jahre alten Sammelband “Lips Tits Hits Power?” von Anette Baldauf und Karin Weingartner ab und anderen, vereinzelten Beiträgen. Sonja Eismann hat nun endlich ein neues Kompendium mit Reflexionen zwischen Kunst, Feuilleton, Pop und Wissenschaft vorgelegt. Die studierte Literaturwissenschaftlerin und Mitarbeiterin diverser Magazine zu Pop und Feminismus hat eine ganze Menge Autorinnen eingeladen, die gerahmt werden von Collagen und Comics zum Thema.

Die Textbeiträge gliedern sich in die Hauptkapitel “Sexualität/Identität”, “Körper/Bilder”, “Medien/Arbeit”, “D.I.Y./Aktivismus”, “Feminismus/Alltag” und “Musik/Repräsentation” und versammeln Autorinnen wie Clara Völker (HipHop), Christiane Rösinger (Lo-Fi-Bohème), Verena Kuni (Cyberfeminismus) oder Chris Köver (TV-Serien). “Hot Topic“ steht dabei für den Song von Le Tigre genauso wie für eine amerikanische Bekleidungsmarke: Innovation versus Ware. Dazu die Herausgeberin im Vorwort: “Das Dilemma der Popkultur, das so alt ist wie die Popkultur selbst, hat nun auch den Feminismus erreicht, nachdem der es endlich geschafft hat, durch seinen zähflüssigen Einzug in die Popkultur ganz andere RezipientInnen zu erreichen.“ Kultürlich, meint der Rezensent, denn sobald sich in irgendeiner Form in einem gesellschaftlichen Bereich etwas abhebt, erst recht in Musik und Kunst, wird es auf Vermarktbarkeit überprüft, der ökonomische Reality-Check durchzieht ja mittlerweile alles bis zum letzten Fick.

Eismann sieht speziell für den Feminismus gerade jetzt Potenziale von Widerstand und wählt somit den produktiven Weg. Das gefällt. Denn wir alle haben in dieser Hinsicht eine Menge Arbeit vor uns. Für den Feminismus und die Forderung, dieser solle glamourös agieren, beschreibt Eismann das wie folgt: “Er muss dürfen, aber er darf nicht müssen.“ Dabei hat Eismann besonderen Wert auf das Verwickeltsein der Autorinnen in Pop und Feminismus gelegt, um den Beiträgen neben Glaubwürdigkeit auch Anschlussfähigkeit zu verschaffen, was in den meisten Fällen zweifelsohne gelingt – sofern dies hier als Mann beurteilt werden kann. Eine Plattform für diese Diskurse liefern die Autorinnen und regen damit auch die sozial konstruierte vermeintliche Gegenseite sicherlich an, produktiv zu reagieren, statt weiter munter zu ignorieren. Bis zum Wegfall der gesellschaftlichen Kategorie Geschlecht dürfte es allerdings, auch und erst recht im Pop, noch ein weiter Weg sein. Dieser Band möge uns begleiten, als Mann, als Frau oder als kategorienlos.
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Elektronische Lebensaspekte.