Urban-politisches Sample-MashUp von Andreas Neumeister
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 122


Andreas Neumeister
Könnte Köln sein
(Suhrkamp)

In Zeiten, wo in jeder Stadt ein H&M, Burger King und Media Markt zu finden ist, die Diskussion um aussterbende Städte und urbane Monokultur Soziologen und Geisteswissenschaftler aller Facetten dazu anregt ihren Senf dazuzugeben, versucht Andreas Neumeister einen anderen, literarischen Zugang über die Städte der Welt zu finden, fernab von Reiseführer, Diskursgekurve und stammtischartigen Weltweisheitsbekundungen.
“Könnte Köln sein“ ist ein tagebuchartiger Impressionskatalog mit Perspektiven, die, wenn auch immer subjektiv, man teils als allgemein zu akzeptierende Eindrücke lesen kann.

Die Architektur der jeweiligen Städte interessiert, aber nicht nur aus klassischen Tourismusaspekten, sondern die Geschichten, die dahinter stecken. Wie eine archimedische Spirale schrauben sich die Sätze scheinbar redundant voran und bringen einem die Ideen der Reiseberichte näher. Es ist assoziativ, indikativ und entrückt. Wer will aus Berlin noch neue Erkenntnisse über das Brandenburger Tor hören? Hier ist es das Stadion der Weltjugend an der Chausseestraße, das längst nicht mehr steht, da wo der BND demnächst seine Lager aufschlägt. Über München lernt man scheinbar auch mehr, wenn man sich in die Stadtgürtel verzieht und von dort aus Einblicke sucht und findet. So pluckert auf den Expeditionen Neumeisters Richie Hawtin aus den Boxen des VW, in dem durch Italien gefahren wird. Es wird gerne über die eigentlichen Architekten von Moskau und Berlin referiert, nämlich Stalin, Hitler und andere Machtdespoten, und es zeigt sich, dass die Stadt ein Organismus ist.

Man könnte das Buch auch als ein historisiertes, urban-politisches Sample-MashUp verstehen, da die nicht vorhandenen narrativen Linien vielmehr durch sprachlich-visualisierte Versatzstücke ersetzt werden. So kommt die Bebilderung der Texte ohne Bilder, sondern nur mit kursiven Bildunterschriften aus, werden E-Mails zitiert, Englisches und Deutsches, Paris und Paris Hilton im Hilton Paris. Man könnte es Popliteratur nennen, so verkaufen sich Bücher wohl auch besser. Aber ist es Popliteratur, nur weil man darauf verweist, wo John Lee Hooker gehaust hat, und Joni Mitchell im Hintergrund singen lässt? Und wo liegen denn nun die Gemeinsamkeiten von Mexiko Stadt, Tallinn, Los Angeles und Ostia?

Letzten Endes könnte man meinen, es seien die Menschen, die darin wohnen, aber die werden hier so gut wie nicht thematisiert. So ist es ein leicht apathisch-pathologischer Blickwinkel, der uns Städteaspekte nahe zu bringen versucht, und dann doch wieder wochenendchattaugliche Erkenntnisse wie, dass die Moskauer Ringbahn einmal männlich und einmal weiblich die Stationen moderiert, um die Fahrenden darüber zu informieren, in welche Richtung es eigentlich geht. Schön zu lesen, vor allem im Flugzeug.

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Elektronische Lebensaspekte.