Esoterisches Selbsthilfegeschwurbel? Nö.
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 112


Harrell Fletcher & Miranda July
Learning To Love You More
Prestel Verlag

Esoterisches Selbsthilfegeschwurbel? Eine Anleitung zum Sichselberlieben kann, muss man aber nicht immer fürchten. Learningtoloveyoumore.com ist ein im Jahr 2000 ins Leben gerufenes interaktives Internetprojekt der Künstler Harrel Fletcher und Miranda July.

Das Prinzip ist denkbar einfach: Die beiden Mentoren stellen kontinuierlich neue Aufgaben auf die Seite, die von den Usern gelöst werden. Es ist ein Basteln nach Anleitung, bei dem das zu verwendende Medium – durch die Bank alles von Audio, Foto, Text, Graphik, Skulptur und Video vertreten – und die groben inhaltlichen Rahmenbedingungen abgesteckt sind.

Fotografiere deine Eltern beim Küssen

Das Aufgabenspektrum glänzt durch unüberschaubare Vielfalt, reicht von scheinbar Absurdem (Fertige eine Skulptur von Steve an (Taxifahrer aus Hartford, CT)), über Banales (Fotografiere mit Blitz unter dein Bett), Persönliches (Schreibe deine Lebensgeschichte in weniger als einem Tag), Ernstes (Verbringe Zeit mit einer Person, die im Sterben liegt), Verbindendes (Bitte zwei Fremde, sich für ein Foto die Hände zu halten), bis zu etwas Covertauglichem (Fotografiere deine Eltern beim Küssen). 5 Jahre und 5000 Einsendungen später wurde aus dem Sammelsurium zwischen Ernst und Witz, Originalität und Abklatsch sowie Ästhetik und Kitsch ein Best-Of für eine Buchveröffentlichung zusammengestellt.

Empfehlenswerte Selbsthilfegruppe

Der Platz im Buch ist fast ausschließlich den Einsendungen gewidmet: viele Bilder, Text der Teilnehmer und zwei, drei abschließende Essays zum Projekt allgemein. Es schmeckt ein bisschen nach lieblichem Reanimationsversuch von radikalerem Fluxus und Konzeptkunst aus den 1960/70ern, einem therapeutischen Blick durch die rosarote Brille. Einem elitären Kunstbegriff wird “Jeder ist ein Künstler“ zugehaucht. Jedoch man kriegt die Kurve.

Denn was dem Projekt und den Künstlern dahinter sicher nicht fehlt, ist Humor. In Miranda Julys vielseitigem Schaffen als Medien- und Performancekünstlerin liegen Tragik und Komik nie weit voneinander entfernt. Die besten Momente im Buch sind jene, wo sich übersteigerte Ernsthaftigkeit in ihr Gegenteil verkehrt. Mit Spieltrieb, Humor und Kunst das Leben besser auszuhalten lernen – sicher eine der empfehlenswertesten Selbsthilfegruppen.

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Elektronische Lebensaspekte.