Printmedien haben schon lange nichts mehr zu lachen. Große Verlagshäuser stürzen sich auf moderne Contentvermarktung à la App und Online-Abo. Dass die eigentliche Zukunft der Printmedien aber in der Verschränkung von Augmented Reality und Papier liegt, scheint sich noch nicht ausreichend rumgesprochen zu haben.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 138

Die Finanzkrise trifft den Zeitschriftenmarkt besonders hart. Da, wo es weh tut, bei der Integrität. Das Werbewachstum sprudelt jetzt schon seit Jahren nur noch online. Gleichzeitig wird das träge Papier im Social-Network-Getümmel von der heißen Nachrichtenquelle noch mehr zum ältesten Medium der Welt gemacht. Je länger über dieses Problem in Konferenzen und Chefetagen nachgedacht wird, desto unausgereifter scheinen die Ideen, die dabei herauskommen. Auf der einen Seite die Ultrafundamentalisten: Rupert Murdoch, sein engster Kreis und die Forderung, das gedruckte Wort soll online unter Verschluss, hinter die dichten Mauern der Micro-Bezahlsysteme. Ganze Onlineredaktionen sollen auf Abo-Ration und den puren Willen des “Die zahlen schon dafür” gesetzt werden. Der neue Feind, Google, soll auf den Index, statt die Inhalte von Murdoch in den Google-Index, damit die Leser den heißen Scheiß auch finden.


Die Idee dahinter: Online-Leser sind untreu. Ein Schwarm von jugendlichen Gelegenheitslesern. Die Alten müssen ins Netz und die sind es ja gewöhnt, für Inhalte zu blechen. Ähnlich – wenn auch medial vorsichtiger und einen Dreh irrer – Springer. Dort will man die reichen iPhone-Kids zur Kasse bitten, wenn sie Bild oder Welt auf ihrem Telefon lesen wollen. App statt Abo.

Rauschende Onlinescreens
Muss Papier reaktionär sein? Kann es nicht ein wenig elektronischer werden? Kann man Papier nicht online bringen? Augmented Reality verspricht genau das. Die aktuellen Ausgaben der Magazine Esquire und Popular Science machen sich auf den Weg, die Onlinescreens und den Blätterwald zusammen zum Rauschen zu bringen. Beide haben ein AR-Special und -Cover, beide sind voll mit digitalen Zusatzinformationen. Die Herangehensweise ist aber verschieden.

Klar, die Grundtechnik, auf die sich beide verlassen, ist die Webcam. Die nimmt (im Fall von Popular Science) das Cover auf, analysiert es und schickt eine an dessen Position vor dem Bildschirm angepasste 3D-Simulation auf den Screen, im Fall von Esquire verlässt sie sich noch auf die etwas testsichereren Barcodes, um den Coverstar Robert Downey Jr. zum tanzen zu bringen, oder ihre Modestrecke den vier Jahreszeiten mit einem Dreh der Zeitung vor der Webcam anzupassen.

Vor nicht all zu langer Zeit waren Barcodescanner mit Onlineanschluss in Handys ein grandioses Zukunftsversprechen. Nokia war da ganz vorne. Nimm ein Produkt mit einem QR-Code (quadratische Pixelbarcodes), bring es vor eine Kamera und – holla – die Zusatzinfo aus dem Web ist da. Mobile Tagging war erfunden. Die “Welt Kompakt” hatte 2007 ihre Links zum Onlineangebot durch QR-Codes ersetzt. Ein wirklicher Durchbruch der Mauer zwischen den digitalen Welten und den gedruckten war nicht zu erkennen. Und selbst in der Werbung schienen sich QR-Codes nicht durchzusetzen, denn zwar bringt eine Animation hinter dem eingescannten Code den Kunden näher an das Produkt, aber eine einfache SMS mit dem Gewinncode bringt den Werbern sogar noch die Telefonnummer.

Papier auf dem Screen
AR verändert den Blick auf diese Bewegungen, denn vorbei scheinen die Zeiten, in denen man einen sehr offensichtlichen Datenträger in gedruckter Form braucht, um die Welt hinter den Spiegeln wiederauferstehen zu lassen.

Bilderkennung, nicht aufgedruckte Barcodes, sind der neue Trend für Augmented Papier, denn ein Barcode mitten in einem Text wirkt immer wie ein Fremdkörper. Aber Bilderkennung muss – ähnlich dem Trend bei Suchmaschinen – heutzutage wirklich realtime sein. IPhone-Apps wie Kooaba, die in einem geschossenen Foto einer gedruckten Seite Online-Zusatzinfos finden, gehen zur Zeit einfach nicht weit genug. Lösungen, wie die von Moving Brands, machen aus dem Papier eine Art Mouse, einen Controller, mit dem man sich beliebige Zusatzinhalte über die Webcam holen kann.


(3D-Atlas: metaio, wissenmedia verlag)

Dabei wird das Papier auf dem Screen zu einem extra Screen, in dem sich Texte scrollen lassen, oder Animationen angepasst zum jeweiligen Blickwinkel dem Papier eine lebendige Oberfläche verpassen. Boffswana (ein weiteres AR-Entwicklungslab) schießt eine Applikation nach der nächsten nach diesem Prinzip raus, das Crossover zwischen Gaming und Print steht bevor.

Touching Media aus Holland haben das AR-Thema an Fernsehzeitungen durchexerziert. Unifeye Print von Metaio hatte schon auf der vorletzten Buchmesse ein Alienbuch für Kinder, ein digitales PopUp-Buch, das über die Webcam (jedes Kid hat eine Webcam, right?) Aliens und Planeten aus dem Buch auferstehen ließ. PopUp-Bücher?

Webcam mitlesen lassen
Wenn es uns zunächst fast wie eine Metapher vorkam, die digitale Welt und die Print-Welt näher aneinander zu bringen, ist die Realität überraschend wörtlich. AR im Print behauptet zurzeit: Wer seine Zeitung nicht vor dem Rechner liest, das Auge seiner Webcam nicht mitlesen lässt, der verpasst was. Mit dem Dritten sieht man besser. Die Applikationen sind endlos. Bilder von Filmen in Kinoberichten werden zu vollständigen Trailern. Das Kochrezept im Print kann man auf dem Screen dazu gleich in der Videoanleitung sehen.

Das neue Gadget mal eben auch von hinten ansehen, und die Möglichkeiten sind ideell noch nicht mal ausgereizt. AR – unter diesen Vorraussetzungen – wäre fähig, gleichzeitig aufgeschlagene Seiten einer Zeitung zu einem Sozialen Netzwerk zu machen, oder andere Leute, die das Gleiche lesen, gleich auf deinen Screen zu bringen. Mit anderen über einen Artikel zu reden, zu diskutieren, die gedruckte Seite zu einem Ort zu machen, an dem man sich über die digitale Bande treffen kann. Ein Interviewpartner z.B. könnte sich zu einem bestimmten Zeitpunkt online mit allen treffen, die sein Interview gelesen haben, um Nachfragen zu klären. Exklusive AR-Zirkel. Eigentlich genau der Ausschluss ohne Ausschluss, nach dem die Printindustrie sucht.

Der Unterscheid zwischen den Medien Print und Online ist der Faktor Zeit. Sie spielt eine andere Rolle. Ein Heft liest man im allgemeinen länger als man auf einer einzelnen Webseite ist. Aufmerksamkeitsökonomien, in Zeitungen bislang schwer nachweisbar, online aber immer relevanter, werden in AR-Zeitungen zu einer messbaren Größe und damit werbetechnisch höchst relevant. Noch wirken die Ansätze eher spielerisch und die nahezu klassischen Kinderschuhe der technischen Umsetzungen fast überumständlich, aber es ist noch nicht allzu lange her, da war selbst die Idee eines aufgeschlagenen Laptops mit Netzanschluss eher ein Statussymbol. Mittlerweile gibt es kaum noch eine WG, in der nicht drei Laptops gleichzeitig via WiFi an der DSL-Nadel hängen. Und warum sollte man die Webcam wirklich nur für Videotelefonie verschwenden?

Technologisches Bermudadreieck
AR und Print stehen funktional allerdings zwischen anderen Lösungen, unter anderem um Print aus der Statik des unwiderruflich Gedruckten zu befreien. Etwa eBooks, flexible Displays und druckbare Bildschirme. Während gedruckte Screens (Americhips Werbebroschüre, die die Technik neulich zum ersten Mal vorführen wollte, war eher ein Witz) als Massenprodukt wohl noch eine ganze Weile auf sich warten werden lassen, und wir uns schon mal freuen, dass im Zeitschriftenladen unseres Vertrauen nicht jedes Cover uns anblinkt, anschreit und das WiFi mit unsittlichen Angeboten vollmüllt, werden eBooks langsam nicht nur erschwinglich, sondern lesbarer.

Auch wenn man über letztendliche CO2-Bilanzen rätselt, die Vorteile jenseits der Müllentsorgung von altem Papier liegen auf der Hand. So lange man allerdings zurück in die Vergangenheit des schwarz-auf-weiß muss, dürfte die Verlockung von eBook-Readern sich auf das klassische Buchformat beschränken. Flexible OLED-Displays (Prototypen versprechen uns schon seit 2007 ein völlig neues Leseverhalten) dürften nächstes Jahr ihren Durchbruch feiern.

Und vermutlich werden die Zukunftsversprechen von AR in Print sich genau in dem Handling dieses technologischen Bermudadreiecks entweder verlieren oder einlösen. Die letzte Waffe von Print allerdings, die vertrauensselige, gedehnte Zeit der Aufmerksamkeit für dieses eine Produkt, sollte die Zeitungsindustrie wirklich herüberretten, denn sonst wird sie unwiderruflich zum berühmtesten Kuscheltier auf dem Dead-Media-Friedhof.

Aus dem Special in De:Bug 138: AUGMENTED REALITY SPECIAL

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. stefan

    Hallo,

    in diesem Blog gibt es noch einiges Mehr an HIntergrund-Informationen über Mobile Tagging und die QR-Code Nutzung in Deutschland.

    http://www.tagmotion.de

    Viel Spaß, Stefan