Mit dem Werbe-Slogan "Rip, Mix, Burn" brachte Apple die schon alltäglich gewordene Praxis digitaler Musikbegeisterung auf den Punkt. Mit dem Buch "Mix, Burn, R.I.P." spult Janko Röttgers vor und zurück aus dem digitalen Audio-Dilemma: Das Buch zeichnet die Geschichte um Tauschen im Netz nach, beschreibt die gegenwärtige Krise und sichtet die Utopie einer neuen (Musik-)Ökonomie. Sascha Kösch sprach mit Janko über
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 74

Musik gegen Industrie –
Hinter den Kulissen im digitalen Audio-Dilemma

In wenigen Tagen erscheint das neue Buch von Janko Röttgers. “Mix, Burn, R.I.P.” heißt es, und selbst wenn es das Scheitern der Musikindustrie heraufbeschwört, so geht es Janko Roettgers doch vornehmlich um Wege aus dem digitalen Audio-Dilemma, also um ein Nachzeichnen der Geschichte des Filesharing in seinen bekannteren Fällen, aber auch den eher skurrilen Randerscheinungen. Um ein paar der grundlegenden Fragen hinter dem ansonsten eher aufgeheizten Diskurs um MP3 zu klären, hier ein Interview.

Debug:
Glaubst du, dass Napster in seinen knapp zwei Jahren Existenz nicht nur für viel Aufruhr, Spaß, eine akzeptable Marke, einen der digitalen urbanen Mythen usw. gesorgt hat, sondern auch eine Generation von “Netzbewohnern” geschaffen hat, die nicht nur eine Ideologie, einen Glauben teilen, sondern auch Bedürfnisse und ein Potential? Wie würdest du diese Generation definieren und was könnte man von ihr auch als soziale Kraft erwarten?
Janko Röttgers:
Die Napster-Generation – oder von mir aus auch Kazaa-Generation – ist sicher sehr vielschichtig. Was sie aber alle eint, ist ihr Erfahrungshorizont und ihr Umgang mit Musik. Dabei geht es nicht so sehr darum, sich jetzt die ein oder andere CD online zu besorgen, anstatt sie im Laden zu kaufen. Wer sich Musik aus dem Netz besorgt, lädt sich viel mehr herunter, als er je kaufen könnte, und entdeckt dabei auch ganz andere Methoden, Musik auszuwählen und für sich zu vereinnahmen. Wer das einmal erlebt hat, will so schnell nicht zurück. Dass Millionen von Menschen jeden Tag Tauschbörsen nutzen, ist auch eine Abstimmung mit den Füßen. Gegen die klassische Musikwirtschaft, gegen die althergebrachten Konzepte geistigen Eigentums und seiner Verwertung. Das viel gehörte “CDs sind zu teuer” ist eben nicht einfach nur Geiz, sondern auch so etwas wie eine ganz platt formulierte Kapitalismus-Kritik. Weil ja jeder weiß, dass die Lösung nicht wirklich darin besteht, CDs zwei Euro billiger zu machen – sondern sich von der Reduktion der Musik auf ein Produkt zu verabschieden.

Debug:
Die Zeit der großen Ideen und rasanten Entwicklungen neuer Technologien scheint im Netz aber irgendwie vorbei zu sein. Sieht man sich die Antworten auf die Fragen der Zukunft der Musikindustrie in den Interviews am Ende des Buches an, so scheint bei allen (ebenso wie bei der Frage der Schuldzuweisung) so etwas wie ein “Lass uns erst mal mit der Situation klarkommen”-Konsens zu sein. In welchem Feld siehst du am ehesten ein Wachrütteln aus dieser Art von Schockzustand? Technologie, Politik – von oben oder von unten, bzw. in Industrie, Musik oder möglicherweise ganz woanders?
Janko Röttgers:
Wie der Buchtitel schon andeutet, sehe ich am ehesten eine Chance im Scheitern. Offenbar muss die Industrie erst mal alles ausprobieren, was ihr so einfällt. Die Aufgabe der Technologie ist es dann, diese Einfälle in Frage zu stellen und Alternativen aufzuzeigen. Da erwartet uns sicher auch noch einiges an Innovationen. Etwa, wenn es um Wifi-Meshes geht, oder auch die Integration sozialer Komponenten in P2P-Technologie. Auf der Ebene der Politik kann man letztlich nur versuchen, dieses Scheitern möglichst unblutig zu gestalten.

Debug:
Gerne wird Musikdistribution im Netz als eine Art Paradigma für andere Formen von Inhalts-Distribution im Netz verhandelt. Für mich wirkt es langsam so, als würde diese Diskussion nur deshalb aufrecht erhalten, weil man sich damit der ganzen Arbeit entziehen will, die andere längst überfällige Lösungen in den Bereichen Bild, Film, Games, Software, Text bringen. Man will längst erreichte Lösungen in den gleichen Distributionsbereichen einfach nicht einbeziehen, weil man die Situation eh schon für zu komplex hält. Welchen Stellenwert nimmt für dich die Diskussion über Musikdistribution im größeren Rahmen des Netzes ein? Ist es wirklich mehr als eine Utopie, an der man gerne mitkämpft?
Janko Röttgers:
Dass sich alle so auf Musik eingeschossen haben, hängt sicher auch mit der Emotionalität des Themas zusammen. Die führt einerseits dazu, dass der Konflikt unnötig auf MP3s eingeengt wird, obwohl so Sachen wie der weltweite Trend zu schärferen Urheberrechten ja auch zahllose andere Folgen hat. Etwa, dass man Wahlmaschinen nicht mehr untersuchen kann, ohne sich strafbar zu machen. Oder auch die künstliche Reglementierung des Wissensaustauschs mit den so genannten Entwicklungsländern. Andererseits bietet diese Einengung auch Chancen. Kaum jemand will sich wirklich mit den Urheberrechtsabkommen der WIPO auseinandersetzen. Aber jeder versteht, dass es falsch ist, das Kopieren geschützter CDs zu verbieten.

Debug:
Eine der Fragen am Anfang des Buches ist: “Hätte es auch anders kommen können?” Womit die jetzige, einigermaßen verfahrene Situation der Musikindustrie, Musiker, Technologieentwickler und Filesharer in einer Art Paralleluniversum gelöst werden will. Wie sähe dein Lieblingsszenario eines solchen Universums aus?
Janko Röttgers:
Einerseits ist es unserem Universum sehr ähnlich. Es gibt Tauschbörsen, Netzlabel, Geschmacks-Agenten und kollaborative Filter, jede Menge Online-Communities und von mir aus auch kostenpflichtige Plattformen, wenn sie denn etwas anbieten, was Musikfans wirklich wollen. Zum Beispiel On Demand Streaming für Leute, die sich nicht mit Downloads rumquälen wollen.
Andererseits ist dieses Paralleluniversum mehr als nur einen Quantensprung von dem unsrigen entfernt, da dort all das nicht nur legal ist, sondern erwünscht und dabei auch noch für sehr viele Menschen profitabel. Man hat sich von dem Gedanken, Musik vorrangig als Produkt zu verkaufen, verabschiedet. Statt dessen gibt es Service-Angebote, sehr viele spezialisierte Nischen und ein solides Pauschalabgaben-Gerüst, das für viele Musiker zumindest so etwas wie ein Grundeinkommen darstellt. Etwas, auf dem sich aufbauen lässt.

Debug:
Du scheinst also als Lösungen aus dem Dilemma vor allem zwei Positionen zu befürworten: flexiblere Einkommensmöglichkeiten für Musiker und generelle Abgaben. Glaubst du, dass das so genannte Dilemma wirklich primär ein finanzielles ist?
Janko Röttgers:
Auf jeden Fall bringt es nichts, das ästhetisch zu diskutieren, wie es gerne im Feuilleton der Fall ist: Die Musik ist schlecht, mit echten Künstlern wäre alles viel besser, wir brauchen eine Quote und dergleichen mehr. Ganz im Gegenteil. Ich hätte in meinem Paralleluniversum gerne auch einen Platz für die No Angels. Natürlich ist der finanzielle Aspekt auch nur einer von vielen, aber er dominiert nun mal die Diskussion – was ich als jemand, der selbst von so etwas Merkwürdigem wie geistigem Eigentum lebt, ganz gut verstehen kann.

Debug:
Eine meiner Lieblingstechnologieutopien ist so eine Art primär semantisches (oder antikapitalistisches) Digital Rights Management. Eine DRM Form, die nicht vorrangig Kapital, sondern Inhalt generiert. Ein Audiofile, das z.B. dem Musiker melden würde, wie oft es gespielt wird. Perfektes Tool für Netaudio-Charts. Oder, als CD, DVD, etc. Audioformatersatz ein eher Sequencer basiertes Multispur-Sample-Format mit Editieroptionen, die Musik mehr zu einem Game machen würde. Magst du zum Abschluss ein oder zwei deiner Lieblingstechnoutopien nennen?
Janko Röttgers:
Im Moment bin ich ziemlich fasziniert von Friendster.com, diesem Online-Dating- und Freundeskreis-Portal. Ich stelle mir vor, dass so auch P2P-Technologie aussehen könnte. Ein Netz von Beziehungen, bei dem ich individuell festlegen kann, wem ich welche Inhalte anbiete oder empfehle – nur meinen direkten Freunden, oder jedem, der mit mir über zwei, drei oder vier Ecken verbunden ist. Das ließe sich natürlich sehr einfach um kollaborative Filter und ähnliches erweitern.
Außerdem mag ich die Idee, Musik nicht mehr als Klang, sondern als Metainformation auszutauschen. So, wie das ansatzweise jetzt schon mit Traktor der Fall ist. Ich kann jemandem praktisch einen ganzen DJ-Mix schicken, ohne ihm dabei auch nur ein einziges Sample zu übermitteln. Wenn man das jetzt mal von dem reinen DJ-Format loslöst, sind damit alle möglichen Formen der musikalischen Interaktion vorstellbar. Bis hin zum Track, dessen klangliche Parameter sich langsam aber sicher durch die Formen seiner Rezeption verschieben. Dann würde nicht mehr nur ein Track die Clubs rocken, sondern eben auch umgekehrt.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.