Weihnachtsmann in Trainingshose
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 142

Jürgen Tellers zweiter Fotoband aus der Serie mit dem wuchtigen Titel “The Master” kommt, den Namen karikierend, wieder als flatteriges Softcover. Es gibt in dem Band mit ausgewählten, schon vielgesehenen Bildern von 2007-2009, zwei, die mit Selfportrait bezeichnet sind. Auf dem letzten Foto steht Teller mit seinem weiß geschminkten und rauschebartigen Weihnachtsmannkopf, nacktem Oberkörper und einer verschmierten, auf halb acht hängenden Trainingshose an einer Laterne. Er hat eine Zigarette in der Hand und schaut rotbackig in die Kamera.

Die andere Fotografie ist schon komplexer: “Selfportrait … Football or Fashion” entstand 2007 in Kiev als Werbekampagne für Marc Jacobs. Sie zeigt eine nackte Frau, die in High Heels im Wald steht, auf ihrem Kopf, um den Kopf herum, der Kopf steckt in einer, der Kopf ist eigentlich eine riesige Marc-Jacobs-Tasche. Im Hintergrund, auf einem Waldweg, geht ein ukrainischer Junge mit einem Fußball im Arm. Die Szene neben ihm lässt ihn offenbar kalt. Teller selbst ist nicht im Bild.

Aber das ist auch egal, denn im Grunde ist fast jedes Bild von Jürgen Teller auch ein Selbstportrait. Der Fotograf stellt sich nicht nur ständig selbst in seine Bilder, er ist auch sonst auf irgendeine Art immer dort anwesend. Wenn er mit seinen Models in die Heimat nach Bubenreuth bei Erlangen fährt oder seine Eltern und Kinder portraitiert. Teller ragt nicht nur ins Bild, wenn er sich, mit einem Fuß und nackig auf dem Grab seines Vaters stehend, eine Zigarette und einen Fußball haltend, portraitiert.

Er ist nicht nur da, wenn er auf einem Konzertflügel im Luxushotel stehend Charlotte Rampling seine Zunge in den Mund schiebt, er ist, und genau das ist es ja, ebenso da, wenn er David Hockney, vollgekläht mit Zigarettenasche, im Ohrensessel ablichtet. Schlaumeier würden das wahrscheinlich einen Stil nennen, für mich bleibt es ein schönes Geheimnis.

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Elektronische Lebensaspekte.