Invasion der Zeichen, konfrontative Ehrlichkeit
Text: Felix Denk aus De:Bug 118


From Here to Fame – Public Wall Writing in Philadelphia
Anthony Smyrski (Hrsg.)

Es klingt so hoffnungslos randständig: ein Bildband über das Graffiti der 60er- und 70er-Jahre in Philadelphia. Warum nicht New York, warum nicht auch die 80er-Jahre, warum nur Tags, und warum, bitteschön, keine großformatigen Farbfotos von den unfassbaren Pieces, die damals auf Züge gesprüht durch die amerikanischen Innenstädte ratterten? Kurz: Warum nicht mehr von dem Stoff, den Martha Cooper und Henry Chalfant in ihrer Sprayer-Bibel “Subway Art“ lieferten, von diesen Farbexplosionen, die man wieder und wieder anschauen kann und ungläubig bestaunen muss?

Blättert man den schmalen Band einmal durch, verfliegen diese Fragen schnell. Die grobkörnigen Schwarzweiß-Fotos haben nämlich eine ganz eigene Magie. Sie mögen viel weniger spektakulär sein als die Fotos von Cooper und Chalfant, aber erst mit ihnen bekommt man einen Eindruck, was Graffiti in seiner Frühphase bedeutete: eine Invasion der Zeichen, die Bahnhofsklos, Bahnsteige, Unterführungen und Straßenecken überzog.

Die Fotos kommen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Viele sind aus dem Stadtarchiv. Sie feiern nicht, sondern halten fest. Sprayer, die Backsteinwände mit Filzmarkern bearbeiten, Graffiti-Gegner mit Demo-Plakaten, vermummte Reinigungskräfte, die gegen die Farbe in den Krieg ziehen, und Passanten, die sich durch diese manchmal schmerzhaft dissonante Welt aus Buchstaben, Zahlenkombinationen, Kürzeln, Symbolen und Pfeilen bewegen und sich doch keinen Reim auf diese kryptischen Nachrichten machen können. Die Fotografie neigt ja dazu, den abgebildeten Gegenstand zu verschönern. Die Fotos in “Public Wall Writing“ dagegen strahlen eine konfrontative Ehrlichkeit aus.

http://smyrskicreative.com

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Elektronische Lebensaspekte.