Das 1985 erschienene ”Sexbeat" von "Pop-Papst" Diedrich Diederichsen war die Mao-Bibel jedes Popliebhabers im Lacoste-Hemd auf Punkkonzerten. Zentralbegriffe einer anti-authentizistischen Poptheorie wie Zitat, Bricolage und Strategie der Affirmation gibt's hier als amüsantes Figurentheater. Jetzt wird Sexbeat als "Sexbeat 2" mit einem korrigierenden Vorwort von Diederichsen selbst neu aufgelegt.
Text: Aljoscha Weskott aus De:Bug 68

Sexbeat-Korrekturen
Im Cold War Zeit-Raum des Westens

Sexbeat – das ist die Expedition eines literarischen Ichs namens Diedrich Diederichsen durch den Cold War Zeit-Raum des Westens, ständig erfasst von einer schillernden Unruhe, erfrischend unfertig und schön kaputt, teilweise fast schon Beton und trotzdem stilsicher gesetzt wie eine Hookline Kylie Minogues im heutigen LaLa-Land. Sexbeat ist aphoristischer, glossenhafter Text, der an seinen schönsten Stellen musikalisch wird, wenn Pop-Impulse auf Anti-Pop-Impulse treffen, wenn (verhindertes) Hipstertum auf reales Hipstertum stößt, wenn in einer Post-Utopischen-Zeitrechnung operative Begriffsschöpfung und beschreibende Wirklichkeit herausfordernd ein WEITER zersetzt und gleichzeitig proklamiert, weil der Tanz auf und in Entfremdungszuständen zu einer fast letzten verbliebenden Chance im Jahre 1985 geworden ist, sich nun aber schleunigst von Hippies, Yuppies, Spießern und anderen Authentizitäts-Monstern emanzipiert werden muss: Welche Drogen sind dafür am besten geeignet? Gibt es wirklich nur LSD oder SPEED? Sexbeat wird durch das Vorwort der Wiederveröffentlichung zu Sexbeat 2, weil 17 Jahre später vieles neu gefaltet werden muss, um die zerschnittene Zeit und retrospektiv den einen oder anderen blinden Fleck des Buches, die geilen Irrtümer der eigenen Zeitlichkeit eben, zu kommentieren. So rattert es angenehm ereignisreich im erklärenden Vorwort ”Sexbeat 2“, fast wie im ICH-Buch Helmut Bergers. Nur: Ohne Cam-Shots.

Für die Mittellosen …

Es sind politische Korrekturen, die den nicht linear verlaufenden Prozess der Theoriebildung zwischen 1985 und heute aufblitzen lassen: Das langsame und sichere Entfernen von Sexbeat, neue Auseinandersetzungen, etwa mit Bildender Kunst, eine unzeitgemäße Faszination für die Moderne, dann aber auch ein anderes unmittelbares Reden in Pop – Wann war die Spex-Zeit?
Doch 1983 wird Diederichsen erstmal getrieben, als Priviliged Poor inmitten einer Pop-Zeitrechnung New Yorks und seiner Verheißungen, die einen immer glauben machen, einen Tick zu spät gekommen zu sein: Madonna hat gerade ihren kometenhaften Aufstieg hinter bzw. vor sich. Neulich arbeitete sie noch in der Bar ”Lucky Strike“. Dort steht wenig später Diederichsen, ohne Geld, etwas völlig anderes on his mind als unmittelbare Spurensuche.

… ist das Paradies die Hölle?

Und die ”Paradise Garage“ gleicht eher eine Punica-Oase: Dancing without drugs und im Darkroom läuft tatsächlich ”Die Blechtrommel“. Das rockt. Alles sehr rhizomatische Vorgänge, die Diederichsen preisgibt, ihn aber nicht dazu verleiten, eine Selbst-Ästhetisierung vorzunehmen, um diesen äußerst produktiven, scheinbar ideologiefreien Nicht-Ort erneut abzurufen: In die beim Leser entstehende Stimmung ”Irgendwie exterritorial genial, dieser Bohemia-Planet“ dringt allmählich ein Kopfschütteln des Autors. Denn Diederichsen wäre nicht Diederichsen, wenn er sich nicht aus dieser Selbst-Beschreibung dem Analytischen zuwenden würde, um die damaligen theoretischen und persönlichen Lacks zu fokussieren, ein neues ästhetisches Koordinatensystem zu bauen und sich Adorno-like im Begriff (Pop) zu versenken.

Tomorrow will not be like today

Wie funktionierte nun die damalige De- und Re-Programmierung des Selbst im Spiegel einer sich in Sexbeat ausbreitenden Hassliebe auf Postmoderne Pop-Kultur? Ein Song der Band Gun Club, ”das erste auf der ersten Seite, der Hit, Sexbeat“, wird Namensgeber für ein ganzes Buch, gar für eine ganze Anschauung. Eine Abrechnung mit einem systemstabilisierenden Bohemia-Lifestyle, mit Subkultur per se. Denn erst später wird Pop durch Figuren wie Boy George oder den Pet Shop Boys ein neuer Bauplan verpasst, ein Selbst-Engineering durch Queering ermöglicht und erkannt, dass ”nichts uneigentlicher ist als Sex, (Sex eben) nur die Hardware ist, auf der das Programm läuft.“ War Sexbeat somit vielleicht ein äußerst unpassender Titel? Hätte es auch ”She’s like Heroin to me“ werden können? Nein. Plötzlich ist Düsseldorf wie New York und Diederichsen spricht von einer beginnenden Bret Easton Ellis-Welt, in der die Menschen von New York bis Mannheim etwas verbindet. Sexbeat spricht aber aus der Stadt, dem Diasporischen, d.h. fast schon postkolonialen Phänomenen und ihrer zu klassifizierenden Protagonisten in heute vielleicht obsolet gewordenen Subjekt-Typen. Nur differenzfeministische Impulse lassen sich weit und breit nicht vernehmen. Die später so wichtigen Pop-Strategien Butlers sind noch unsichtbar. Männer sind noch Männer und Frauen noch Frauen? Überhaupt ist (Un)Sichtbarkeit das eigentliche politisch-historische Verhältnis, um den Taktschlag von Sexbeat, seinen anti-pluralistischen Drive zu begreifen. Wie organisierte sich das Mediale in der alten BRD, wie eine Diskurslandschaft und Öffentlichkeit? Diedrichsen gibt nochmals Aufschluss über den totalitären Touch der alten BRD, ihrer Mischung aus Harmlosigkeit und Beton vor der Zeit des großdeutschen Privatfernsehen-Universums.

The Other People Place

All das, was schon in Sexbeat aufgespürt und verhandelt wurde, wie britische und amerikanische Rockmusik verschiedene Pop-Modelle repräsentierten, mündet in ”Sexbeat 2“ in den höchst produktiven Versuch, die Unterscheidung individueller und kollektiver Popmodelle zu begründen, diese historisch zu erden, um sie als unterschiedliche Kamerafahrten des Pop-Subjekts zu verdeutlichen: Während sich britische Pop-Musik der frühen 80er-Jahre als ”soziales Material für gesellschaftliche Projektionen und sympathisierende Politik“ generiert, sich darin ein Verhältnis zu einer Band, zu einer konkreten Gruppe, gar zu einem partizipierenden Ich ausdrücken konnte, versinnbildlichte der amerikanische Post-Hardcore-Punk ein anderes Pop-Paradigma: ”Ein Cockpit der Wahrnehmung“ (Holert) entstand, ein Identisch-Werden mit der Band und deren Sichtfenster auf Realität. Da drüben! Die Autobahn. Ich!?
Dann ging es weiter. Und Sexbeat wurde gar eine Art Drehbuch der Techno-House-Bewegung, wie Diederichsen meint. Doch filtert man den Techno-Aspekt im Vorwort, so ergeben sich kaum weitergehende Denkbilder. Man trifft auf ein scheinbar konformatives WEITER, ein Weiter im Programm, ein gleichförmiges Weiter also, ein nur auf Wiederholung abzielender MTV-Dance-Charts-Rhythm. Ist für Diederichsen Techno wirklich so etwas wie für Platon die Höhle? Lauern überall Trugbilder? So ist es auch Techno, dass für Diederichsen zwei Seiten zu versöhnen wusste: Die von einem Weiter ohne gegenkulturelle Investments, das ewige Freizeitpark-Theorem eben, und einem Weiter in einer Immanenz-Hölle (des kleinen Glücks). Der Dancefloor nur eine Lichtung im Wald? ”Man ist im Beat, aber der Blick nach Außen fällt nicht auf irgendeine asoziale andere Welt, eine Wüste oder so etwas, sondern richtet sich auf genau diese soziale Vertreterfigur, die anderen Tänzer.“ Am Ende von Sexbeat 2 steht also ein Weiter, das Techno heißt und vielleicht allzu schnell, allzu voreilig den Zustand der cleanen, glatten Cockpit-Perspektive verabsolutiert. Und es steht ein Anfang, Sexbeat wieder zu lesen, anders zu lesen. Konsequent in Diederichsens Theorie ist dabei, unversöhnlich zu bleiben, fast schon eine Realität einzuschreiben, die nicht einfach von den Floors zu fegen ist. Aber genau darum ist Sexbeat 1 und 2 auch kein Solo-Album, sondern ein Buch für ALLE, die weiter fragen: Was ist Poltitik, was das Politische? Was sollte das ”Hey, what’s up?“ des Hipsters auch anderes meinen!

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Elektronische Lebensaspekte.