Forschung zu den Obens und Untens des Oben und Unten.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 122


Corinna Caduff/Tan Wälchli (Hg.)
High/Low. Hoch- und Alltagskultur in Musik, Kunst, Literatur, Tanz und Kino
Kadmos, 2007

Dieser Sammelband geht auf ein Symposium am “Institute for Cultural Studies in the Arts“ der Zürcher Hochschule der Künste zurück. Dass Hochschule sich auch mit “low culture” beschäftigen sollte, ist spätestens seit Alltagssoziologie, Kommunikationswissenschaft und Cultural Studies auch im deutschsprachigen Wissenschaftsraum angekommen. Dass aber Hochschulen der hohen Künste, also der Kunst und Musik, sich intensiv mit den popkulturellen Umwelten ihrer Studierenden auseinander setzen, erscheint immer noch eher vorsichtig der Fall zu sein. Ein hier im Vorwort konstatierter “Triumphzug der Cultural Studies“ kann so nicht bestätigt werden. Deswegen ist das Anliegen der beiden Herausgeber dieses Bands absolut virulent.

Zudem kippen Analysen der so genannten Alltagskultur wiederum gerne in ein Ignorieren des high. Diesem Kippmoment wird hier eine Absage erteilt, indem sich etwa Bill Drummond, einst Popmusiker bei KLF, mit Kunst und Geld (mal wieder) auseinander setzt oder die Komponistin und Musikhochschul-Professorin Isabel Mundry mit einem Blick auf Björk eine “Umschichtungsgeschichte“ (S. 32) erzählt. Neben den vielen interessanten Einzelfall-Analysen zwischen Minimal Disco, Vanity Fair, Brett Easton Ellis und zeitgenössischem Tanz (Beitragende u.a. Nele Hertling, Sebastian Klotz, Susanne von Ledebur) ist hier das Augenmerk auf die Verschiebungen zwischen den ehemals deutlichen Grenzen hervorzuheben. Denn dass diese Grenzen sich verlagern oder auflösen, das ist uns allen klar, wie sie dieses aber tun, darüber sollte zukünftig genauer nachgedacht werden. Zudem erscheint stets wichtig, wer wo über high und low redet. Dann dürfte etwa auffallen, dass Popkultur in Kunst und Musik erstaunlich wenig und eher geduldet stattfindet.

Es geht aber um grundsätzliche theoretische Überlegungen und nicht um das “Auch mal“ als Hobby von Hochkulturforschern. Hier liegt auch das größte Problem dieses Bandes: Auf 150 Seiten kann einfach nicht, wie im Vorwort angekündigt, der aktuelle “Stand von high und low in Kunst, Literatur, Musik und Kino“ (S. 8) auch nur ansatzweise aufgearbeitet werden. So etwa fehlen für den Bereich der Kunst die m. E. wegweisenden Beobachtungen Arthur C. Dantos. Bei aller Sympathie für das Interdisziplinäre und die spannenden Analysen, wir sollten, außer in kulturhistorischen Betrachtungen, nun wirklich das in diesem Zusammenhang unnütze und überholte Bild des merkwürdig gestrig-elitistischen Oben und Unten (oben=reich=mächtig=Hochkultur=schlau) aufgeben.

Schließlich gibt es längst Obens und Untens des Oben und Unten usw., wie etwa im einführenden Beitrag und in der Untersuchung von Philip Ursprung angesprochen. Genau deswegen müssen auch die Helden der griechischen Mythologie noch lange nicht hinter den Simpsons verschwinden. Beide gilt es im Blick zu behalten. Das sagt uns dieses Kompendium. Und daran muss weiter gearbeitet werden.
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Elektronische Lebensaspekte.