Ellen Bareis über Orte des Alltags zwischen Nutzung und Kontrolle.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 121


Ellen Bareis
Verkaufsschlager. Urbane Shoppingmalls – Orte des Alltags zwischen Nutzung und Kontrolle
Westfälisches Dampfboot

Räume und Orte des Alltags werden derzeit viel diskutiert in Kunst und Wissenschaft, denn sie begrenzen und eröffnen unsere Möglichkeiten von Artikulation ganz entscheidend. Neben den wegweisenden Studien der Soziologin Martina Löw ist zuletzt dazu ein sehr diskutabler Sammelband von Kai-Uwe Hellmann und Guido Zurstiege über “Räume des Konsums“ entstanden, an dem der Rezensent beteiligt war. Dabei ging es um die vermeintliche Paradoxie von individuellen, kommunikativen Freiheiten (Nutzung) in hoch reglementierten, kommensurablen Räumen (Kontrolle). Genau an diesem Punkt setzt die Studie der Soziologin Ellen Bareis an, die in Frankfurt am Main am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Universität und am Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der FH arbeitet. Wobei sich Bareis, entgegen des genannten Sammelbands, der auch Festivals, Clubs, Stadien oder Flughäfen analysiert, hier ganz und gar auf den augenfälligsten Ort von Konsum konzentriert: die Shoppingmall, jene Stätte in oder an der Stadt, die eigens als Kulisse für den umfassenden Konsum von Waren sowie von Kommunikation und Entertainment geschaffen wurde. Die Autorin hat besonders die innerstädtischen, unspektakulären Malls im Visier (und weniger die “Mega-Mega-Malls“, da diese viel unauffälliger das Serielle und Gleiche in die Zentren tragen und für “die Privatisierung und die Entpolitisierung des städtischen Raums“ stehen. Bareis hat sich auf “Shoppingmalltour“, so auch der Titel eines Unterkapitels, begeben. Dabei diskutiert die Soziologin grundlegend die Bedeutung von Raum und Ort für und in Konsum, das Private und das Öffentliche sowie den Zusammenhang mit Widerstand und Feminismus, um dann ethnographisch die Berliner Großsiedlung Gropiusstadt und Mercado in Hamburg-Ottensen genauer unter die Lupe zu nehmen. Erstaunlich, dass Bareis in den theoretischen Rahmungen so unterschiedliche Überlegungen wie die von Martina Löw oder des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg nicht berücksichtigt, an denen man sich produktiv abarbeiten kann. Auch stellt sie “die Studien” der Cultural Studies sehr pauschalisierend und vereinfacht als kulturoptimistisch dar, haben sich doch viele ihrer Vertreter gerade um die Zusammenhänge von Artikulation, Aneignung, Alltag, Raum und Macht bemüht. Dennoch liefert Bareis einen fundierten und an deutschen Beispielen konkretisierten kritischen Bericht über sowohl wirtschaftliche Konsumräume als auch Marketing und Management von Städten wie Unternehmen: “Der Raum der Mall ist auch Raum in der Stadt“ – und zudem über die damit verbundene Rolle von Musik zwischen Muzak und alltäglicher Anti-Hegemonie.
http://www.dampfboot-verlag.de

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Elektronische Lebensaspekte.

Zwischen Muzak und alltäglicher Anti-Hegemonie
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 120


Ellen Bareis
Verkaufsschlager. Urbane Shoppingmalls – Orte des Alltags zwischen Nutzung und Kontrolle
Westfälisches Dampfboot, 2007

Räume und Orte des Alltags werden derzeit viel diskutiert in Kunst und Wissenschaft, denn sie begrenzen und eröffnen unsere Möglichkeiten von Artikulation ganz entscheidend. Neben den wegweisenden Studien der Soziologin Martina Löw ist zuletzt dazu ein sehr diskutabler Sammelband von Kai-Uwe Hellmann und Guido Zurstiege über “Räume des Konsums“ entstanden, an dem der Rezensent beteiligt war. Dabei ging es um die vermeintliche Paradoxie von individuellen, kommunikativen Freiheiten (Nutzung) in hoch reglementierten, kommensurablen Räumen (Kontrolle).

Genau an diesem Punkt setzt die Studie der Soziologin Ellen Bareis an, die in Frankfurt am Main am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Universität und am Institut für Stadt- und Regionalentwicklung der FH arbeitet. Wobei sich Bareis, entgegen des genannten Sammelbands, der auch Festivals, Clubs, Stadien oder Flughäfen analysiert, hier ganz und gar auf den augenfälligsten Ort von Konsum konzentriert: die Shoppingmall, jene Stätte in oder an der Stadt, die eigens als Kulisse für den umfassenden Konsum von Waren sowie von Kommunikation und Entertainment geschaffen wurde. Die Autorin hat besonders die innerstädtischen, unspektakulären Malls im Visier (und weniger die “Mega-Mega-Malls“, da diese viel unauffälliger das Serielle und Gleiche in die Zentren tragen und für “die Privatisierung und die Entpolitisierung des städtischen Raums“ stehen.

Bareis hat sich auf “Shoppingmalltour“, so auch der Titel eines Unterkapitels, begeben. Dabei diskutiert die Soziologin grundlegend die Bedeutung von Raum und Ort für und in Konsum, das Private und das Öffentliche sowie den Zusammenhang mit Widerstand und Feminismus, um dann ethnographisch die Berliner Großsiedlung Gropiusstadt und Mercado in Hamburg-Ottensen genauer unter die Lupe zu nehmen. Erstaunlich, dass Bareis in den theoretischen Rahmungen so unterschiedliche Überlegungen wie die von Martina Löw oder des amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg nicht berücksichtigt, an denen man sich produktiv abarbeiten kann. Auch stellt sie “die Studien” der Cultural Studies sehr pauschalisierend und vereinfacht als kulturoptimistisch dar, haben sich doch viele ihrer Vertreter gerade um die Zusammenhänge von Artikulation, Aneignung, Alltag, Raum und Macht bemüht.

Dennoch liefert Bareis einen fundierten und an deutschen Beispielen konkretisierten kritischen Bericht über sowohl wirtschaftliche Konsumräume als auch Marketing und Management von Städten wie Unternehmen: “Der Raum der Mall ist auch Raum in der Stadt“ – und zudem über die damit verbundene Rolle von Musik zwischen Muzak und alltäglicher Anti-Hegemonie.
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