Es um Geld, aber das ist überhaupt nicht wichtig
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 117


William Gibson
Spook Country
Putnam

Irgendwie geht es um Geld, aber das ist überhaupt nicht wichtig. William Gibsons neuer Roman hat nämlich kein Ende im herkömmlichen Sinne. Das ist kein Indiz dafür, dass “Spook Country” sich stilistisch nicht um traditionelle Merkmale des Roman-Genres kümmert … das Ende der Geschichte ist einfach nicht wichtig und der Leser nimmt es dem SciFi-Autor nicht mal übel. Vier Geschichten erzählt Gibson parallel, aufgeteilt in kurze knackige Kapitel. Und natürlich ahnt man, dass die Geschichten zusammenhängen, aufeinander zulaufen, was die Spannung der rasanten Erzählstränge nur noch verstärkt.

In L.A. recherchiert Hollis Henry, früher Popstar, heute Journalist, eine Geschichte über “locative art”, Gibsons altbewährter und einziger Cyber-Anschluss in diesem Buch. Bobby Chombo ist der Guru dieser Szene, verdient sein Geld aber mit ganz anderen Dingen und hängt mit den anderen Charakteren des Buches zusammen, deren Geschichte in New York beginnt: Tito, der kubanische Runner mit mysteriösem KGB-Training, der iPods mit verschlüsselten Daten ausliefert, Brown, der Spion mit unklarem Auftraggeber, der mit Hilfe von Milgrim, Drogenabhängiger mit guten Russisch-Kenntnissen, versucht, Tito aufzuspüren, Titos Handy abhört und sich Gespräche und Nachrichten von Milgrim übersetzen lässt.

SciFi-Ästhetik in der Gegenwart

Über allem schwebt Hubertus Bigend, Medien-Connaisseur und Besitzer der Werbeagentur “Big Ant” (kennen wir schon aus “Pattern Recognition”) und des Magazins “Node”, der Hollis mit der “locative art”-Reportage beauftragt hat, eigentlich aber nur daran interessiert ist, dass Hollis Chombo aufstöbert, um Informationen über dessen eigentlichen Job zu bekommen. Chombo trackt einen Container mit wahnsinnig viel Geld, der auf den Weltmeeren stetig von einem Frachtschiff auf das nächste umgeladen wird. Hinter diesem Container ist auch der alte Mann her, an den Tito die iPods liefert.

Die einzelnen Handlungsstränge sind per se schon so spannend, dass ihre Vermischung sich innerhalb kürzester Zeit zu einem furiosen Roman hochschaukelt. Natürlich treffen sich die Charaktere, ihre Geschichten haben zu viel Gemeinsames, als dass man das verhindern könnte. Der große Bang, mit allen Konsequenzen, über die man sich nach und nach klar wird, bleibt aber aus. Die unerwartete Wendung der Geschichte ist nur ein Aspekt, der “Spook Country” zu einem grandiosen Roman werden lässt. Die Art und Weise, wie Gibson es schafft, die SciFi-Ästhetik in die Gegenwart zu integrieren, sie so weit zu verdecken, dass man sie als Aspekt des Alltäglichen einfach hinnimmt, ist einzigartig. Ein großer Roman!
http://us.penguingroup.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.