Religion, Krieg, Aids und die große Frage
Text: Fabian Dietrich aus De:Bug 113


Manual
Wolfgang Tillmans
Verlag der Buchhandlung König, 49, 80 Euro

Subtilität ist die große Stärke des Fotografen Wolfgang Tillmans. In seinen Portraits entsteht die Drastik – im Gegensatz zu plakativ arbeitenden Künstlern wie Martin Parr, David La Chapelle, Terry Richardson oder Andreas Gursky – immer erst in der Interpretation des Betrachters. Das Bild des Grabsteins seines verstorbenen Lebensgefährten wird nur durch den persönlichen Bezug des Fotografen zu einer Geschichte und Katastrophe.

In Tillmans’ neuem Buch, “Manual”, ist vieles anders. Die Bilder dokumentieren nicht mehr, sondern sie abstrahieren. Sie sind nicht mehr intim, sondern politisch. Sie sind weniger Fotografien als freie künstlerische Arbeiten. Das Buch enthält Abbildungen von Zeitungsschnipseln, körnigen Farbverläufen und zu Installationen arrangierten Tischen (so genannten “Truth Study Center“). Statt um die Freunde, die Reisen, die Partys und den Hausrat des Künstlers geht es nun um Religion, Krieg, Aids und die große Frage, gibt es eine oder viele Wahrheiten. Wolfgang Tillmans polemisiert stellenweise heftig. “Für die Opfer organisierter Religionen“ heißt eine kachelartige Installation aus schwarzem Fotopapier. Der Effekt ist seltsam: je direkter und wütender, desto weniger ist es drastisch. Am lautesten sind immer die leisen Bilder.
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Elektronische Lebensaspekte.