Text: verschiedene autoren aus De:Bug 52

Bücher

SPALTE NICHT GANZ VOLL WEGEN JEANSBUCHBILD

Die Jeans im Buch

Es wurde höchste Zeit, daß sich jemand mit der Bedeutung von Blue Jeans auseinandersetzt. Anna Schober unterscheidet in “Blue Jeans. Vom Leben in Stoffen und Bildern” mit Hilfe von Roland Barthes “experimenteller Mythologie” zwischen zwei Formen der Aneignung – einerseits gesellschaftlich dominierenden Deutungen und anderseits subversiven Interpretationen. Schobers Untersuchung betrachtet die Jeans in drei Zeitabschnitten: Erstens Amerika in den Jahren 1906 – 1913, dann die Zeit des New Deal 1937 – 1945 und schließlich den Sprung in das Deutschland der 50er und 60er Jahre. Im ersten Teil beschäftigt sie sich mit Spielfilmen, im zweiten analysiert sie hauptsächlich Fotos und im dritten widmet sie sich Quellen von Privatfotos bis zu Schwulenmagazinen. Das alles ist spannend zu lesen, zumal man ständig auf Bekanntes stößt, das mit dem Blick auf die Jeans Neues offenbart. Und wie geht die Geschichte der Jeans nun weiter? Heute werden die Hosen schon von den Herstellern individualisiert, indem sie einen Bodyscan ermittelten und in Maßen angefertigt werden. Mass costomization heißt das dann zum Beispiel bei Levi´s. Das heißt, die Formen der Aneignung verschieben sich. Doch die Paßform bleibt subjektiv. Die subversiven Taktiken der Trägerin für Wissenschaftlerin wie Designerinnen bleiben nach wie vor spannend. Für die Trägerin natürlich auch. (Katharina Tietze)

Anna Schober: Blue Jeans. Vom Leben in Stoffen und Bildern, Campus 2001, 57,99 DM

Dath-Roman

Ende 1998 bis Anfang 2000 war Dietmar Dath Chefredakteur der Spex. Er hat es dort nicht leicht gehabt, aber er hat einen spannenden und verstörend-traurigen Roman über seine Zeit dort geschrieben, der sich jeder peinlichen Abrechnerei verweigert. Als Daths Alter Ego Martin Mahr seinen Posten antritt, steht “Phonon” kurz vor dem Bankrott, zwischen den “Phononianern” (Herausgeberschaft/Redaktion) verlaufen entlang politischer ind inhaltlicher Fragen tiefe Gräben. Sie vertiefen sich weiter, trotz oder wegen Martins Versuchen, aus Phonon ein popkulturelles Diskursiversum für eine bessere Welt zu zimmern. Martin scheitert, Phonon wird verkauft. Natürlich wäre Dath nicht er selbst, hätte er es bei Phononsujet und Ich-Reflexionen belassen, in denen er sich und den Lesern halluzinatorisch-tastend zu erklären sucht, was genau mit ihm und den anderen damals passiert ist. Auf einer zweiten, phantasmatischen Ebene verwickelt der Autor die konstitutionelle Monarchie BRD, intelligente Roboterwesen und die antiroyalistische Gruppe Pfadintegral in eine Art Krieg und potenziert damit nochmals allegorisch das verzweifelte Unbehagen der Phononianer. Am Ende des Buches steht nicht Versöhnung, sondern das finstere Ende der Welt. [Michael Saager]

Dietmar Dath: Phonon oder Staat ohne Namen (Edition Pfadintegral, 34 DM)

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Text: mercedes bunz, sascha kösch | mrs.bunz@de-bug.de, bleed@de-bug.de aus De:Bug 51

Buch

Medientheorie beim DuMont-Verlag

Der Kölner DuMont-Verlag legt los: Drei bis vier medientheoretische Sammelbände sollen in Zukunft pro Jahr in Zusammenarbeit mit dem Forschungskolleg “Medien und kulturelle Kommunikation” der Kölner Universität erscheinen. Den Anfang machen “Schnittstelle – Medien und kulturelle Kommunikation” und “Die Adresse des Mediums” – beide hervorgegangen aus zwei Kongressen des Kollegs. Wer es schafft, sich durch die 17-?? Aufsätze zu lesen, hat sich auf jeden Fall einen profunden Überblick über die Ansätze deutscher Medientheorie erworben, in der “Adresse des Mediums” komplementiert durch kurze Abstecher in die USA zum Beispiel durch W.J.T. Mitchell. “Schnittstelle” beeindruckt durch seine große Bandbreite – unter anderem die beiden Grand Dames der Medientheorie Aleida Assmann und Elena Eposito, die Kittlerianer Bernhard Dotzler und Wolfgang Ernst, Georg Stanitzek, Anselm Haverkamp, Systemtheoretiker Dirk Baecker und viele andere. “Adresse des Mediums” wartet dafür mit W.J.T. Mitchell, Bettine Menke, Timothy Lenoir, Faye Ginsburg, Wolfgang Schäffner und vielen anderen auf. Für September ist übrigens bereits der nächste Band der Mediologie-Reihe angekündigt:”Medien der Präsenz – Museum, Bildung und Wissenschaft im 19. Jahrhundert”.

Georg Stanitzek, Wilhelm Voßkamp: Schnittstelle. Medien und kulturelle Kommunikation. In der Reihe Mediologie, Band 1. DuMont Verlag 2001. 282 Seiten. 39, 80 DM.

Stefan Andriopoulos, Gabriele Schabacher, Eckhard Schumacher: Die Adresse des Mediums. In der Reihe Mediologie, Band 2. DuMont Verlag 2001. 282 Seiten. 39, 80 DM.

Die Verbesserte Frau
Neuro-Thriller von Barbara Kirchner

Es fließt viel Blut in Borbruck. Dieser merkwürdigen Stadt, die sich Dietmar Dath und Barbara Kirchner in ihren Romanen teilen, und die sie, neben den verschiedensten Versuchen, die in unseren Breitengraden heimische und ehemalig “linke Subkultur” vor der antitechnologischen Verdammnis zu retten und ihr Ehrfurcht vor Heavy Metal einzuflößen, beherrschen wie die Genres deutscher Science Fiction (DD) und deutscher Thriller (BK). In Barbara Kirchners schmerzvoll leichtem Blutbad “Die Verbesserte Frau”, im Verbrecher Verlag erschienen, dreht sich die Geschichte (und sie dreht sich schnell) um das Produkt Mensch, das immer noch erst mal “die Frau” als Produkt ist, und die ihre Geschichte mit unbestimmtem Ausgang in den Mühlen von Produktionsverhältnissen findet. Die heißen: Universität, private Forschung, WG, multinationale Konzerne, Mensa, Neurochirurgie, kleinstädtische Urbanität, sexuelle Praxis, Jäger, Leichen und Studenten. In dem dichten, schillernden Geflecht aus Sommergewittern, Hoffnungen auf Zusammenhalt, Gleichgültigkeiten des Durchhaltens, Resten von Wissenschaftspurismus und kurzen Atempausen rast Protagonistin Bettina kopfüber in die Unausweichlichkeit einer verwischten Signatur hinein (wir machen das hier etwas abstrakter, um die Geschichte nicht zu verraten – nicht um clever zu klingen). Und der Leser immer hinterher, immer auf der Fährte möglicher Resonanzen in seiner eigenen Stadt. Schnell, gemein und gerecht.

Barbara Kirchner, “Die Verbesserte Frau”, Verbrecher Verlag, 2001, 28 DM.
http://www.verbrecherei.de

Guy Debord Tagung – Karlsruhe
Kurator Roberto Ohrt – deutscher Übersetzer der Situationisten-Schriften – ruft vom 29.09.-30.09. zur Tagung ins ZKM Karlsruhe. Anläßlich des Beginns einer Debord-Ausstellung im ZKM reden Giorgio Agamben, Jean-Marie Apostolides, Benjamin Buchloh, Timothy J. Clark, Jost Müller, Donald Nickolson-Smith, Roberto Ohrt, Peter Weibel und Mark Wigley. Ganz schön was aufgeboten.

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Geburt der Wissensgesellschaft, Ästhetik des Ähnlichen, Information & Zusammenhang aus De:Bug 49

Geburt der Wissensgesellschaft

Der Historiker Peter Burke war clever. Mit “Papier und Marktgeschrei – Die Geburt der Wissensgesellschaft” hat er pünktlich zur Verschiebung des ökonomischen Paradigmas von Schwermetal auf Information unter dem Leitfaden letzterer sein ganzes großes Wissen über die europäische Geschichte in ein Buch gepackt. Eine unglaubliche Menge an Beispielen, wie man in diesen geographischen Breiten mit Wissen umgegangen ist. Wie und wo man es gelehrt hat, wie man es organisierte und verwaltete, es klassifizierte, kontrollierte und verkaufte. Ein dickes Buch ist es geworden, und trotzdem wird man nicht so ganz glücklich damit. Mehr oder weniger hat man das Gefühl, hier sammelt jemand Beispiele zusammen, achtet aber nicht auf ihre Häufungen und Serienbildungen. Burke verzichtet darauf, die verschiedenen Formationen die Information und Wissen in der Geschichte angenommen haben, nachzuzeichnen, und obwohl einhundertdreiundachtzig Mal der Name Foucault fällt und das Buch mit dem Titel “Geburt” auch deutlich auf seine Methode verweist, hat man es doch nicht mit einer Archäologie zu tun, sondern mit einer klassisch historisch-zeitlinearen Aufzählung. Schon etwas schade. [mercedes bunz]

Peter Burke: Papier und Marktgeschrei. Die Geburt der Wissensgesellschaft. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2000 (englische Ausgabe von 1997). ?? DM.

Ästhetik des Ähnlichen

Kein Zweifel, das Ähnliche gelangt in der ästhetischen Theorie wieder zur Konjunktur. Schuld daran ist einerseits der Computer, dessen digital zusammengehaltener “identischer” Kopiervorgang die Theorie auffordert, sich um neue Distinktionen zu kümmern. Und Foucaults Studie über die vier Modi der Ähnlichkeit in der Renaissance aus “Die Ordnung der Dinge”, die gerne als Ausgangspunkt angesurft wird. Blick zurück nach vorn: “Ästhetik des Ähnlichen” versammelt hier verschiedene Aufsätze, die der Ähnlichkeit anders als der Meister in jüngerer Zeit von der Romantik um 1800 bis zur Moderne nachspüren. Waldemar Fromm erklärt intelligent die romantische These einer Sympathie des Zeichens mit dem Bezeichneten, Gert Mattenklott bemüht sich, mit Paul Valery Hermeneutik und Dekonstruktion von ihrem Thron zu stoßen. Außerdem findet sich eine Analyse der Poetik des Ähnlichen bei Baudelaire (Gerald Funk); die Lehre vom Ähnlichen bei Mallarmé (Michael Pauen); Ähnlichkeit als Provokation in den Bilderwelten des Surrealismus (Markus Bauer); sowie Ähnlichkeit im Sprachgebrauch Wittgensteins (Joachim Renn); bzw. als Motiv der Ähnlichkeit im Film bei Jean-Luc Godard. Die Vielfältigkeit der Thematik tut der Figur der Ähnlichkeit dabei keinen Abbruch. Ästhetische Nasen sollten das lesen. [mercedes bunz]

Gerald Funk, Gert Mattenklott, Michael Pauen: Ästhetik des Ähnlichen. Zur Poetik und Kunstphilosophie in der Moderne. Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2001. ?? DM

Information & Zusammenhang

Wenn man Luhmanns These einmal glaubt, dass Sinn nur kontextgebunden verstanden werden kann, und es deshalb dennoch unwahrscheinlich ist, dass einer überhaupt versteht, was der andere meint, ist man etwas skeptisch gegenüber Informationstheorien. Nichts desto trotz ist es unabdingbar, sich Informationen über Information näher anzuschauen, um vielleicht doch eine Ahnung davon zu bekommen, wie Sinn generiert wird, bzw. wie das Verhältnis von Information und Kontext aufgebaut ist. Bernard Favre-Bulle hat die verschiedenen Ansätze der Kognitionswissenschaften und auch den der Nachrichtentheorie miteinander verbunden, um herauszukriegen, wie wir Information verarbeiten, sie wahrnehmen und strukturieren. Damit der Gang durch die Wissenschaften nicht auf der Metaebene hängen bleibt, gibt es auch praktische Beispiele, mit dem sich bei der nächsten Diskussion, was denn das Informationszeitalter ausmacht, bestimmt auftrumpfen lässt. (Anne Pascual)

Bernard Favre-Bulle: Information und Zusammenhang. Wien, Springer: 2001. 68,- DM

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aus De:Bug 35

Buch News Rainald Goetz: Dekonspiratione Jo. Romane besprechen ist seit etwa einem halben Jahr nichts mehr, was man dem eingestaubten literarischen Quartett überlassen möchte. Man möchte selbst den kalten, muffigen Hauch vor der Gruft der Literatur tief in die Lungen einziehen. Ein Atemzug der Ewigkeit. Mann muss “Dekonspiratione” aber nicht als germanistische Konstruktionen verhandeln. Ein besserer Hintergrund wäre z.B. ein Fernseher, ein Redaktionsschreibtisch oder eine Wichtig-wichtig-Party. Passender, denn in der Erzählung finden sich diese Orte ineinander geschoben: Goetz Blickwinkel trifft auf Benjamin von Stuckrad-Barre, den er neu erfindet. Das ist gut, wird aber noch besser, weil Goetz Teile aus Stuckrads “Soloalbum” (Trennung von Katharina, die jetzt hier auch endlich mal selbst zu Wort kommen darf, Katermorgen, Magersucht) aufnimmt, damit aber Stuckrads realer Biografie entlang ein paar Jahre nach vorne rutscht. Und irgendwie damit auch all das kommentiert, der Hype um Stuckrad, vor allem aber um die locker strammstehende Junge Deutsche Literatur und die ihre Szene. Herauskommt eine Erzählung, die eine irre gute Projektionsfläche für uns alle abgibt und genau dadurch was zu sagen hat. Wie das funktioniert. Extrem amüsant zu lesen. Suhrkamp, über 200 Seiten, DM 36 MB David Wagner: Meine nachtblaue Hose Barbesucher führen ihre Hosen vor, die Freundin des Helden hat Jeans an, die Hose des Helden kauft Mama bei Harvey Nichols in London – sie hat magische Kräfte, wie sich bei seiner Freundin Fe herausstellt. Die Beziehungsgeschichte mit Fe und der Hose ist der Faden, um den der Roman eine Welt voller fraktaler Details strickt: ein Dorn springt aus einem Gürtelloch, es gibt einen alten Diercke-Atlas, zwei Sorten Guhl, tastbare Leberflecke und Kunststoffplatten wie aus gefrorenem Honig. Die Literaturlektion, Dinge nie unscharf zu erzählen, sondern so präzise wie möglich, hat David Wagner in einer bildreichen und bewusst literarischen Sprache nach Kräften beherzigt. Beckett hat bei Proust willkürliche und unwillkürliche Erinnerungen unterschieden. Wagner ist ganz vom Willen zur Erinnerung durchdrungen – ein Wille, der nichts erzählt, sondern sich langsam und beharrlich zerstreut. Unwillkürlich stellt man sich vor, wie die Eltern des Autors das Buch ihres Sohnes nach Details aus dem Familienleben durchstöbern. Alexander Fest Verlag, 185 Seiten, DM 34 SH Heinrich Dubel: Helikopter Hysterie Dubel hat mit ungespielter Begeisterung für das Objekt der Untersuchung eine wunderbaren kleinen Helikopter-Lebenslauf vorgelegt. Die Form des Buchs ist die einer Rotation. Sie beginnt mit den mystischen Sehnsüchten nach dem Fliegen, geht weiter zu den ersten missglückten Versuchen und schwingt sich auf zum Höhenflug. Personen, die dem Helikopter real oder geistig begegnet sind, tauchen auf – von Hermes Trismegistos bis zu Heinrich Dubel, von Leo da Vinci bis zu Harald Schmidt. Dann stürzt sich der Text tiefer und tiefer in Verschwörungstheorien und die titelgebende Hysterie: Rätselhafte Zunahme der Helikopter in der TV-Werbung, Hubschrauber in Botticellis Primavera, Hubschrauber = Gebetsmühlen = Plattenspieler (oder wusste jemand, das Emil Berliner, der Erfinder des Grammophons, auch Helikopter hergestellte hat?). Massmedia Vol. 5, 176 Seiten, ca. 100 Abbildungen, DM 28,00 SH Kunst Noch kurz vor Schluss brachte der UPS-Mann in die Redaktion zwei Kunstbücher, die wir nicht unerwähnt lassen wollen. Roberto Ohrt, derzeit vor allem als Gründer der Akademie Isotrop unterwegs, hat im Nautilus Verlag einen Sammelband zu seinem Fachgebiet “Situationsimus” herausgebracht. Titel: Das Grosse Spiel. Die Situationisten zwischen Politik und Kunst. Mit: Timothy J. Clark, Donald Nicholson-Smith, Odile Passot, Stephen Hastings-King und Gilles Dauvé. (34 DM.) Und die Kunsthalle Wien hat zur Ausstellung “Get Together, Kunst als Teamwork” im Folio Verlag Wien einen ausführlichen Katalog erstellt, in dem die Künstler selbst ihre Arbeitsweise beschreiben. Dabei sind ziemlich viele, die in der zeitgenössischen Kunstszene sich einen Namen gemacht haben, von Heimo Zoberning über Vanessa Beecroft bis hin zum ASCII Art Ensemble oder Mike Kelly und und und. Dafür 56 DM.

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news
Text: aram aus De:Bug 32

buch Aram Lintzel aram.lintzel@gmx.de Neues aus Medientheorie, Politik und Lebensstilen: Bei der “Deutschen Verlags-Anstalt” ist ein Sammelband für all jene erschienen, die sich systematisch mit Medientheorien befassen wollen. Das von der Medienfakultät der Bauhaus-Universität Weimar herausgegebene “Kursbuch Medienkultur” bietet eine kommentierte Textauswahl medientheoretischer Quellen aus den letzten 100 Jahren – “von Brecht bis Baudrillard”, wie es im Untertitel heisst. Ein Kapitel lautet “Wege, Kanäle, Übertragungen” und behandelt somit das Spezialgebiet des Medienguerilleros Christoph Schlingensief. Beim “Lautsprecher Verlag” ist nun eine Dokumentation über die Schlingensief-Partei “Chance 2000” erschienen, die während des Bundestagswahlkampfes 1998 die Medienverhältnisse zum Tanzen brachte. In seinem Vorwort des Buches, das Artikel, Reden und Manifeste versammelt, schreibt Schlingensief rückblickend: “Es war eine gute Zeit und sie ist noch lange nicht vorbei! Denn sie war gnadenlos wahr!” Denn, so darf man hinzufügen: Politik ist heute nur ein Lebensstil unter anderen. Das wissen auch die drei Berlin-Mitte-Überlebenden Alexa Hennig von Lange, Till Müller-Klug und Daniel Haaksmann. In ihrem gemeinsamen “Tagebuchroman” mit dem Titel “Mai 3D” entäussern sie sich über ihre zwischenmenschlichen und subkulturellen (Fehl-)leistungen einst im Mai. Mit dem Mai 68 hat das allerdings nichts zu tun, denn ihre Stuckrad-Barre-artigen Selbst- und Umweltbeobachtungen zielen nicht auf die Herrschenden, sondern aufs eigene Befinden, das immer wieder neu ausbalanciert und bestätigt werden muss. Subjektivismus rult auch in “Generation Golf” von Florian Illies, das am 21. Februar auf den Markt kommt. Allerdings hat der Redakteur der “Berliner Seiten” der FAZ mehr zu sagen, als seine drei KollegInnen. Denn “Generation Golf” ist auch eine Rückschau auf “Kindheit. Schulzeit. Playmobil”, also eine sentimentale Erinnerungsarbeit, die zuweilen durchaus ins Herz schiesst. Nach Playmobil (80er) kam für Illies der Golf (90er), ein kultureller Paradigmenwechsel, in dem ich mich aber leider nicht wiederfinden kann, denn mein Weg führte vom Kinderzimmer geradewegs aufs Bonanzarad. Auch der Klappentextaussage “die achtziger Jahre Jahre waren das langweiligste Jahrzehnt dieses Jahrhunderts” kann ich kaum zustimmen.

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Elektronische Lebensaspekte.

aus De:Bug 29

+++Sage und schreibe 948 Gramm wiegt die Buchversion von Rainald Goetzens “Abfall für Alle”, das soeben mit dem Untertitel “Roman eines Jahres” bei Suhrkamp erschienen ist. Letztes Jahr liessen die darin enthaltenen Textmassen noch leichter (als digitale Daten) und billiger (für null statt 49,80 DM) haben – aber es gibt ja immer noch Leute ohne Modem, insofern hat diese Publikation ihre volle Berechtigung. +++ Der angebliche deutsche Chef-Netztheoretiker Florian Rötzer ist ja ein ähnlicher Vielpublizierer wie Rainald Goetz. Bei Campus hat er nun wieder einen seiner berüchtigten Reader rausgebracht – Titel: ”Megamaschine Wissen – Vision: Überleben im Netz”. +++Kein Chance hätte Rötzer mit seinen flachen Reflexionen wohl gegen den coolen Medientheoretiker Plato gehabt, aber der lebt ja leider nicht mehr. Grund genug für eine Neuauflage: Ein bei UTB erschienener Reader mit dem Titel “Von der Stimme zum Internet. Texte zur Geschichte der Medienanalyse” (hrsg. von Detlev Schöttker) beginnt mit einem Auszug aus Platons “Phaidros” und endet bei den “neuen Medientheorien aus Deutschland” (Kittler, Bolz und -äh-Rötzer). Insgesamt eine extrem lohnende Einführung ins Mediendenken. +++ Der beknackte Titel verspricht nichts Gutes, dennoch lohnt sich ein Blick in “emotional digital”. In dem katalogartig aufgemachten Teil findet man “Porträts internationaler Type-Designer und ihrer neuesten Fonts”. Schön anzusehen und informativ, dafür teuer (DM 128,-) und nicht immer aktuell…+++

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