Lewis, Bruns & Meyer
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 143

Was haben Forschende aus und zu Soziologie, Kreativindustrie und Politikwissenschaft gemein? Nun, sie beobachten sozusagen aus ganz unterschiedlichen disziplinären und nationalen Perspektiven unser Leben mit den so genannten neuen Technologien. Was einst in Science Fiction stattfand, dann in unser Leben vor allem über die immer günstiger zu kaufende und zu lernende Computertechnologie eindrang und zunächst sowohl skeptisch als auch euphorisch beurteilt wurde, ist längst in einer mediengeschichtlich viel wichtigeren und spannenderen Phase angekommen. Nennen wir es die allmähliche, unaufgeregte Professionalisierung. Wir alle – ob nun Student, Malermeister, Arzt, Arbeitsloser oder Rentner – haben längst gewisse Routinen entwickelt im Umgang mit Computer-, Internet- und Mobil-Technologie und all deren Verflechtungen.

Was uns nicht einer Kritikfähigkeit entledigt. Wir müssen erst noch (besser) lernen, welche Technologie uns inwiefern weiter hilft. Und werden feststellen, dass für bestimmte Anlässe eben doch auch das Buch und die Tageszeitung im doppelten Sinn machen. Genau an diesem Punkt setzen die theoretisch und methodisch sehr unterschiedlichen Studien von Tania Lewis (Melbourne), Axel Bruns (Brisbane) und Erik Meyer (Gießen) an. Lewis hat sich in ihrer kleinen, gut zu lesenden Studie angedockt an in den letzten Jahren immer populärer gewordene Expertisen des Selbst. Bei der Soziologin sind das dann das Kochen im Sinne Jamie Olivers, die Supernanny oder bestimmte australische Fernsehserien. Hier wird Selbstorganisation von außen eingetrichtert, um die Ergebnisse dann aber für dieses Außen (etwa RTL/Dieter Bohlen) fruchtbar zu machen: die Pervertierung und Kommerzialisierung der Hilfe zu Selbsthilfe.

Tania Lewis betrachtet den Lebensstil-, Marken-, Celebrity- und Konsum-Kult zwar nicht ganz so negativ, doch ihr Tenor ist ähnlich: Auch ganz ohne Rekurs auf Foucault oder Deleuze beschreibt sie das Expertentum dieser neuen DIY-Kulturen als sozialen und durch die Massenmedien bedingten Wandel. Ausführlicher widmet sich Axel Bruns diesem Wandel zum Jedermann-Experten, zum letztlich, wie Lewis es nennt, “reflexive Consumer”, oder bei Bruns “produser”. Die Beobachtung des produzierenden Rezipienten ist wahrlich nicht neu und mehr als ein Trend. Einst etwa mit den Cultural Studies als zu Recht progressiv lanciert, sind derlei Überlegungen längst von eben Trend-, Markt- und Lebensstilforschung kommerzialisiert worden.

Bruns beschreibt zunächst die Entwicklung und die Charakteristika dieses “Produsage”. “Open Participation”, “Fluid Heterarchy”, “Unfinished Artifacts” und “Common Property” sind natürlich Effekte, die Bruns an Wikipedia, Blogs und Second Life diskutiert, um dann im zweiten Teil seiner groß angelegten Studie deren Möglichkeiten und Gefahren zu analysieren, was seinen Band erfreulich ausgewogen erscheinen lässt. Besonders spannend sind Bruns‘ Schlüsse daraus für die (Aus-)Bildung: “Educating Produsers, Produsing Education”, denn in dieser Hinsicht dürfen sich die Generationen eigentlich unter keinen Umständen entkoppeln.

Erik Meyer schließlich nimmt sich mit acht Autoren zwischen Politik- und Geschichtswissenschaft eines bestimmten, besonders auffälligen Aspekts unserer neuen Medien(technologie)welten an: der Erinnerungskultur in Medien, die gewissermaßen nicht(s) vergessen, gleichzeitig aber alles anhäufen und unübersichtlich machen. Angelehnt an bekannte Studien im Umfeld des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen (Harald Welzer, Claus Leggewie) analysieren die Beitragenden vorrangig Geschichtsvermittlungen anhand von Computerspielen, E-Learning, virtuellen Rekonstruktionen auf Websites und in Datenbanken. Neben diesem historischen Schwerpunkt, der uns ohne Frage weiter beschäftigen wird, sind die eher grundlegenden Aufsätze von Erik Meyer zur “Erinnerungskultur 2.0?” und Claus Leggewie über die “Virtualisierung des Erinnerns” anregend, die sich auf die “formative Rolle von (Massen-)Medien für die Vergegenwärtigung von Vergangenheit” konzentrieren.

Hier ist im Übrigen auch für den Bereich von Pop und Unterhaltung noch nicht viel geleistet worden: Wer gestaltet etwa Erinnerungsanlässe auf welchen Ebenen mit welchen Auswirkungen? Wo liegen Diskursmächte usw.? Wer sich für eine fundierte und keineswegs resignative Kritik der neuen Selbst-Technologien, -Managements und gleichzeitig -Fesselungen interessiert, sollte unbedingt das dünne Buch “Capitalist Realism” von Mark Fisher lesen, der einen Schritt weiter als Lewis und Bruns geht und eine Alternative sucht und für möglich hält.

http://www.peterlang.com
http://www.campus.de

Tania Lewis – Smart Living. Lifestyle Media and Popular Expertise (Peter Lang)

Axel Bruns – Blogs, Wikipedia, Second Life, and Beyond. From Production to Produsage (Peter Lang)

Erik Meyer (Hg.) – Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien (Campus)

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Elektronische Lebensaspekte.

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