Bertelsmann hat es gerade vorgemacht: Liz Mohn möchte lieber Leuten in Fußgängerzonen Buchclubmitgliedschaften andrehen, als ihren Ex-Vorstandschef Middelhoff weiter über das Electronic Age schwadronieren zu lassen. Rückzug aus der Elektronikbranche. Ein Trend? Auch die Frankfurter Buchmesse weist der Digitalität einen stiefmütterlichen Platz zu und verspielt offenliegendes Potential. Lange wird man das jedoch nicht mehr ignorieren können.
Text: Karen Khurana, Mercedes Bunz aus De:Bug 64

Ein Buch hat zwei Deckel, basta!

Immerhin: Jeder fünfte Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse hat eine CD oder ähnlich elektronisch gelagertes Gedankengut im Gepäck. Das Netz gilt immer noch – trotz Einbruch der New Economy – als ein Signifikant für Modernität und Zukunftsmusik, mit dem man sich gerne schmückt. Nur: Irgendwie kriegen die Verlage das nicht zusammen mit einem echten Interesse für Veränderung von Text durch Digitalität. Mit Skripten, Programmen und Codes, mit dem Maschinenaspekt der Sprache will man in der Literaturwelt lieber nicht allzu viel zu tun haben, geschweige denn, darüber nachdenken, wie sich das Lesen, das Schreiben oder das Rezipieren durch elektronische Formate verändert. Die Welt der Literatur nutzt den Computer, ist aber nicht bereit, ihn ernst zu nehmen. Lieber hat man die E-Books mit dummer Oberfläche erfunden, die man doch nur als einen kläglichen Versuch verstehen kann, die eigene proprietäre Struktur von Textökonomie aufrechtzuerhalten und dem elektronischen Text einen Platz darin zuzuweisen. Doch Pech gehabt: Notebooks sind längst die interessanteren E-Books geworden und Code, eben auch eine Form von Schrift, pflegt Übergänge zur Literatur, die geflissentlich ignoriert werden.

Was man in der Wissenschaft schon lange ahnt, wird in der Kunstökonomie der Buchmesse weiter fleißig übersehen. Dass Texte mehr wissen als ihre Autoren, zumindest mehr speichern, widerspenstig sind und mindestens soviel Unsinn produzieren wie Sinn. Und genau das kann man doch lernen vom elektronischen Text und sich in Standleitung permanent vorführen lassen. Wie jede Textmarke codiert, prozessiert, dekodiert wird und in unterschiedlichen Umgebungen unterschiedlich funktioniert. Alles eine Frage der Übersetzung. Suchen, Kopieren und Einsetzen werden zu den zentralen Funktionen des markierten Textumgangs.

Das lästige E

Doch die Buchmesse kneift weiterhin die Augen zu. Die Elektronik bekommt hier ihren festen Platz an einer Stelle zugewiesen, an der sie den herkömmlichen Betrieb nicht stört: in der Spieleabteilung, in E-Worten wie E-Learning und E-Books. Außerdem darf sie Bibliotheksbestände sortieren. Icicom heißt das neubenannte Treffen der Bibliothekare und Buchverkäufer, die unter dem Titel “Content Management for Profession” neue Strategien im Organisieren von Content vorstellen. Da wird es um Lösungen für schnelle Textlieferungen gehen, E-Learning und Wissensmanagement. Zum Beispiel stellt sich das Verbundprojekt GAP vor, das Fachzeitschriften von ihrem Monopol-Thron stürzen will. Dazu fördern sie Universitätsverlage, die mittels elektronischem Operieren und teilweise Publizieren die Kosten minimieren. An sich keine schlechten Ansätze. Dennoch: Es geht hier vor allem um eine bessere Textzustellung im Wissenschaftsbereich. Eine Vermittlung von so etwas wie einer verschobenen Schriftpraxis und Ästhetik, einer anderen Zeitlichkeit des Schreibens und Lesens, wird man nicht finden. Die ist auf der Frankfurter Buchmesse – “der größten internationalen Medienmesse” – nicht wirklich in Sicht. Doch warum nicht zugeben, dass der Computer Texte und Publikationen nicht nur organisiert, sondern in sie eingreift?

Lieber Verein der ergrauten Hochkultur, wir schlagen vor, die Buchmesse zu einer “Messe für Schrift” zu machen und das Fokussieren auf Papier zwischen Buchdeckeln ad acta zu legen. Schließlich gibt es auch keine Messe für CDs, DVDs oder Videos, sondern für Musik. Man muss endlich aufhören, digitalen Text als Accessoire in den Schminkkasten zu legen und sein Potential zuzupudern. Warum sucht man denn tatsächlich immer noch in Hyperlinks und Flashanimationen nach der Eigenheit von Netzliteratur, wo Tastenkombinationen wie “Apfel” oder “Steuerung f” jeden Link der Welt setzen können, vorausgesetzt sie haben Zugang zum digitalen Text? Verändert sich das Lesen nicht durch die Indices, die die Bücher bevölkern? Werden sie vielleicht auch bald vom Sachbuch in die Literatur eindringen und die Alternative zum wohlerzogenen von vorne nach hinten Lesen intensivieren? Und sollte nicht allen Büchern eine digitale Kopie als bessere Suchmaschine beiliegen? Als Schriftmesse könnte dieser Büchermarkt alte Kontinuitäten pflegen und gleichzeitig über sich hinauswachsen. Man könnte sich für neue Formen des Publizierens und Prozessierens von Texten interessieren und dem nachspüren, wie sich Text durch Digitalität verdreht. Das wäre doch mal eine offene Frage, die sich neugierig in den Vordergrund drängt. Und den Fokus auf die Form legen, das liegt den Wörtern ja eigentlich nahe.

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Elektronische Lebensaspekte.