Schlau werden für´n schlappen 10er.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 122


Diverse – Ableger
(Kadmos, 2007/2008)

Der Berliner Verlag Kadmos geht in die Offensive: Neben einem insgesamt deutlich erweiterten und gleichzeitig auf Medienkultur und Kunsttheorie spezialisierten Hauptprogramm gibt es nun eine erschwingliche Taschenbuchreihe namens “Ableger”. Verleger Wolfram Burckhardt versammelt darin bisher vier Bände im retroesken Look der guten alten Leitz-Ordner und spielt damit sogar noch mit Begriffen wie Ordnung und Archiv, die in genannten Feldern gerade intensiv diskutiert werden.

Hier wird sozusagen theoretisch augenzwinkernd mit Empfehlung und gegen das Vergessen abgelegt. Damit wird an Merve, “Short Cuts” von Zweitausendeins oder auch Suhrkamp angeknüpft. Solch einen Ableger kann man sich schnell mal zulegen und muss eben nicht gleich 40 bis 80 Euro für ein Fachbuch bezahlen. Alles sehr löblich.

Die ersten vier Bände sind aber auch inhaltlich anregend: Gewohnt assoziativ nimmt sich im ersten Band Slavoj Zizek in “Der zweite Tod der Oper” der europäischen Operngeschichte an. Der slowenische Kulturphilosoph und Psychoanalytiker überrascht erwartungsgemäß, lässt er doch “Matrix” und “Vögel” dieses Mal im Hintergrund, erklärt stattdessen der Oper gewohnt assoziationsreich seine Liebe. Frederic Jameson, Literaturwissenschaftler und Leiter des Zentrums für kritische Theorie an der Duke University Durham (USA), widmet sich den “Mythen der Moderne”. Modi von Modernität und Kapitalismus werden bei Jameson ohne Angst vor Ambivalenzen und Pardoxien analysiert. Jamesons Thesen sind bereits vielfach im Bereich der Popkulturanalyse fruchtbar kritisiert und diskutiert worden.

Der von Albert und Karl H. Müller herausgegebene dritte Band “Der Anfang von Himmel und Erde hat keinen Namen” widmet sich dem großen Kybernetiker und Konstruktivisten Heinz von Foerster. Nach dem Motto “Wenn du fundamentale Fragen beantwortet haben willst, musst du dich selbst darum kümmern”, das von Foerster aus seiner Kindheit übernommen hat, analysiert der 2002 verstorbene Universalgelehrte über sieben Kapitel (in Tagen) die Möglichkeiten und Grenzen unseres Denkens.

Der vierte und aktuellste Band der Ableger ist “Wozu Systeme?” des Kultur- und Wirtschaftssoziologen und Luhmann-Schülers Dirk Baecker. Baecker stellte bereits derlei grundlegende Fragen nach Kultur, Soziologie und neuerdings Gesellschaft in “toto” (ebenfalls bei Kadmos erschienen). Er arbeitet sich an der System-Metapher fundiert und unterhaltsam ab und zerschlägt damit nebenbei das Bild des bedrohlichen, anonymen, menschenlosen Systems. Das originelle Fazit von Baecker ist, dass wir in unserer Hilflosigkeit dem Systembegriff gegenüber, wie ihn vor allem Niklas Luhmann etablierte, über unsere Wahrnehmung und Kommunikation nachdenken sollten. Alle vier bisher erschienenen Bände stellen daher eine kostengünstige intellektuelle Herausforderung dar, nicht nur für Systemtheoretiker. Pro Jahr sollen fünf Bände dieses verlagseigenen “Best Of” erscheinen. Als kommende Ableger geplant sind der Sammelband “Kapitalismus als Religion” und Gespräche mit Niklas Luhmann.
http://www.kulturverlag-kadmos.de

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Elektronische Lebensaspekte.