aus De:Bug 66

Felix Klopotek – How They Do It. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik – Ventil 13,90.

Unter den jüngeren, nach 1970 geborenen Musikjournalisten ist Felix Klopotek aus Köln einer der wenigen, die mit so was wie einem eigenen journalistischen Konzept operieren, die über längere Zeit Themen verfolgen, selbst Themenkomplexe pushen und Begriffe entwickeln, deren Texte also über die Vorstellung einzelner Acts und Veröffentlichungen hinausgehen. “How They Do It. Free Jazz, Improvisation und Niemandsmusik” sammelt seine Artikel über u. a. Cecil Taylor, Peter Brötzmann, AMM, Olaf Rupp, Fennesz, Random_Inc, Gastr Del Sol oder Make Up in überarbeiteter Form.
Die Arbeiten der Musiker und Projekte werden genau nachvollzogen, Klopotek fasst oft ihre Produktivität sehr gut, etwa wenn er von der “Kontextmaschine Mouse On Mars” oder dem Apokalyptischen in den virtuosen Stücken Jim O’Rourkes schreibt. Oft wird aber durch das schnelle In-Anschlag-Bringen harter und allgemeiner Formulierungen und Begriffe eine falsche Distanz gegenüber der Musik aufgebaut. Könnte man etwa bei Free-Jazz nicht noch viel genauer in Spielweisen reingehen, wären nicht Analysen von Mikro-Momenten möglich, die ihre eigene Sprache, ihre eigenen Begriffs-Splitter entwickeln? Wenn “muskelbepackte Typen” mit satten Grooves in Verbindung gesetzt werden, wenn von “seinem Ding” die Rede ist, das ein Musiker verfolgt, wird das Ereignis Free-Jazz arg rockerschreibermäßig überkodiert. Genregeschichtliche Einschätzungen sind sehr allgemein formuliert, wie etwa jene, Postrock und Minimal-Techno analog zu setzen. Es folgt einer perfiden Logik, aus 100 oder 1000 tollen House-Produzenten Theo Parrish herauszugreifen und mit einer diffus benutzen Kritische-Theorie-Begrifflichkeit zu behaupten, dass Parrish das Moment markiere, in dem das Versprechen des Genres House nicht mehr eingelöst werde, wo man mit ihm doch in Detroit wie in Berlin die brutalsten Parties feiern kann.
Niemandsmusik? Wir hätten uns noch viel mehr Niemand gewünscht.
aw *-*****

Roberto Simanowski: Interfictions. Vom Schreiben im Netz, Frankfurt am Main: Edition Suhrkamp Sommer 2002. EUR 10

Nachdem Roberto Simanowski, Herausgeber der seit 1999 bestehenden Internetzeitschrift dichtung-digital, 2001 die Gastredaktion für eine Ausgabe von Text & Kritik über digitale Literatur bestritten hat und im Frühjahr 2002 ”Literatur.digital. Formen und Wege einer neuen Literatur” im Deutschen Taschenbuch Verlag von ihm herausgegeben wurde, hat sich nun auch der Suhrkamp Verlag dem im Printbereich unbeliebten Thema angenommen. Und siehe da, das ”Gespenst der digitalen Literatur, das in den Verlagen und Bücherstuben der abendländischen Welt” umgeht, erweist sich ab und an doch als kooperativ; und so finden sich materialisierte Versionen des flüchtigen Geistes zwischen Buchdeckel geklebt und mit Namen und Preisschild versehen wieder. Das ist kein Grund zur Sorge, denn mit Interfictions legt Simanowski eine perspektivenreiche Bündelung an Merkmalen, Begriffen, Medienanalysen, Geschichten und Ausblicken vor, die sich im literarischen Feld digitaler Medien bewegen und die bequem auf das Kopfkissen oder in die leichte Handtasche passt. Als Einführung für solche Lesende passend, die den hypertextuellen Infowegen im Netz abgeneigt sind und die autorisierte und klassifizierte Version vorziehen. Spannend allerdings wird es dann zu guter Letzt im Buchregal, wo der HTML-Wälzer in Zeiten des Computeranalphabetismus die Diskussion um das Schreiben im Netz erst in Gang bringt.
****
Anne

Mauizio Ferraris
Experimentelle Ästhetik
(Turia + Kant, 2001)
Das Experiment ist en vogue! Konferenzen, Konglomerate, Klang und Kunst erfreuen sich derzeit an dem Unfertigen und an offenen Ergebnissen, mit mehr oder weniger Schlagkraft. Dass das Experiment als ästhetisches Verfahren scheinbar gerade jetzt wieder entdeckt wird, liegt wohl in der Geschichte der Ästhetik selbst begründet. Folgt man nämlich Ferraris Spaziergang zu den Quellen (Schelling, Kant, Leibniz, Diderot), an denen sich Philosophie und Kunst gegenseitig brauchten und bestimmten, merkt man Zeile für Zeile, wie schwierig es ist, den Zustand der Vagheit, eben auch in der Wahrnehmung, die ja sonst als Beweiskraft eingesetzt wird, einzurichten und durchzusetzen. Wieso ausgerechnet der Rechner und die digitalen Werkzeuge einen neuen, experimentellen Zugang zu den Objekten und eben nicht nur ihren Oberflächen schafft, dass lest auf der anstrengenden Zugfahrt zum Weihnachtsbaum nach, es macht Freude! Hier ist jemand der gern in Bildern erklärt und lieber Spuren folgt, statt langweiligen Phrasen. EUR 10,-
http://www.turia.at
MIU * * * * *

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: mercedes bunz | mrs.bunz@de-bug.de aus De:Bug 53

buch

Neue Bücher

Cyberhypes
Rudolf Maresch und Florian Rötzer haben das Getöse um das Internet aufgefangen und eingefleischte Internet-Prominenz um Aufsätze gebeten. Von Ronda Hauben über Geert Lovink bis hin zu Douglas Rushkoff klappern sie nun die Hypes der letzten Jahre ab: Der Kampf zwischen der globalen Technik und den Ansprüchen regionaler Kontrolle, die kommunistischen Fantasien, die mit dem Netz einhergingen, der Versuch von Netzkritik zu Zeiten des E-Goldrauschs, der Aufstieg und Fall des Magazins Wired. Cyberhypes versammelt die klassischen Themen für einen Überblick.
Rudolf Maresch, Florian Rötzer: Cyberhypes. Möglichkeiten und Grenzen des Internet. Suhrkamp Verlag 2001. 21,90 DM (11 EUR)

Systemtheorie mit Schleife
Der Passagenverlag – quasi das Suhrkamp Österreichs – war bislang vor allem für die Schwerpunkte Derrida- und Ästhetik-Veröffentlichungen bekannt. Jetzt wendet man sich erstmals mit der Veröffentlichung von Oliver Jahraus “Theorieschleife” der Systemtheorie zu – wenn auch noch ein bisschen Dekonstruktion mitspielen darf. Immerhin – Systemtheorie ist das derzeitige deutsche Zentrum des wissenschaftlichen Theorienachwuchses und “Theorieschleife” baut an diesem Zentrum mit. Das Buch kreuzt Systemtheorie und Dekonstruktion und gibt dabei der Systemtheorie den Vortritt – ob das immer so fair argumentiert ist, wäre eine berechtigte Frage. Sowieso: Wer dem stilistischen Konzept folgen will, braucht einiges an Training, wird aber dann mit einem Überblick über die verschiedensten Ansätze zwischen Systemtheorie und Literaturwissenschaft belohnt, von Luhmann Schüler Peter Fuchs über Nils Werber bis hin zu Bildungsbürger Dietrich Schwanitz. Ein Muss für systemtheoretisch ausgerichtete Bücherschränke, alle anderen sollten vorher noch etwas üben.

Oliver Jahraus: Theorieschleife. Systemtheorie, Dekonstruktion und Medientheorie. Passagen Verlag 2001. 64 DM (32,70 EUR)

Judith Butler
In dem neusten deutschen Butlerbuch “Psyche der Macht” kreuzt die Autorin die Psychoanalyse mit der Machttheorie. Ihr Ziel ist die Analyse der Subjektwerdung, das paradoxe Dilemma auf dem Weg dahin lautet: Wenn Macht das Subjekt formt, diszipliniert und hervorbringt, wie kann das Subjekt zu sich selbst finden und sich gegen die Macht wenden? Auf diesem Weg fährt Judith Butler bei der Theorie Hegels, Nietzsches und Freuds vorbei, sie kreuzt Freud mit Foucault, entwickelt eine Theorie der Melancholie, wird von dem amerikanischen Psychoanalytiker Adam Phillips kommentiert, erwidert diese Kommentierung und kommt zu einer Theorie der psychischen Anfänge. Mitunter übernimmt Butler dabei viele Schwächen der anderen Theorien unhinterfragt – es ist also nicht ihr stärkstes Buch – aber die 1997 in Amerika erschienene Aufsatzsammlung ist trotz alledem studierenswert. Subjekte lernen schließlich nie aus.

Judith Butler: Psyche der Macht. Das Subjekt der Unterwerfung. Reihe: Gender Studies. Suhrkamp Verlag 2001. 19,90 DM (10 EUR)

Lara Croft
Astrid Deuber-Mankowsky, Kulturwissenschaftlerin aus Berlin, schreibt die Geschichte von Lara Croft – Abenteuerin und Archäologin des gleichnamigen Playstationgames. Als Einführung zu Croftschen Hintergründen ist das Buch geeignet, aber die Verschaltung von Lara Croft mit Theorie ist dann doch manchmal zu direkt und gerade. Herausgestellt wird beispielsweise Frau Crofts Frausein in einer Männerdomäne vor allem als Aneignung und Zurechtbasteln eines Weiblichen. Das Aufzeigen von Widerstandsmomenten und positiven Aspekten bleibt aus – beispielsweise, dass Croft junge Mädchen immer noch eher adressiert als ihre männlichen Haudegenkommilitonen. Und hat man beispielsweise mit Lara Croft wirklich eine Frau gewählt, weil sie männliche Beschützerinstinkte weckt? In welchem Dschungel leben wir eigentlich? Haben Männer heutzutage nicht ein viel differenzierteres Bild von sich selbst? Und gibt es bei Tekken nicht auch immer eine Reihe von weiblichen Kämpferinnen? Das Buch ist ein Ausgangspunkt für weitere Diskussionen, und von irgendeiner Plattform muss man ja mal starten.

Astrid Deuber-Mankowsky: Lara Croft. Modell, Medium, Cyberheldin. Reihe: Gender Studies. Suhrkamp Verlag 2001. 16,90 DM (8,50 EUR)

Wittgensteins Tod hat Geburtstag
Zum 50. Todestag ehrt man Wittgenstein aller Orten, der unschlagbar günstige Verlag Zweitausendeins widmet sich seinen frühen Schriften zusammengestellt aus Aphorismen. Die sind zwar schon begrifflich-philosophische Forschungen, aber noch deutlich von seinem Ingenieurs-Sein geprägt. Vor Sprachanalysen und Mathematik sollte man also besser keine Angst haben, muss man aber auch sowieso nicht, nicht bei Wittgenstein, der schließlich der einzige deutsche Philosoph gewesen ist, der Humor hatte. Der einzige, wir schreiben das noch mal, mit Humor, damit es auffällt. Die Texte, die zwischen 1929 und 1932 entstanden sind, folgen den Wittgensteinschen Originalzetteln inklusive aller Rechtschreibfehler und sonstigen Anstreichungen. Dem Denken also nahe, genussreiche Diskussionen, die etwas von einem kräftigen Sport haben, mit etwas Erotischem und Ritterlichem darin, wie Wittgenstein sagen würde. Normalerweise kosten die 1500 Seiten der fünfbändigen Wiener Ausgabe über 200 Mark. Bei Zweitausendeins gibt es das Gleiche für irre 29,90 DM. Ts.

Ludwig Wittgenstein. Wiener Ausgabe. Studientexte. Herausgegeben von Michael Nedo. Zweitausendeins 2001. 29,90 DM.

Aisthetik
Wozu eigentlich heute noch nach einer systematischen Ästhetik Ausschau halten, das geht doch gar nicht?! Kunst und Kunstkritik haben sich längst Ersatzfelder gesucht, mit deren Methoden sie das Sinnliche in Bildern und Werken sehr gut beschreiben. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, ästhetische Phänomene und Erfahrungsweisen, die damit nicht zu fassen sind. “Atmosphäre” ist so ein Beispiel, das genauso in der Natur, im Design und in der Kunst vorkommt und gezielt eingesetzt wird. Erneut untersucht Gernot Böhme in seinen Vorlesungen, wie sich solche emotionalen und subjektiven Anteile in der Wahrnehmung fassen lassen, bzw. wie sie für die Ästhetisierung des Realen verwendet werden. Das Schöne an diesem Buch ist, dass die Begriffe wie “Befindlichkeit”, “Szenen”, “Ekstasen” ganz viel dazu beitragen können, solchen Strategien näher zu kommen, ohne gleich zu einer hohlen Medienkritik auszuholen. (Anne Pascual)

Gernot Böhme: Aisthetik, Vorlesungen über Ästhetik als allgemeine Wahrnehmungslehre
München, 2001. 48,- DM

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