aus De:Bug 61

Yslaire
Der XX.Himmel (2Bd.)
[Carlsen Comics, 2001/2]
Der Comiczeichner Yslaire (”Sambre”) startet mit der zweibändigen Geschichte ”Der XX.Himmel” den Versuch, den Comic ins Computerzeitalter zu katapultieren. Nicht mit am Computer gezeichneten Bildern, nicht durch die Publikation im Internet, sondern mit einer spezifischen Erzählweise: die Geschichte wird weitgehend an Hand von E-Mails, die anonym (von @nonymous) an die Protagonistin Eva Stern (evastern@yslaire.de), eine steinalte, jüdische Psychoanalytikerin, gesendet werden, erzählt. @nonymous schickt ihr Bilder und Filme, die zwar ihr eigenes Leben betreffen, insgesamt aber auch ein Bild der düsteren Seite des 20.Jahrhunderts liefern. Die Panels sind in einem klassischen, malerischen Stil gehalten (vergleichbar mit Bilal), Yslaire hat dadurch aber seine eigene Erzähltechnik nicht immer ganz im Griff: Das Malerische kollidiert mit dem neuen Kommunikationsmedium – die Software mit der Hardware. Trotzdem ein schöner, poetischer Comic eines französischen Altmeisters. EUR 18,00 je Band.
4 Punkte
MEYER

Urban Discipline 2002 Graffiti-Art
Zur dritten ”Urban Discipline Graffiti Art” in Hamburg (26.6. bis 2.6. 2002) jetzt die Nachlese: das Begleitbuch zur Ausstellung. Auf 144 Seiten gibt es umfangreiches Bildmaterial aus dem Werk der 34 ausgestellten Künstler, Kurzbiographien derselben und vor allem von ihnen selbstverfasste Beschreibungen ihrer Arbeit, was das Buch zu einem wertvollen Kompendium macht. Damit ergänzt es die Ausstellung trotz Überschneidungen um ein Vielfaches und ist deswegen auch ohne disziplinierte Teilnahme richtig für Lektüre und zum Nachschlagen. Einblicke in die brasilianische Szene per Os Gemeos, Vitche, Herbert und Nina, Arbeiten des englischen Schablonensprühers Banksy all over good old London zum Beispiel, die Hand-Variationen des Spaniers Nami/La Mano oder die Arbeiten der Mainzer Gruppe Viagrafik geben einen guten Eindruck davon, wie unterschiedlich die Arbeiten sein können, die aus dem Graffiti-Boden wachsen.
Mehrmals kritisch gegenzulesen bleibt der Essay von Nils Jockel (Kunst und Gewerbe Museum Hamburg) am Beginn des Buches: Aus dem Elfenbeinturm heraus scheint die Sicht manchmal leicht getrübt.
Und nun noch ein multimedialer Ausblick: Ab Ende August soll es aus dem Hause ”getting-up” noch ein Video zur Ausstellung geben, mit Interviews der beteiligten Künstler, Eindrücken der Urban Disciplines und verschiedenen Wandprojekten und anderen Ausstellungen. Feed your machine.

Urban Discipline 2002 Graffiti-Art
144 Seiten, Hardcover, Preis: 29,- ?
Erscheinungstermin: 26.06.02
ISBN 3-00-009421-0

Bruno Latour, Peter Weibel (Hg.)
Iconoclash
MIT Press
2950 Gramm genau wiegt das gute Stück. 68 Beiträge lauern auf neugierige Bilderforscher und entsprechend ist auch auf den 700 Seiten dieses gigantischen Katalogs keine gemeinsame Linie auszumachen. Sagen wir: Es geht im weitesten Sinne um Bilder. Immerhin lassen sich ein paar theoretische Inseln verorten. Man könnte Hans Belting, Boris Groys und Hans-Ulrich Obrist als typische Auftauchende des zeitgenössischen Kunstdiskurs zusammenstecken, ein anderer Teil kommt aus dem Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte (Peter Geimer, Hans-Jörg Rheinberger, Lorraine Daston, Andreas Mayer) und Bruno Latour hat aus seinem diskursiven Umfeld auch einige forschende Personen beigesteuert. Sehr heterogen, aber wer über Bilder forscht, der kommt wohl nicht daran vorbei, in diesen Textberg für 53,02 Euro hineinzuspitzen (erscheint am 7. Juli). Der Latour-Aufsatz alleine ist im Übrigen bei Merve erschienen, für 8 Euro.
•••• mercedes

Michel Foucault
In Verteidigung der Gesellschaft
Suhrkamp Taschenbuch
Endlich ist dieses ominös wichtige Buch auch als Taschenbuch erschienen, jetzt kann die Massenrezeption also los gehen. In Verteidigung der Gesellschaft, Foucaults Vorlesung am Collège de France im Frühjahr 1976 hat Giorgio Agamben wichtige Impulse gegeben, nicht zuletzt weil das Buch ein wabernder Thinktank ist. Foucault jagt hier den Begriff des Krieges quer durch die Geschichte. Sammelt lokale Ereignisse, stellt sie quer zu gelehrten Kenntnissen und versucht ein historisches Wissen gesellschaftlicher Kämpfe zu erstellen, das auf eine abstrakte Theorie ebenso verzichtet, wie es sie braucht. Ein mühsames Unterfangen, das aufregend ist und Foucault immer wieder vor seine eigenen Grenzen bringt, ihn immer wieder dazu treibt, Elemente aufzubauen und Absätze später wieder zurückzunehmen. Doch gerade weil diese Vorlesung nicht eine geschlossene Konzeption ist, ist sie so gelungen. Sie bietet Ansätze, mit denen man weiter arbeiten kann. Und sie ist in Kriegszeiten wie diesen elementarer denn je: Denn “…wenn es stimmt, dass die politische Macht den Krieg beendet und Frieden in die Zivilgesellschaft einziehen oder dort herrschen lässt, dann geschieht dies keineswegs, um die Wirkungen des Krieges zu beseitigen oder das Ungleichgewicht, das sich aus dem Endkampf des Krieges ergeben hat, aufzuheben. Die politische Macht hätte in dieser Hypothese die Aufgabe, dieses Kräfteverhältnis mittels einer Art stillen Krieges beständig von neuem in die Institutionen, die ökonomischen Ungleichheiten, in die Sprache und bis in die Körper der einen oder anderen hineinzutragen.” Mittlerweile ist der Krieg nicht einmal mehr still. Und doch seltsam leise.12 Euro.
••••• mercedes

Jean Baudrillard
Der Geist des Terrorismus
Passagen
Da sind sie wieder: die Geister. Jean Baudrillard hat es sich nicht nehmen lassen, sie wieder wachzurütteln. Sie passten auch sehr gut in sein Konzept: In der Tat waren Elemente des 11. September wirklich wie die Bebilderungen seiner Theorie des symbolischen Tauschs und des Todes, in der er schon in den 70er-Jahren den Auszug des Todes aus unserer Gesellschaft diagnostizierte. Und natürlich: Eine Gesellschaft, deren “Ideal die Parole ‘Null Tote'” ist, ist einem Feind, der den eigenen Tod zur Waffe macht, seltsam ausgeliefert. Eine friedliche, eine angreifbare Zivil(hm)gesellschaft also, die jedoch von Baudrillard gleichzeitig als eine Allmacht dargestellt wird. Eine Allmacht, die durch Globalisierungen nach dem zweiten Weltkrieg auf Gut und Böse verzichtet hat und zu einer wabernden Einheit mutiert ist, der sich der bewegliche Terrorismus entgegenstellt. Empire? Sehr nahe dran zumindest. An dieser Stelle wird es spannend, aber an dieser Stelle geht es auch nicht weiter, sondern bleibt so nebeneinander unverknüpft stehen – wahrscheinlich ist es gut, hier die Antwort eher in der Verteidigung der Gesellschaft von Foucault zu suchen. Das eigentlich Spektakuläre an diesem zuerst in Le Monde veröffentlichten Aufsatz ist jedoch der Tonfall gewesen, der auf jedes rührselige Mitleid verzichtet. Und dafür hat er es schon verdient, die volle Punktzahl.
•••••mercedes

Wurster, Christian
Computers – Eine Illustrierte Geschichte
Taschen 2002
Geschichten über die Geschichte unsere kleinen Freunde (geht man einmal davon aus das nur tragbare Computer diesen Status für sich beanspruchen können) gibt es viele. Keines dieser Bücher hält allerdings viel Content bereit, um uns retroverliebten Konsensnerds auch etwas fürs Auge zu bieten. Christian Wurster aus Berlin, hat in dem sowieso hauptsächlich Bilderbücher publizierendem Verlag “Taschen”, diesem Kulturwissenschaftler Drang Einhalt geboten und nun die Bilder sprechen lassen. Zumindest versucht er das ganz passabel. Denn immerhin gibt es auch ordentlich Diplomarbeitsgetexte, fachmänisch wissenschaftlich nummeriert von Babbage bis Wearable, und gespickt mit Anekdoten einzelner Autoren. Das der Retrocharme allerdings mit Moire Scans verstärkt werden musste, ist nur durch den Zeitdruck des Verlags erklärbar. Wer eine fundierte Geschichte des Computers braucht, dem empfehlen wir lieber den bei “MIT Press” erschienenen Klassiker “A History Of Modern Computing” und als Bildbeilage dieses Buch. Bestimmt ein Bestseller!
EUR 24
http://www.taschen.com
yuko ••••

Joe Shepter
Personal Web Sites
Rockport 2002
Persönliche Webpages von Designern haben meist einen gewaltigen Vorteil gegenüber ihren “Das ist die Homepage von Waldemar und Ingrid” Kollegen. Erstens sind sie nicht wirklich persönlich, da sie meist als Portfolio fungieren müssen und zweitens sollten die Skills präzise formuliert sein. (Das kann ich!) Das heißt hier geht’s ums Business (die Adressen sind auch handlich im Anhang aufgeführt), und weniger ums Vergnügen. Obwohl das ja bei den Agentur Flexecutives nicht mehr so klar zu trennen ist. Welches Navigationsdetail der großen Markensites und Portale dann bei welcher Personal Website geklaut wurde ist meist klar nachzuverfolgen, und wird natürlich noch viel einfacher wenn man dieses Buch sein Eigentum nennt. Dann hat man nämlich in einem Schnelldurchlauf das Basiswissen dieses Genres aufgesaugt und bekommt ganz nebenbei unglaublich lesenswerte Texte über die Stars der Szene weitab vom üblichen Gerede über Kreativität und Megahertz. Sympathisches Buch im seriösen Outfit. Kaufen!
EUR 47,00
http://www.rockpub.com
yuko •••••

Ramon Prat
Barcelona+
Actar 2001
Barcelona ist die sonnige Alternative zu Berlin. Zudem noch billiger. Das viele Menschen Jahr für Jahr dorthin auswandern bzw. umziehen ist also nachvollziehbar. Erstmal. Dieses Buch, welches sich in einem wirklich uncoolem Einband, den wir gerne als Schwimmweste bei Sonar empfehlen, präsentiert auf sehr vielen Seiten welche kreative Menschenmenge in schattigen Büros und Lofts da vor sich hin überlegt und präsentiert all jene die mit Barcelona, Design, Architektur und Mode zu tun haben. Dieses damit nahezu hybride Gebilde versucht sich also an einem neuen Mythos, ganz ohne Peseten, die es da ja sowieso nicht mehr gibt, und bleibt mit erstaunlich kurzen Projektbeschreibungen etwas schmalspurig. Trotzdem für alle potentiellen Emigranten interessant.
EUR 53,00
http://www.actar.es
yuko •••

Peter Buchanan-Smith
The Ganzfeld No. 2
Distributed Art Publishers 2002
Ein Buch wie eine Zeitung. Eine Zeitung wie ein Buch. Ein Medium für Illustratoren, die trotz digitalem Drumherum immer noch mit Stiften zeichnen, schreiben und kommentieren. Immerhin schon bei Ausgabe 2 angekommen und sich diesmal dem Thema “Look No Further” widmend, werden hier funky Geschichtem um Sex mit Außerirdischen und ganz klassische amerikanische Grafikdesigner (Steven Heller) nebeneinander gestellt, als ob schon allein der Gedanke an Comic ausreichen würde – als Kategorie. Auf jeden Fall ein löblicher Versuch diese Art von Genre ins neue Jahrtausend zu retten. Auch wenn Format und Form, wenn es nach mir ginge, ein wenig mehr mit Zukunft zu tun haben dürften. Sehr amerikanisch!
EUR 30,00
http://www.theganzfeld.com
yuko ••••

SECOND NATURE
Young Architects
(Princeton Architectural Press 2001)

Seitdem einige Architekten den Computer zu ihrem liebsten Werkzeug erklärt haben, erinnern ihre Entwürfe mehr an Wolken statt an Türme, und ein Haus muss mindestens Informationsraum heißen, oder aber ein Datennetz wird gar zu einem Projekt des sozialen Wohnungsbaus erklärt. Die Ideen des Architekten-Nachwuchses möchte scheinbar gern die Richtung wechseln, wie die letzte Publikation der Architectural Leage of New York zu zeigen versucht. Statt nur noch dem technisch-amorphen hinterher zu jagen, schreiben die ausgewählten Projekte von den Systemarchitects, Terry Surjan, Julia Czerniak, Rhett Russo u.a. lieber von Mutationen und Transformationsprozessen, lassen Artefakte “wachsen und sprießen”, statt von Hoch- und Tiefbau zu sprechen. Dokumentiert werden Wettbewerbsbeiträge zur Neugestaltung des Manhattan’s Pier 54, eine Lösung für obdachlos-gewordene Kosovoflüchtlinge, der neue Typus “Einfamilienhaus” oder ein Entwurf für ein Memorial in Oklahoma City. Da diese Modelle trotz ihres Anspruchs neue Entwurfsstrategien zu verfolgen, in den typischen Formaten Collage, Entwurfskizze, Rendering und Text präsentiert werden, hebt sich dieses Buch aber leider nicht sichtbar von anderen aktuellen Querschnitten ab. EUR 49,80
http://www.papress.com
MIU •••

Neil Spiller
Cyber_Reader, Critical Writings for the digital era
(Phaidon 2002)

Im Jahre 1864 schreibt Charles Babbage seinen Aufsatz “Of the analytical Engine” und markiert damit den Beginn eines Zeitabschnitts, den Neil Spiller, als Ära des Digitalen betitelt. Mit seiner Reihe von chronologisch geordneten Schriften führt er vor allem theoretisch Unbefleckte in eine kleine und einfache Geschichte des Begriffs Cyberspace ein, ohne etwas dabei zu riskieren, denn die Länge der einzelnen Textauszüge überschreitet nie 6 Seiten, wobei ganz Faule sich auch mit den kurzen Einleitungen, die leider nur manchmal wenige biographische Angaben enthalten, zufrieden geben werden. Und die Auswahl der Autoren wagt keine Lücken oder Ungereimtheiten: Vannevar Bush, Norbert Wiener, Mc Luhan, Virilio, Deleuze, Gibson & Sterling, Donna Harraway, Neal Stephenson, Sherry Turkle, Negroponte, Stelarc oder Anthony Dunne finden sich in dem Reader zum Vorschmecken und Nachschlagen. Theorie im Tetrapack. EUR 39,95
http://www.phaidon.com
MIU ••••

Bernhard Dotzler (Hg)
Norbert Wiener
Futurum Exactum – Ausgewählte Schriften zu Kybernetik und Kommunikationstheorie
(Springer 2002)

Lasst euch von Spezialisten nicht an die Wand reden, auch wenn ihr bis jetzt keine Ahnung von dem Rückkopplungsprinzip, der Operatorenrechnung oder der Filtertheorie habt, Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik, der Wissenschaft von Steuerung und Kommunikation von Lebewesen und Maschinen hat auch für Nicht–Experten geschrieben. Zu den nun frisch übersetzenden populärwissenschaftlichen Aufsätzen zählen z.B. “Die Rolle des Beobachters”, “Zeit und Organisation”, “Die Zukunft der Automaten” “Zurück zu Leibniz!”, oder “Die Thermodynamik der Nachricht”. Das Schöne an dieser Veröffentlichung der Originalquellen ist, dass sie einem Gedanken zur Vergangenheit und Gegenwart technologischer Kultur als Form des Wissens und Denken viel näher bringt, als das mehrfach verwendete und vermittelte Referieren, zumal Wiener seine Ideen faszinierend dicht entwickelt, gerade so als hätte er die Zukunft nun doch ungewollt vorausgesagt. EUR 34,50
http://www.springer.at
MIU •••••

Heinz Liesbrock, Thomas Weski (Hg)
Landschaft.
(Steidl 2002)
Die Fotografien von Robert Adams, Joachim Brohm, Laurenz Berges, Bernhard Fuchs und Simone Nieweg sind Berichte von Landschaften, Räumen und Orten. Der Katalog wurde anlässlich der Ankäufe ihrer Arbeiten durch die Niedersächsische Sparkassenstiftung herausgegeben und ist ein Salto für den aktuellen Fotografiediskurs. Die Herausgeber wenden sich von dem permanenten Infragestellen der “neuen”, digitale Bilder ab und wollen hin zu den Grundlagen des Sehens als Erfahrung von Welt. Die allesamt unspektakuläre Aufnahmen des Alltags in Denver, im Ruhrgebiet oder die graue Landschaft des Niederrheins verwenden den Charakter des Dokumentarischen, um das Bild von der Wirklichkeit als Konstruktion aufzudecken. Wer gern genau schaut und Bilder erwandert, dem werden diese “Nutzflächen” – gewohnt oder unbekannt – in einem anderen Licht entgegenschimmern. EUR 19, 50
http://www.steidl.de
MIU • • • • •

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Elektronische Lebensaspekte.

Vier neue Bücher: "Smile-ID" komprimieren die Punk- und New Wave- Straßenkultur zum 20. Jubiläum auf 2 Kilo; Olaf Breidling verdeutlicht Anschauungsprozesse; Peter Shapiro geht den rauen Weg des Hip Hopp und Shortcuts 3&4 zeugen Zeit von M. Foucault und G. Deleuze.
Text: anne pascual | marcus hauer aus De:Bug 47

ID hat Geburtstag
Zum Geburtstag: vor 20 Jahren erschien die erste ID. Und zum Jubiläum: im Jahr 2000 erscheint die 200. Ausgabe. Lauter festliche und gute Gründe, 2 kg Erinnerungsarbeit zusammenzustellen, um auch uns Spätgeborenen zu zeigen, wie es damals aussah, in den wilden Zeiten des Punk und New Wave. Besonders die Anfänge sind aufregend anzusehen: mit Schere, Kleber, Schreibmaschinentypo und Teletextstreifen ging es los. Terry Jones, Art Director und Chefredakteur der ID, wollte kein weiteres Fashionmagazin herausbringen, sondern den Style der Street Culture und deren Bedeutung öffentlich machen. Kleider machten nur einen Teil einer visuellen Sprache aus, die ID mitprägte. Deshalb ist “Smile ID” vor allem ein Bilderbuch, das jede Ausgabe mit nur zwei Bildern und vielen Statements vorstellt. Trotzdem findet man dort viele Gesichter, Stars und Zeitgeister wieder. Das Extreme “der Arroganz der Jugend” hat die ID sicher verloren, aber mit 20 ist das auch kein Wunder.
“SMILE–ID, Fashion and Style: The Best from 20 years of ID”,
Taschen Verlag, 2001. DM 49,95

Anschauen
Ich sehe was, was du nicht siehst! Warum? Olaf Breidbach weiß es und hat es in seinem Buch “Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt” dargelegt. Für ihn ist das Sehen kein passiver Vorgang, mit der Realität objektiv wahrgenommen werden kann, sondern er sieht Bilder als Produkt innerer Abläufe. “Das Bild der Welt ist ein Abbild des Außen nach Maßgabe des Innen.” Anschauung ist also ein subjektiver Prozess, die jeder in seinem Kopf anders verarbeitet und diese Erfahrungen zu anderen Bildern zusammensetzt. Breidbach verbindet neuro- mit kognitionswissenschaftlichen und philosophischen Argumentationssträngen, um zu zeigen, wie jene Anschauungsprozesse funktionieren, und knabbert damit leise, aber bestimmt an alten, blinden Modellen von Rationalität.
Olaf Breidbach, “Das Anschauliche oder über die Anschauung von Welt”, Wien, New York: Springer, 2000. DM 48,00

Hip Hop Lexikon
Rough Guide etabliert sich nach dem Techno- und dem Houselexikon mit ihrem Hip Hop Taschenguide weiter als empfehlenswerte Adresse für Musiklexika; auch abseits von Folk- und Weltmusik. Journalist und Autor Peter Shapiro ist so unbestechlich wie eloquent in seinen Beschreibungen und Urteilen. Mit einem für Lexika seltenen sprachlichen Aufwand und musikkritischer Treffsicherheit versammelt er eher Miniartikel denn Einträge zu etwa 250 Künstlern und bietet Überblicke zu DJing, Electro, französischen und britischen Hip Hop, Labeln wie Sugar Hill, Def Jam, Tommy Boy, Death Row. Shapiro hat nicht immer ganz sauber recherchiert, aber der unbedingte Wille zur Stellungnahme macht das wett. Ein Lexikon, um die aktuelle Usability von David Toops “Rap Attack” zu erhöhen.
Peter Shapiro, The Rough Guide to Hip Hop, London 2001, http://www.roughguides.com, circa 20.-DM

Shortcuts Foucault & Deleuze
Short Cuts ist das leichte Format in der Philosophie. Die Bande um den Merve-Verlag (Peter Gente, Heidi Paris) hat zusammen mit Martin Weinmann Interviews, Textstücke, Essays, Briefe und andere Gedankenblitze von Michel Foucault und Gilles Deleuze zusammengesucht. Und in der Tat trollen sich die Texte zu einer gelungene Einführung zu beiden Theoretikern. Gelungen vor allem deshalb, weil gerade die Interviews und einige kurze Texte mehr vom zeitlichen Kontext und der Radikalität der beiden mittransportieren als die eher mit dem wissenschaftlichen Feld interagierenden Hauptwerke. Auch für Kenner ein guter Reminder. Und mit 16 DM wirklich erstaunlich günstig.
Michel Foucault: Shortcuts 3 & Gilles Deleuze: Shortcuts 4. Zweitausendeins 2001. Unschlagbar geringe 16 DM.

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