Sie sind die Supergroup des West London Sounds. Wenn sie auf Albumlänge Broken Beats definieren, wird Avantgarde radiotauglich. Nur beim Thema Ernst scheint man nicht an einem Strang zu ziehen.
Text: Kay Meseberg aus De:Bug 105


Acht Mann auf schmalem Grad
Bugz in the Attic

Broken Beats olé! Bugz in the Attic legen mit ihrem Debütalbum “Back in the Doghouse“ zehn Jahre nach ihrer Gründung ein seelenreiches Partymonster hin, das nicht nur die Afficinados auf den britischen Inseln schwärmen lässt, sondern mit der Single “Move Aside“ sogar dick gehypt wird. Für ihr Debütalbum haben Orin “Afronaught“ Walters, Kaidi Tatham, Daz I-Kue, Mark Force, Alex Phountzi, Paul “Seiji“ Dolby, Matt Lord, Cliff Scott aus 90 Demotunes ausgewählt. Klar, bei acht Bandmitgliedern stapeln sich die Ideen zu Demotürmen. Doch wie trimmten die Londoner das kreative Chaos auf Albumlänge? Acht Bugz gleichzeitig zu interviewen, geht nicht. Denn nie sind alle am gleichen Fleck. Darum eine muntere Aussagencollage. Mit dabei: Orin Walters, Alex Phountzi und Toni Economides von KV5, der das Album abgemischt hat.

Toni Economides
Das Besondere, gerade dieses Album abzumischen, war natürlich, dass die Bugz so viele sind und ich allein. Ich war also ständig mit den Wünschen der Bugz konfrontiert und musste dafür sorgen, dass alle mit dem Resultat zufrieden sind. Ich glaube, das haben wir ganz gut erreicht. Wichtig war vor allem, dass wir Regeln aufgestellt haben. Ich habe mit durchgesetzt und bestimmt, dass maximal zwei der Bugz bei mir im Studio sind. Anschließend haben wir es den anderen vorgespielt und anhand der Reaktionen Änderungen vorgenommen.

Orin Walters
Wir haben darauf geachtet, dass immer Vocals auf unsere Beats passen. Insgesamt war die leitende Idee, dass wir als Bugz ein Soul-Album machen. Wir sind nun mal acht Leute und haben alle unseren speziellen Background. Wir kennen die Clubkultur schon sehr lange. In den Clubs haben wir auch lange experimentiert, deepe Tunes produziert. Jeder mit seinem individuellen Hintergrund, egal ob House, Garage, Drum and Bass, Boogie, etc. Die Bugz sind heute das Mutterschiff, das uns zusammenhält. Ich glaube, mit dem Album haben die Hörer einen leichteren Zugang zu unserer Musik.

Alex
Ich glaube, die Leute, die Radio hören, sind nicht allumfassend informiert, was moderne Musik heute bedeutet. Wir wollen auch die erreichen.

Orin
Wir sind gegen Kommerz, aber wir wollen unsere Idee durchziehen und die Resultate einem möglichst großen Publikum präsentieren.

Alex
Genau. Das ist ein echt schmaler Grad, auf dem wir gehen. Die Musikindustrie hat sich in den letzten Jahren extrem gewandelt. Promotion allein bringt es heute nicht mehr. Man kann sehr viel unabhängiger von der Industrie arbeiten.

Orin
Die Strukturen der Industrie sind extrem veraltet. Aber Musik ist überall zu haben, egal ob als Download, Kopie oder so. Wenn wir früher 6.000 Platten verkauft haben, konnte ein Major das auf 30.000 hochschrauben. Diese Einsicht haben wir in den letzten Jahren erlangt. Dennoch ist Musik, egal ob als Podcast oder bei iTunes, so allgegenwärtig und wir glauben, dass darin viele Chancen für uns liegen. Der Majordeal hilft. Mit V2 zu arbeiten, bedeutet schon, Kompromisse zu machen. Dennoch darf man den Rest nicht aus den Augen verlieren. Denn das erhöht die Unabhängigkeit.

Alex
Im Verlauf der letzten Jahre sind wir älter geworden. Als wir bei Orin in der Wohnung angefangen haben, hatten wir keinen Druck, es war Spaß. Wir haben zusammen produziert und rumgehangen.

Orin
Heute arbeiten wir viel stärker über das Internet zusammen. Wir schieben unsere Files von einem Rechner zum nächsten und wenn es fertig und gut ist, können wir uns freuen. Das lässt Raum zum Atmen. Jeder arbeitet von seinem Laptop aus, egal wo er ist. Dadurch können wir ganz gut miteinander arbeiten, ohne uns notwendigerweise treffen zu müssen. Die Gefahr dabei ist, dass man ohne persönlichen Kontakt die seelenvolle Verbindung verliert. Besonders die Tunes “Booty La La“, “Consequences“ und “Don´t stop“ sind so entstanden. Bei “Booty La La“ hatte Daz die Idee, dann hat Kaidi das Stück bearbeitet. Schließlich kamen im Studio die Sänger dazu. Bembe Segue ist unsere Lieblingssängerin. Sie war die Erste, die für uns Songs geschrieben hat.

Alex
Ich finde, unsere Musik zeichnet aus, dass wir alles nicht zu ernst nehmen. Der Spaß steht im Vordergrund, denn die Musik soll bei Parties gut ankommen. Mit der Live-Show hoffen wir, den Vibe der Platte zu transportieren. Wir wollen das Publikum einbeziehen und mit ihnen eine gute Zeit haben. Das Album selbst zu machen, war eine sehr intensive Phase. Es ging immer darum, dass man erklären musste, was der Tune jetzt bedeutet, und dann Änderungen zulassen. Darum können wir froh sein, es bis hierhin geschafft zu haben.

Toni
Die Arbeit am Album hat sehr viel Spaß bereitet. Ich arbeite mit den meisten Bugz schon seit vielen Jahren – individuell oder als Bugz. Darum kenne ich sie schon sehr lange und folglich haben wir auch viele gemeinsame Freunde. Und ich kann euch echt mal sagen: Die Bugz haben die Arbeit für dieses Album sehr ernst genommen.
http://www.bugzintheattic.co.uk

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Elektronische Lebensaspekte.

Die Käfer aus der Dachkammer starten durch. Mit ihrer Remix-Collection liegt jetzt ihr erster CD-Tonträger vor. Eine Werkschau der besten Auftragsjobs, die den Bugz-Sound in der Musiklandkarte verankern soll, denn über Broken Beat reden sie nicht mehr so gern. Dafür lieber über die United Colors of Benetton der Musik.
Text: kay meseberg aus De:Bug 89

Broken Beat NO Good time music YES
Bugz in the Attic

Wenn es DEN “Bugz in the Attic”-Tune überhaupt gibt, dann ist es “Booty La La”, dem in England ein Wirbelwind der Begeisterung entgegenpeitschte. Menschen wie Pete Tong, Tom Findlay von Groove Armada, Jazzy Jeff und Gilles Peterson jubelten. “Booty La La” rauschte als originärer Bugz-Song durch die Club-Charts wie zuvor höchstens “Loose Lips”. Die neunköpfige Homietruppe um Mikey Stirton, Daz-I-Kue, Orin “Afronaught” Walters, Kaidi Tatham, Paul “Seiji” Dolby, Alex Phountzi, Matt Lord, Cliff Scott und Mark Force ergreift so die Chance, in die Ohren der Saturn-Käufer zu krabbeln. Recht so. Mikey klärt telefonisch die weiteren Fragen. Ein Protokoll ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Mikey:
Die Idee zu Booty La La hatte Daz. Er rief mich nachts an und spielte mir am Telefon die skizzierten Beats vor, die er gerade am Laptop gemacht hatte. Die Reaktion auf den Tune war großartig. Aber ehrlich gesagt bin ich nicht überrascht. Das Stück ist einfach und catchy, so wie wir es immer machen wollen. Der Tune steht für den Bugz-Party-Sound. Klar. Für die Mädels. Es ist einfach good time music. Über Broken Beat will ich nicht mehr sprechen. Wir machen Bugz-Sound.

Kategorisierungen sind also Schnee von gestern. Folgt der Versuch eines lokalen Bezugs: West-London.

Mikey:
Ok, ich lebe in West-London, aber all die anderen leben nicht in dieser Ecke. West-London ist nur eine Hand voll Produzenten und DJs. Das ist keine Szene wie Drum and Bass. Es geht nicht um einen bestimmten Sound wie bei House. Vielmehr sammelt sich alles um die Co-op-Nächte und Goya, den Vertrieb, wo auch unser Studio ist. Es gibt halt Anknüpfungspunkte zu Leuten wie Dego, I.G. Culture, etc.
Zu unserem Namen selbst gibt es viele Geschichten. Ich glaube aber, dass der Name in Orins Studio entstanden ist. Das war echt eine Dachbodenkammer. Tja, und da lief dann ein Käfer über das Mischpult. Ein Wort gab das andere und – schwupdiwup – kam Bugz In The Attic raus. Ob der Käfer das überlebt hat, weiß ich aber nicht mehr.
Der Deal mit V2 ist schon wichtig für uns, gerade weil wir Musik für ein größeres Publikum machen wollen. Es war nicht so schwer, den Deal zu bekommen. Wir wurden gefragt, ob wir einen Remix für Nitin Sawhney machen wollen. Als der fertig war, kam die Frage, ob sie uns unter Vertrag nehmen können. Die Remixe sind da schon ein guter Anfang, aber ich glaube, dass das Album noch besser unseren Sound repräsentieren wird.
Wir das Rad nicht neu erfinden. Wichtig sind uns vielmehr Anknüpfungspunkte, die zu uns passen. Auf Puerto Rico läuft ein ähnlicher Sound. Inzwischen haben wir mit Künstlern vor Ort ein ganzes Album gemacht. Orin hat dort sogar für ein halbes Jahr gelebt. Das Ganze hat sich dann zu eine Art Joint Venture entwickelt.
Unsere vielköpfige Bugz-Truppe hat schon eine Menge Vorteile. Jeder kann seine Fertigkeiten einbringen. Sei es nun programmieren oder eher die musikalische Seite. So vereinen wir viele Fähigkeiten unter einem Dach und haben auch noch ein hohes Maß an Qualitätskontrolle. Naja. Manchmal ist es schon ein schmerzlicher Prozess, alle zusammenzubekommen, das alles zu organisieren. Das kommt manchmal schon einem Chaos gleich. Da wir alle aber unterschiedliche Hintergründe haben – manche von uns waren auf sehr guten Schulen mit Stipendien, andere wiederum sind klassische Einwandererkinder, oder ich mit meinen schottischen Wurzeln – ist alles schon recht bunt. Ich nenne uns gern die United Colours of Benetton der Dancemusik. Das ist die Leidenschaft, die wir teilen.

UCB. Da war noch was. Werdet ihr euch dann auch mal einen Rennstall zulegen? Für Go-Karts vielleicht?

Mikey:
Eines Tages vielleicht. Aber definitiv nach dem Album.

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