Text: daniela kuenne aus De:Bug 15

Der Traum vom Gabberglück Nancy von Bunker “Die Tickerlady” Nuti Voigt nuti@stieler.com Es ist vollbracht. Die Neunziger sind für die Nachwelt auf Papier gebannt. Sagt der Ullstein Verlag. Und der muss es wissen, denn er hat sie verlegt und schiebt uns ein durchaus hübsch gebundenes Büchlein über den Tisch, das nichts weniger sein soll als: “Die Biographie der Neunziger: Techno, Drogen und Exzesse.” Hört, hört! Mit Nancy von Bunker haben die Neunziger nun auch ihre Christiane F. gefunden: In Jugendzimmern entdeckt, treiben solche Bücher staubwischenden Müttern den Angstschweiß auf die Stirn. (Kind, was liest du denn da!) ”Die authentische Biographie einer Großstadtjugend, die die Sucht nach Leben treibt.” So viel Authentizität hätte dann auch wieder nicht sein müssen. Schon wieder wird jede Menge so rumgelaufen und rumgestanden, zur Technomusik, bedröhnte Gestalten tauchen aus dem Nebel auf, aber damit ist so ein Buch eben noch nicht gemacht. Was diesem Buch und seinen Dialogen fehlt ist dringend etwas Ironie. Aber ich greife vor. Nichtrauchen führt zum Drogenkonsum Gleich in den ersten fünf Zeilen schleimen Desaster, wird gekotzt, gewürgt und klebriger Schmutz und Unrat kleben an müden, ausgezehrten Menschen, die sich daraufhin verpissen. Wir sind erschüttert. Das Moloch Berlin, man hat es ja schon immer geahnt! Wo die “autonome Szene” nicht etwa die von unserer Hauptheldin erstrebte “Freiheit und Akzeptanz” gewährt, sondern sich als “intoleranter, egoistischer Haufen” entpuppt, der den Entschluß Nancys, Nichtraucherin zu bleiben, einfach nicht akzeptiert und sie, oh Graus, “durch ständiges Fragen nach den Gründen meiner Abneigung in eine Außenseiterrolle zwängt.” Trotz ihrer abstinenten Grundhaltung sucht die Autorin “irgendwie nach dem Kontakt zu einer florierenden Drogenszene.” Dem Buch gelingt es nicht, und es gibt sich auch gar keine Mühe, die mangelnde Sprachgewandheit der Autorin zu verdecken. Aber was sich jetzt anhört wie eine schöne Real-World-Atmosphäre kommt leider nicht zustande. Denn da sind immer wieder Wörter, die so klingen, als hätte sich jemand ganz besonders Mühe gegeben, ganz doll authentische Dialoge zu schreiben, dicht neben solchen, die jemand beim Korrekturlesen reingeschummelt zu haben scheint, denn sie passen so gar nicht in das arg begrenzte Repertoire an Vokabeln. So wirkt die Sprache zusammengeborgt, das Buch fließt nicht, es holpert. Das kann gewollt sein, aber es funktioniert nicht. Retten könnte nun noch der Inhalt, und der hat durchaus Potential. Aufstieg und Fall eines jugendlichen Mikrokosmos Der kaputten Familienszenerie mit prügelndem Vater und suizidaler Mutter entronnen, soll nun Berlin, und da ganz besonders die Drogenszene, Ausweg aus der bayrischen Kleinstadt-Enge bringen. Da die “Drogen in der Technoszene billiger sind” (Ach ja?), zieht es die Hauptheldin in “Technolocations”, deren Adressen sie “aus dem Telefonbuch herausgesucht” hat. (Ach ja?) Alles beginnt an einem Freitag dem 13. (Man achte auf das gekonnte Spiel mit subtiler Zahlensymbolik!), unsere Heldin ist “mal wieder auf der Oranienstraße unterwegs, um meine Gedichte zu verkaufen” (Eines dieser Gedichte wird dem Buch vorausgeschickt und besticht durch seine schlichte Metaphorik.), da weist ihr ein Taxifahrer den Weg zum sagenumwobenen Bunker. Der Eintritt in dieses Underground-Paradies wird mit ergreifender Minutiösität beschrieben. Wir erfahren, daß man an Garderoben die Taschen abgibt, um “ungehindert durch die Räume streifen” zu können. Und es kommt, wie es kommen muß – unsere Heldin konsumiert ihre erste Drogen. Und hier scheint mir auch das eigentliche Geheimnis des Buches zu liegen, es ist eine Hymne – und ein Abgesang – auf den Ort, an dem man die ersten Drogen genommen hat. Dieser Ort wird auf ewig verklärt bleiben. Die Tanzfläche und der Track, der dazu lief, diese verständnisvolle Spielwiese des ersten Rausches, – sie sind ein wenig wie dein erster Liebhaber, du bleibst länger bei ihm, als es wohl nötig gewesen wäre, und eine Erinnerung, die, geweckt durch einen Geruch oder einen Klang, überwältigend plastisch von dir Besitz ergreift. Auf der Suche nach weiteren schönen Stellen zappt man sich durch das Buch. Das ist ja so eine Frage beim Lesen – gelingt es einem Buch, Erlebnisse in ihrer außerordentlichen Facette festzuhalten? Ein bisschen möchte man doch was abhaben, sich die Erfahrung für einen Moment ausborgen. Dann wäre es gut geschrieben. Aber schon beim nächsten Mal wird wieder losgeschmirgelt, mit dem grobsprachlichen Sandpapier: “Daß es mir tatsächlich gelungen war, noch einmal den berüchtigten Bunker betreten zu dürfen! Ein Glücksgefühl überkam mich, wie bei der Rückkehr in eine lange vermisste Heimat. Mir war klar, daß ich hier und nirgends sonst hingehörte. Der Bunker war der einzige Ort, an dem ich sein wollte. Der Traum vom Glück der Freiheit war gefangen in diesen Mauern. Der Traum entfaltete seine zarte Blüte im Schutze der meterdicken Betonhaut, spendete Trost und Geborgenheit.” Amen, möchte man da ergriffen sagen. Unsere Heldin wird Teil der “Happy Bunkerfamily”, die Schutz und Geborgenheit bietet vor bösen anderen Drogennehmern, den “Scheißkoksern” nämlich. (Daß nichts tiefer ist, als der Standesdünkel zwischen den Anhängern verschiedener Süchte, darauf hat ja schon Herr Goetz sehr treffend aufmerksam gemacht!) Und die liebe Familie versorgt einen nicht nur mit Pillen, nein, gute Freunde vermitteln auch Arbeit und fortan finanziert sich unsere Heldin die “süßen Exzesse der Nacht” als Dealerin. Nebenbei lernen wir schnell das kleine betriebswirtschaftliche Einmaleins des Dealens, da soll noch mal einer sagen, diese Kids hätten die Marktwirtschaft nicht begriffen! Der Rest ist schnell erzählt. Das Dealen bringt Probleme, vor allem mit der Polizei. Die Happy Bunkerfamily wird durchsetzt mit scheinheiligen, egoistischen Menschen. Es folgt ein Sprung in die Spree, an deren Ufern die Feuerwehr lauert, die direkt in den Knast fährt. Dort gibt es Prügel von Polizistinnen, einen eingeklemmten Daumen. Das endet in einer “Anstalt” mit Psychopharmaka und Willenlosigkeit. Ein selten gehörter Trick bringt hier Ausweg – die Heldin nimmt die Medikamente einfach nicht und ruft ihre Mutter an, welche sie aus den Klauen der Ärzte befreit. Die Mutti wird jedoch auf der Straße stehengelassen, denn es fehlt noch, ja richtig, die Sache mit dem Heroin. Alles wird immer schlimmer. Freundin Sonja fällt wegen einer Überdosis von der mütterlichen Couch und das Ticken wird zum Stress: “Freie Minuten gab es für mich nicht mehr. Ich konnte mich nicht einmal fünf Minuten lang hinsetzen und meine Gedanken sammeln, geschweige denn einen längeren Brief schreiben.” Aber damit noch nicht genug. Der Bunker muß schließen. Der Entzug kommt. Und so zieht sich unsere Heldin schnell und unglaubwürdig innerhalb der letzen zehn Zeilen aus der Szene zurück, denn: “An anderen Techno-Events fand ich keine Spaß.” Und gibt uns noch einige wichtige Erkenntnisse mit auf den Weg: “Partydrogen machen im Alltag keinen Sinn.” Erleichtert schließen wir das Buch. Aufstieg und Fall eines jugendlichen Mikrokosmos, durchgeführt an der Drogenbekämpfungsbroschüren-reifen Karriere einer Ich-Erzählerin. Klingt bekannt. Nein, man muß nicht unbedingt etwas Neues erzählen, aber erzählen können, das sollte man schon. —————————————————————– Kasten: Nancy von Bunker: “Die Tickerlady. Mein Leben in der Technoszene. Berlin: Ullsteinverlag, 1998, 208 Seiten. 24,- DM. ——————————————————————- Zitate: In Jugendzimmern entdeckt, treiben solche Bücher staubwischenden Müttern den Angstschweiß auf die Stirn.

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Elektronische Lebensaspekte.