Bernd 'Burnt' Friedman fährt nach Neuseeland und entdeckt die Langsamkeit im Elektronikdub. Sein "Just Landed"-Album ist der Bremsklotz des "Fit for Fun"-Techno. Ausserdem: Das nächste David Lynch-Alterswerk wird von ihm vertont.
Text: aram lintzel aus De:Bug 33

/dub/elektronika Das lange Echo des Rasenmähers Burnt Friedman & The Nu Dub Players Es ist noch gar nicht lange her, da dachte man, elektronische Tanzmusik werde bis ans Ende ihrer Tage nach der Logik der Beschleunigung funktionieren. “Fast Forward”: Techno und seine Ableger schienen die von dem französischen Medientheoretiker Paul Virilio prognostizierten “Revolutionen der Geschwindigkeit” erfahrbar und wahr zu machen. Von wegen! Heute weiss man, dass alles anders kommen sollte und die Geschichte von Techno weder dem “Immer Schneller”-Credo, noch Virilios Gerede vom “rasenden Stillstand” gehorcht. Allerorten wird trotz der zur Verfügung stehenden Echtzeit-Technologien verlangsamt, verschleppt, reduziert; Geschwindigkeit unterschritten statt überschritten. Selbstkontrolliert drückt man auf’s Bremspedal und widersetzt sich so den um sich greifenden “Freie (Ab-)Fahrt für freie Bürger”- und “Fit for Fun”-Ideologien. Bremsen mit Dub-Reggae Auf dem White Label der gerade bei dem Berliner Elektronik-Label Scape erschienenen Burnt Friedman-Doppel-EP “Just Landed” fehlen jegliche Geschwindigkeitsangaben. Zunächst hörte ich sie immer auf 33 RPM, und es dauerte eine Weile, bis ich feststellte, dass die Platte auf 45 abzuspielen ist. Dass mich die aufreizende Lahmheit nicht ungeduldig machte, sie vielmehr absolut plausibel fand, zeigt, wie selbstverständlich die Umkehrung der Beschleunigungslogik mittlerweile geworden ist. Wohl auch weil ich kurz zuvor den unfassbar langsamen, neuen David Lynch-Film “The Straight Story”, in dem ein alter Mann mit dem Rasenmäher durch Amerika tuckert, gesehen hatte, wunderte mich nichts mehr. Bernd Friedmann, wie Burnt mit bürgerlichem Namen heisst, stören solche Tempo-Unterschreitungen keineswegs: “Ich finde es gut, dass es möglich ist, die Platte langsamer zu hören, als es gedacht war. So kann der, der will, herausfinden, wie bestimmte Stellen gemacht sind.” Gebrauchsmissverständnisse können neue, produktive Effekte erzeugen. Die Entsprechung zu dem Rasenmäher in Lynchs Film ist in der elektronischen Musik der Dub-Reggae. Generell spielt Reggae in der Feier der Langsamkeit seit einiger Zeit eine zentrale Rolle. Das war natürlich nicht immer so: Ragga-Jungle zum Beispiel betrieb dromologisches Tuning, indem er Reggae-Elemente hochpitchte. Doch spätestens mit den letzten “Rhythm&Sound”- und “Main Street”- Maxis ist computerisierter Reggae am unteren Ende des Tachoanzeigers angekommen. Während aber die grossartigen Produktionen von Moritz von Oswald und Mark Ernestus Reggae in die digitale Abstraktionsmaschine schicken und lediglich als ein entschlacktes Allgemeines fortleben lassen, bewegt sich Burnt Friedman wesentlich näher und konkreter an historischen Vorbildern wie King Tubby, Lee Perry oder Augustus Pablo. “Just Landed” wurde denn auch im Sinne der Erfinder live “mit richtigen Musikern” eingespielt. “Was ich bei den frühen Reggaeaufnahmen am meisten schätze, ist die Disziplin und Bescheidenheit, die völlige Hingabe an einen Mini-Sound. Es gibt da so eine Einschwing-Zeit, die nicht mechanisch klingt. Trotz der Reduktion gibt es aber permanente Veränderung”, so Friedmann. Zwar eignet sich Bernd bestimmte Vorlagen an, überarbeitet sie dann aber subtil mit digitalen Mitteln. Seine Praktiken erinnern nicht nur an die echolastigen “Versions” auf den B-Seiten von Reggae-7”es, sondern auch an Techniken der Appropriation-Art. Der Bezug zur bildenden Kunst ist mitnichten zu weit her geholt, denn Bernd Friedmann war in früheren Zeiten Student an der Münchner Kunstakademie. Heute lebt er in Köln am Rhein. Let’s go outside! Wie der Film “The Straight Story” handelt “Just Landed” von dem Reiz unendlicher Entfernungen und dem ewig hinausgezögerten Moment des Ankommens. Die mit befreundeten Musikern eingespielten Aufnahmen fanden auf Neuseeland statt und dauerten insgesamt drei Jahre, unterbrochen von langen Rückreisen nach Köln, wo Bernd die Takes in seinem Studio digital nachbearbeitete. Bei seinen Neuseeland-Besuchen stiess Friedmann auf eine rege Reggae-Szene; umwerfende Sound-System-Erfahrungen erweiterten sein Soundverständnis, das sich auch in seinen anderen Projekten Nonplace Urban Field und Flanger (letzteres zusammen mit Uwe Schmidt alias Atom Heart). Friedmanns Reggae-Begeisterung dient ihm heute als Waffe gegen ein anderes Klischee, mit dem elektronische Musik (oft zurecht) zu kämpfen hat: Ihr fehle ein Aussen, sie verweise nur auf sich selbst, sei formalistisch, nerdig und lediglich an Studiobedingungen, nicht aber an anderen Lebenswelten interessiert. Friedmann stimmt dem durchaus zu: “Was mich an vielen Sachen stört, ist in der Tat die Selbstbezüglichkeit, d.h. dass nicht mehr aus dem bestehenden Konzept ausgeschert wird. Das ist mir oft zu dogmatisch und selbstähnlich.” Die spirituelle Kraft von Reggae, die weder mit Authentizitätsterror noch mit Indie-Schluffigkeit verwechselt werden sollte, kann als Mittel betrachtet werden, mit dem Friedmann die strukturalistische Binnenreferentialität (ein Beat oder Sound verweist nur auf den benachbarten Beat oder Sound und nicht auf eine äussere Realität, Bedeutung oder Vorstellung) aufzubrechen versucht. “Es geht mir um reale Erfahrungen im Gegensatz zum rein symbolischen Austausch, wie er am Computer stattfindet. Deshalb arbeite ich auch mit Live-Musikern. Am Computer arbeitet man lediglich die Ideen, die man vorher entwickelt hat, ab. Dieses Abarbeiten birgt die Gefahr, dass die Musik immer selbstbezüglicher und kontemplativer wird und man nur noch seinen eigenen Ideen hinterherrennt.” Dass Friedmann nach Neuseeland fahren musste, um die von Reggae angebotenen Überschreitungsmöglichkeiten zu entdecken, sagt einiges über die Festgefahrenheit mancher elektronischer “Avantgarden” hierzulande aus. Transzendenzangebote wie in Friedmanns Reggae-Adaptionen findet man in der Tat immer seltener. Auch Atom Hearts Umzug nach Chile (auf der nächsten, bei Friedmanns eigenem neuen Label Urbanfield erscheinenden Nonplace Urbanfield-LP wird im übrigen ein Latin Jazz-inspirierter Remix eines Atom Heart-Tracks zu hören sein) kann wohl als ein anderes Symptom für oft beengende und lähmende hiesige Verhältnisse und Veröffentlichungszyklen betrachtet werden. “Just Landed” ist somit nicht nur als Statement gegen die Schnelligkeit, sondern auch als Plädoyer für neue Erfahrungshorizonte und Identitäten zu verstehen. Der Weg dorthin mag ganz schön lang sein, aber es bleibt ja schliesslich noch ein knappes Jahrtausend Zeit!

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Elektronische Lebensaspekte.