Ihre Schriften laufen um die Welt. Ob auf der Web-Site von MTV oder gar als Headline aufeinem Schwarzenegger-Filmplakat. Das Grafikerkollektiv Büro Destruct aus Bern hat mit Flyern als Transportmittel begonnen. Jetzt sind sie bekannt wie ein bunter Hund. Zurecht.
Text: nicki lüthi aus De:Bug 46

design

Büro Destruct
Big design – small city

Nick Lüthi

Büro Destruct ist weltweit bekannt. Ursprünglich als Agentur für junge Künstler gegründet, entwickelte sich das Grafikkollektiv in den vergangenen Jahren zu einer der ersten Adressen des zeitgenössischen grafischen Designs. Lopetz, H1reber und MBrunner haben zusammen mit dem 3D-Grafiker HeiWid ein Büro in Zürich in einem alten Wasserwerk, der im ehemaligen Armenquartier der Schweizerischen Hauptstadt liegt. Flyer und Plakate für das dortige Berner Kulturzentrum “Reithalle” und andere lokale Konzertveranstalter boten ein willkommenes Übungsfeld, in dem die BD-Grafiker ihre Schriften entwickeln konnten.

Vom Flyer zum Font
Die Entstehungsgeschichte der meisten Fonts ist von der Flyer- und Plakatgestaltung geprägt. Eine eigentliche Strategie bei der Entwicklung der Schriften haben die BD-Grafiker jedoch nicht, wie Lopetz zu verstehen gibt: “Bei uns entstehen Fonts meist durch Zufall. Für die Entwicklung eines Logos oder einer Headline kreieren wir oft einzelne Buchstaben, die aus keinem bestehenden Alphabet herkommen. Wenn uns diese Zeichen auch nach Wochen weiterhin gefallen, setzten wir uns hinter den ganzen Zeichensatz.” Aufwändig ist für Büro Destruct dabei vor allem die Feinabstimmung, denn alle möglichen Situationen nebeneinander liegender Zeichenpaaren müssen überprüft werden. Einmal fertig designt, werden die Schriften zum freien Download ins Internet gestellt. Danach läuft die Verbreitung über link-zu-link Propaganda. Ein Blick in eine Suchmaschine genügt um festzustellen, dass auf mehreren hundert Sites weltweit auf die Downloads von Büro Destruct verwiesen wird. Die freie Verfügbarkeit sei überhaupt kein Nachteil und bedeute auch nicht entgangenes Geld, das über Copyrightgebühren hätte hereingeholt werden können, meint HeiWid. “Es ist die klassische Dealermentalität. Kunden werden über die Fonts angefixt und melden sich dann für größere Aufträge”, so HeiWid gegenüber De:Bug.

Verfremdung und Fake
“Büro” steht als Synonym für Ordnung, doch Übersicht und Klarheit trifft auf ein dekonstruktives Moment. Am sinnbildlichsten lässt sich dies am Destruct-typischen Fax-Stil ablesen. Eine Vorlage wird ausgedruckt, unsorgfältig gescannt und an ein Faxgerät “Modell Uralt” geschickt. Danach wird das ganze wieder gescannt oder vorher manuell auseinandergeschnitten und zusammengefügt. Erst dann erfolgt im Layout die Endbearbeitung. Was daraus entsteht, sind kubistisch anmutende Werke, die optisch herausstechen, weil der Remix-Stil das Auge reflexartig zur Suche nach Bekanntem herausfordert.
Die grafischen Arbeiten präsentiert das BD seit einem Jahr einer interessierten Öffentlichkeit auch live. Unter dem Label “Büro Discotec” finden regelmäßig Tanzveranstaltungen statt, für die das grafische Arbeiten multimedial umgesetzt wird. HeiWid als VRML-Pionier zeichnet bei der “Büro Discotec” jeweils für die Visuals und der Grafiker Lopetz für typografische Displays. Die Inhalte beschränken sich weitgehend auf sprachspielerische Absurditäten, obwohl es laut HeiWid durchaus wünschenswert wäre, der Tanzgemeinde Messages zu vermitteln, “…doch dafür ist der ideologische Background zu verschieden.” Dies zeigte sich etwa anhand einer Serie Arbeiten für die Tanzveranstaltungsreihe “Sweet’n’Sexy”. Zentrales Motiv auf den in knalligem Lila-Pink gehaltenen Flyern und Plakaten ist eine sich räkelnde voll- und manchmal auch barbusige weibliche Figur. Eher tippt man auf billige House-Ästhetik, als dass eine Arbeit aus dem Hause BD dahinter vermutet wird. Als Werbeträger sind die Sweet’n’Sexy Plakate äußerst erfolgreich.
Wenn wie in diesem Fall eine Stilrichtung zu stark abfällt, reicht oft die Besinnung auf das gemeinsame Label, das nicht mit zu starken Ausreißern strapaziert werden sollte. Die Gratwanderung zwischen dem individuellen gestalterischen Anspruch und dem gemeinsamen Auftreten ist allgegenwärtig. Letztendlich ist die Verschiedenheit aber ein Vorteil, da so unterschiedliche Auftraggeber an Land gezogen werden können.
Obwohl das Büro Destruct seinen Bekanntheitsgrad Dank dem WorldWideWeb erreichte, spielt das Netz nur eine untergeordnete Rolle. Selbst VRML- und 3D-Spezialist HeiWid, dessen Schaffen für die Präsentation im Cyberspace prädestiniert sind, kann sich nur beschränkt begeistern. Aufträge für Webdesign nehmen die Grafiker nur an, wenn ihnen dabei absolut freie Hand gelassen wird. Es handelt sich zwar nicht um eine fundamentale Web-Skepsis, sondern um eine Absage an den Webdesign-Hype.

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Elektronische Lebensaspekte.