Das holländische Butt-Magazin ist die Mutter der neuen Familie an Schwulenheften. Hier nimmt der Mix aus Intimem, Persönlichem und Explizitem und Albernem seinen Anfang.
Text: Felix Denk aus De:Bug 104


Fags & Mags

Butt Magazine // Explizit in Rosa

Der Name Butt verspricht mehr Klarheit, als er halten kann. Natürlich ist Butt ein Gay-Magazin. A5-Format, Schwarz auf Rosa Zweifarbdruck, grobes Papier – so sahen schwule Pornohefte oder Ledermagazine in den 1970er Jahren aus, etwa JD oder Straight to Hell. Man sieht viele Männer – dicke, dünne, behaarte – und viele Schwänze. Aber dann wird es unklar. Lange Interviews, ausführliche Portraits. Fotostrecken von Wolfgang Tillmans, Anzeigen von Dior, Marc Jacobs und internationalen Kunstgalerien – Butt ist mehr als schwule Subkultur. Die Schwänze scheinen die Klammer um einen viel weiteren Themenkreis. Ist Butt eigentlich ein Mode-, Lifestyle- oder Kunstmagazin?
“Es hat etwas von alldem“, sagt Gert Jonkers, der Butt mit Art Director Jop van Bennekom seit vier Jahren betreibt. “Aber im Wesentlichen ist es ein Magazin über schwule Männer. Uns geht es nicht so sehr um Produkte wie Mode, Kunst, Musik. Wir sprechen kaum mit Leuten, die etwas zu verkaufen haben. Es soll um die Leute selbst gehen. Über ihre Träume, ihre Fantasien, manchmal ihre Arbeit und ihren Sex. Wenn wir einen Musiker interviewen, fragen wir nicht, wer seine letzte Platte produziert hat und wo sie aufgenommen wurde. Wir würden auch nicht in irgendein Hotelzimmer kriechen, um im Schnellverfahren einen Filmregisseur zu interviewen. Das interessiert uns nicht.“

Butt erscheint viermal jährlich, kommt aus Amsterdam, ist aber weltweit erhältlich. Auch die Themen sind global. In der aktuellen Ausgabe ist ein Portrait über den Londoner Modeschöpfer Julian Ganio, der Sportswear-Kollektionen für ältere Männer entwirft und seine Modeschauen mit Ex-Lovern über 50 bestreitet, ein Interview mit Mark Simpson, dem wahren Erfinder des Wortes “metrosexuell“, ein Reisebericht mit Fotostrecke über Portland, Oregon, und ein Interview mit dem norwegischen Künstler Bjarne Melgaard. Der erzählt, dass er sich beim Onanieren selbst schneidet, und zwar so tief, dass dickflüssiges Blut aus der Wunde tritt, weil das eine ähnliche Konsistenz hat wie Sperma. Daneben eine Anzeige eines Designer-Möbelladens, der sich auf moderne Klassiker spezialisiert hat.

Um das sexuell Explizite geht es in Butt jedoch nicht in erster Linie. Das ist eher eine Nebenwirkung des persönlichen Tonfalls in den Artikeln. Die Interviewer suchen die Nähe zu ihren Interview-Partnern. Die intime Gesprächssituation schafft eine Atmosphäre, die das Magazin prägt und den Leser einbezieht. Gert Jonkers: “Es soll so sein, als würde man die Person treffen, die da interviewt wird. Am Flughafen, im Waschsalon – ein zufälliges Gespräch, das aufregend ist. Es gibt diesen Song der Pet Shop Boys, ‘It’s a Sin’. Es geht darum, wie man in einer Bar ist und es beinahe verboten scheint zu sprechen. Alles ist so cool, jeder ist distanziert. Wie schade. Es ist doch so toll, jemanden kennen zu lernen und ein intensives Gespräch zu führen.“

Butt ist sehr textreich. Und das A5-Format nicht gerade fotofreundlich. Beinahe wirkt es, als sollte die Aufmerksamkeit auf die Texte gelenkt und damit die Regeln des Magazin-Genres unterwandert werden. Dabei sind die Fotos von berühmten Fotografen wie Wolfgang Tillmans, der seit der ersten Ausgabe regelmäßig mitarbeitet. Gerade weil Butt die Bilder den Texten beiordnet, statt sie ihnen überzuordnen, entsteht eine ganz eigene Ästhetik, die jenseits des provozierend Kaputten eines Terry Richardson und jenseits der inszenierten, nicht-inszenierten Kokain-Kühle einer Kate Moss liegt.

Wie die Interviews sind auch die Fotos sehr unmittelbar und greifbar. Sie erzählen viel aus dem Leben, haben etwas sehr Privates und Persönliches. Ob sie ein Portrait sind oder ein PinUp – es geht in ihnen nicht um Überhöhung, sondern um Nähe. Ein grundlegender Unterschied zu Lifestyle-Magazinen. Gert Jonkers: “Lifestyle-Magazine erfinden ein perfektes Leben. Ein perfektes Haus mit einem perfekten Teppich, einer perfekten Couch und einem perfekten Auto. Sogar Pornos sind so: Zwei perfekte Typen treffen sich und haben perfekten Sex. Das ist alles so unwahr und langweilig, beinahe deprimierend. Man fragt sich, warum das eigene Leben nicht so aussieht. Lifestyle-Magazine sind so, Pornos auch und sogar Kunstmagazine. Viele Dinge im Leben sind nicht perfekt, nicht mal besonders gut, aber sie sind trotzdem sehr interessant.“

Normal sehen Fotostrecken in Lifestyle-Magazinen aus wie ihre Anzeigen. Ein Grund ist die alte Marketing-Gleichung: redaktionelle Behandlung = Anzeige. Im Butt-Magazin ist das andersrum. Was daran liegt, dass Butt weder produktorientierte Fotostrecken noch eine Marketing-Abteilung hat. Anzeigenkunden kommen von selbst auf die Redaktion zu. Und oft suchen die Kunden spezielle Fotos aus, die zu dem speziellen Profil von Butt passen. Jürgen Tellers Fotos für Marc Jacobs zum Beispiel, oder die Anzeigen von American Apparel, die die Sexyness von Butt aufnehmen. Auch hier haben die Bilder die Intimität eines Fotoalbums.
Sie vermitteln einen “Guy next door“-Charme statt einer Idee von Schönheit, die man zwar anbeten muss, aber nie und nimmer anfassen könnte. Und wenn Anzeigenkunden keine Bilder haben, die sich in die Butt-Ästhetik einpassen, gibt es Logo-Ads: Nur der Markenname erscheint auf einer ansonsten leeren Seite.

Auch wenn die Butt-Ästhetik mittlerweile öfters in der Werbung auftaucht, sieht Gert Jonkers die Gefahr einer Vereinnahmung gelassen. Für ihn ist es nicht die alte und immer wiederkehrende Geschichte von der einfallsreichen Subkultur und dem gefräßigen Mainstream: “Eine Christian-Delacroix-Anzeige in Vogue Italia in einer Butt-Ästhetik? Ich weiß nicht. Das macht wohl keinen Sinn. Wenn es eine interessante, heterosexuelle Adaption unserer Ideen ist, habe ich nichts dagegen. Unser Magazin würde das nicht entwerten. Wir würden uns etwas Neues ausdenken.“

Eigentlich ist das schon geschehen. Neben Butt betreiben Gert Jonkers und Jop van Bennekom nämlich seit einem halben Jahr auch ”Fantastic Man“, ein Style-Magazin, das sich genauso an hetero- wie an homosexuelle Männer richtet. Aber auch das klingt erst mal klarer, als es ist.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response