Matthias Bruhn über Ästhetik
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 162


(Foto: Filippo Minelli)

Im Netz hat das Bild den Text im Kampf um Aufmerksamkeit längst geschlagen. Welchen Ästhetiken die Tumblr-Praktik folgt und was ihre historischen Vorläufer sind und dass Kontext heute alles ist, weiß der Bildwissenschaftler Matthias Bruhn

Mit dem Buzzword von der Bilderflut ist heute in erster Linie eine Flut der Bildformate gemeint. In der Frühzeit des Netzes tauchten Bilder vor allem in professionellen Kontexten wie Presse- und Stockfotografie auf. Heute dagegen entstehen fast täglich neue Formate der Bildernutzung. Neben den obligatorischen Kätzchenbildern und dem fragwürdigen Retroglanz von Instragram und Hipstamatic zeigt der Erfolg von Blogs wie dem Tumblr “Kim Jong-il looking at things” und seiner Spin-Offs oder dem “What people think I do”-Meme, dass im Netz derzeit eine Verschiebung stattfindet zu einer Form von visueller Kommunikation, die dem reinen Text überlegen ist. Welche Bedeutung hat das einzelne Bild überhaupt noch, wenn es scheinbar beliebig in immer neue Kontexte gestellt werden kann? Welche historischen Vorläufer haben die aktuellen Bildpraktiken? Ist unsere Aufmerksamkeitsschwelle schon so weit gesunken, dass wir das in Echtzeit verfügbare Bild selbst der kürzesten Textnachricht vorziehen? Über diese Fragen haben wir uns mit dem Bild- und Kunstwissenschaftler Matthias Bruhn unterhalten, der am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der Humboldt-Universität Berlin forscht und lehrt.

Debug: Bilder sind nur ein Teil der Masse an Informationen, die täglich auf uns einströmt. Sind Bilder im Kampf um Aufmerksamkeit gegenüber Text privilegiert?

Matthias Bruhn: Wenn man von einem sehr weiten Bildbegriff ausgeht, ist ein Bild nichts anderes als eine Gestalt. Gestalterkennung ist immer schneller als Text, das haben sich die Menschen schon bei der Kommunikation durch Gesten zu Nutze gemacht. Bilder entstehen immer durch einen komplexen Prozess von Filtern und Rahmungen. Ob man ein Wort wie “Hilfe” an die Wand schreibt und einen Kreis darum zieht, oder ob etwas auf dem Bildschirm eines Smartphones erscheint, ist zunächst einmal sehr ähnlich. Jede visuelle Aufzeichnung ist eine Formatierung von etwas und gibt bereits vor, was als Bild zählt. Diese Erscheinungsformen wirken zurück auf unser Sehverhalten – wir schauen heute bereits iPhone-mäßig und suchen immer die Ausschnitte, die am Besten ins Format passen. Das Bild ist damit schon geschossen, bevor wir auf den Auslöser gedrückt haben. Im Umkehrschluss sind Bilder damit nichts anderes als ein Dokument unserer Aufmerksamkeit.

Debug: Smartphones und die Allgegenwart des Netzes führen auch zur sofortigen Verfügbarkeit von Bildern. Apps wie Instragram ermöglichen eine visuelle Dokumentation des Alltags in Echtzeit. Geschieht das einfach nur, weil es technisch so leicht möglich ist oder stecken dahinter komplexere Gründe?

Bruhn: Technologieentwicklung hat grundsätzlich immer Einfluss auf die Nutzung. Das Phänomen des Knipsens trat bereits in dem Moment ein, in dem Menschen eine kleine Leica mit sich herumtragen konnten und Straßenaufnahmen bei Tageslicht möglich waren. Leute, die bisher nicht fotografiert hatten, drängten auf den Markt. Die Klagen, dass heute jeder knipsen könne und man keine redaktionelle Gewähr mehr habe, ob die Bilder auch echt seien, waren um 1900 dieselben. Der Überschuss an Bildern hat überhaupt erst dazu geführt, dass es einen Beruf wie den des Bildredakteurs gibt und eine Grenze zwischen professionell und amateurhaft gezogen wurde. Heute geht es vielleicht nicht mehr um Verwertung im schnöden Sinne des Profits. Aber trotzdem liegen der Bilderproduktion noch immer ökonomische Prinzipien in einem sehr weit verstandenen Sinn zu Grunde. Die Dokumentation des eigenen Alltags dient sowohl der Selbstvergewisserung als auch der Außendarstellung: Schaut her, das bin ich und so sieht mein Leben aus. Damit wird nicht mehr finanzielles, sondern kulturelles und soziales Kapital gesammelt.

Debug: Welche Ästhetik wird dabei bedient? Auffällig ist, dass Alltagsfotografie trotz ihrer scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten oft Ästhetiken reproduziert, die aus der Werbung bekannt sind, zum Beispiel Leute, die ihr Mittagessen fotografieren.

Bruhn: Die Werbung und die ihrer Bildsprache zu Grunde liegende Stockfotografie haben eine Grammatik von Bildern erschaffen, die so selbstverständlich geworden ist, dass wir sie meist völlig unkritisch hinnehmen und versuchen, dieser Ästhetik zu entsprechen. Das bemerkt man bei Leuten, die ihre Urlaubsfotos nachbearbeiten – der Himmel muss einfach blau sein. Tatsächlich gibt es viel mehr Langlebigkeit, als man angesichts der digitalen Fotografie erwarten würde. Streng statistisch sind noch immer 90 Prozent der geschossenen Fotos rechtwinklige Porträts lächelnder Menschen. Meist befinden sie sich auf Reisen, an schönen Orten oder Sehenswürdigkeiten. Dazu kommen die Dauerbrenner Essen, Privat, Natur, Hunde, Katzen, Blumen. Interessanter, als diese zu analysieren, wäre es, zu erfahren, welche von den unzähligen geschossenen Bildern nicht hochgeladen werden und welche Gründe dafür verantwortlich sind.

Debug: Trotz der Angleichung von privater Massenfotografie und Stockfotografie ist der Handel mit Bildern und ihren Nutzungsrechten noch immer sehr stabil und wird dominiert von den beiden Bildagenturen Getty und Corbis. Warum?

Bruhn: Die extreme Konzentration des Stockfotomarkts ist im Grunde anachronistisch. Vor einigen Jahren wurde ja von Microstock-Agenturen versucht, den Markt zu öffnen und ein alternatives Angebot auf niedrigerem Preisniveau zu etablieren. Das konnte sich aber nicht durchsetzen. Agenturen wie iStockphoto.com sind mittlerweile von Getty aufgekauft worden. Die Microstock-Agenturen sind am Unwissen und der Bequemlichkeit der Bildredakteure gescheitert. Die kaufen lieber ein teures Bild, dessen Rechte hundertprozentig wasserdicht sind, als sich mit alternativen Lizenzen auseinanderzusetzen.

Debug: Ein Großteil der Bilder, die etwa in Tumblr-Blogs kursieren, werden nicht von deren Betreibern selbst geschossen, sondern irgendwo im Netz gefunden und neu zusammengestellt. Wird bei Tumblr jeder zum Kurator seiner eigenen Galerie?

Bruhn: Natürlich könnte man den Kurator als paradigmatische Figur des Archivzeitalters bezeichnen. Der serielle Umgang mit Fotografie ist aber im Grunde so alt wie die Fotografie selbst. Das liegt an ihrem experimentellen Charakter. Als die Fotografie entstanden ist, brauchte man Serien, um zu ermitteln, welche Blenden und Belichtungszeiten man verwenden oder welche Chemikalien man bei der Entwicklung verrühren sollte. Heute tritt dieser technische Alltag in den Hintergrund. Serien sind heute eine künstlerische Geste, die der Stiftung eines Werkzusammenhangs dienen soll. Bei vielen aktuellen Bildpraktiken, die mit Collage, Montage und Neukontextualisierung arbeiten, handelt es sich aber weniger um die Arbeit eines Kurators, als vielmehr um die eines Bildredakteurs. Bei einem Blog wie „Kim Jong-il looking at things“ sucht jemand Bildmaterial zu einem bestimmten Thema und erstellt dazu Bildunterschriften. Bei den Kätzchenbildern ist es ähnlich. Diese werden meist erst durch die Kombination von Bild und Text lustig.

Debug: Sind diese Praktiken also weniger ein Zeichen für einen souveränen Umgang mit Bildern und die Fähigkeit zur visuellen Kommunikation als vielmehr für deren Verkümmerung?

Bruhn: Seit Beginn der illustrierten Presse ist das Bild kaum mehr von seiner Umgebung zu trennen. Walter Benjamin hat bereits gesagt, dass wir die Welt immer schon als eine beschriftete wahrnehmen. Sobald wir ein Bild anschauen, suchen wir automatisch nach der Bildunterschrift. In den 1970er Jahren gab es daher Forderungen, Bildreportagen in Magazinen auszuweiten, um das Bild als Bild ernst zu nehmen und es aus der Umklammerung des Textes zu lösen. Die Befürchtungen sind also nicht neu. Ich sehe aber in der Pluralisierung der Bildformate im Netz eine große Chance, der Verkümmerung des visuellen Sinns entgegenzuwirken.

http://www.amor.cms.hu-berlin.de/~bruhnmat

“Das Bild. Geschichte – Theorie – Praxis” ist im Akademie-Verlag erschienen
http://www.oldenbourg-verlag.de/akademie-verlag

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