Poptreffen in Norwegen: Von Bernhoft bis Black Metal
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 161

Den Norwegern geht’s gut. Nicht nur finanziell suhlt man sich im Wohlstand – auch die Popkultur ist kerngesund. Auf dem by:Larm-Festival in Oslo traf sich ein Whoiswho der norwegischen Musikszene, vom smarten Singer-Songwriter bis zu finsteren Black-Metal-Burschen. Wir waren vor Ort und haben nachgeforscht, was Popmusik aus dem Norden zu einem solchen Exportschlager macht.

“Und der Gewinner ist … Bernhoft!” Der mit “Tim und Struppi”-Frisur ausgestattete Singer-Songwriter dürfte sich an jenem Samstag Abend gefreut haben, als er zum Pop-Stipendiaten 2012 des norwegischen Energieriesen Statoil gekürt wurde. Das größte Unternehmen des Landes macht jedes Jahr eine Million Kronen locker, um den ambitioniertesten Nachwuchskünstlern des Landes finanziell ein wenig unter die Arme zu greifen. “135.000 Euro, so viel hat wahrscheinlich ganz Deutschland nicht für die Musikförderung zur Verfügung. Hier bekommt es ein einzelner Act in den Hintern geblasen”, argwöhnt der deutsche Kollege einer Booking-Agentur.

Knowhow statt Diskurs
Der vor allem auf Rohstoffen basierende Wohlstand des Landes ist kein Geheimnis, ebenso wenig, dass für Skandinavien Popmusik ein Exportschlager ist. Zum 15. Mal fand in diesem Jahr das by:Larm-Festival in Oslo statt (sprich Bülarm). Man fühle sich ein bisschen wie das nordische SXSW, wobei Texas und Oslo in der Außenwirkung auch wirklich nur die Erdölmoneten verbinden. Ausschließlich skandinavische Musiker werden hier im Halbstundentakt über die zahllosen Bühnen gescheucht. Es werden Preise verliehen, es gibt einen Expertenkongress, Simon Reynolds kotzt sich über das Reaktionäre der Retromania aus und interessanterweise findet man keine Stände oder inhaltliche Beiträge der Majors.
Live und das Digitale bestimmen das Geschehen. Ein großer Programmaspekt dreht sich um den Stream aus der Cloud. Wie können alle davon profitieren, was sind die Vorteile für den Künstler? Wo hierzulande noch streng und kulturpessimistisch diskutiert und gezetert wird, gehört es in Skandinavien bereits zum Alltagsgeschäft. Praxis statt Zerreden, Knowhow statt Diskurs. Das Beste aus dem Jetzt machen und nicht Vergangenem hinterher trauern.

Snowboard-WM mit Dubstep-Jingle
Man fragt sich seit Ewigkeiten, worin das Geheimnis des internationalen Erfolgs von skandinavischem Pop liegt. In Oslo findet man dafür viele mögliche Antworten und in jeder mag vielleicht ein Funken Wahrheit stecken. Dass die einheimischen Märkte sehr klein seien (Norwegen hat nicht viel mehr Einwohner als Berlin) und daher notgedrungen über die eigenen Grenzen hinaus geguckt werden müsse. Dass das weit verbreitete, nahezu perfekte Englisch (auch ein gern genannter Grund: englischsprachiges Fernsehen wird per se lediglich mit norwegischen Untertiteln versehen) der Sache förderlich sei. Dass es an der hervorragenden Musikförderung läge. Am Wohlstand. Oder aber auch, wie eine russische TV-Journalistin naiv beteuert, es “an den guten Genen” liegen müsse. Es bleibt am Ende doch ein wenig rätselhaft. Vor allem aber wird der Jugend, so zumindest in Norwegen, eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die zeitgleich stattfindende Snowboard-WM wird tagelang und flächendeckend bei den öffentlich-rechtlichen TV-Stationen übertragen, inklusive wobbligem Dubstep-Jingle. Es gibt Comedy-Shows, die sich am runden Tisch an Tweets, Social Media Fails und anderen Web-Memen abarbeiten und ohne jegliche Medieninkompetenzfremdscham auskommen. Viel Pop, viele Konzerte, viel Jugendkultur, viele US-Serien, die bei uns nur mit Hilfe von Torrent-Distribution zu sehen sind.

Mondschein zum Kaffee
Auf der anderen Seite, eine “strenge, fürsorgliche” politische Hand, die den Alkoholkonsum auf offener Straße verbietet. Horrende Tabak- und Bierpreise, strikte Sperrstunde um drei Uhr morgens, auch am Wochenende. Gibt man einer flüchtigen Bekanntschaft ein Pils aus (10 Euro), kommt das einem Heiratsantrag gleich, so wertvoll ist das nasse Rauschmittel. Geht man um zwei in einen Techno-Club, fällt es dem Ausdauernachtsportler schwer zu glauben, dass bereits in einer Stunde die Lichter angehen, wo nach unserer Zeitrechnung noch immer Warm-Up wäre. Kein Wunder, dass es viel mehr Bands als DJs gibt. Eine Kultur wird auch immer durch ihre Orte und Möglichkeiten definiert. Einen Grund, wachhaltende Drogen zu nehmen, hat man nicht. “Dafür ist das sogenannte ‘Vorspiel’, das Trinken vor dem Ausgehen wichtig”, erklärt Miranda Moen von Norway Music Export, “morgens um Drei kann man maximal in Privatwohnungen gehen und mit dem ‘Nachspiel’ weitermachen. Hier existiert so gut wie keine Drogenkultur. Es ist konservativer als in Schweden oder Dänemark. Das einzig Illegale, was hier konsumiert wird, ist Moonshine.” Der Mondschein ist ein über 90-prozentiger, in Kellern gebrannter Schnaps. Man trinkt ihn gerne zum Kaffee. Anders sei er auch kaum zu ertragen. Letztes Jahr hatte man den blind machenden Fusel den Konferenzteilnehmern unter der Hand ausgeschenkt, was der britischen Delegation, laut Berichten, so gar nicht gut bekam. Der Shot ging bei den Engländern sprichwörtlich nach hinten los. Daraufhin wurde Moonshine von der Programmliste gestrichen. Bedauerlich.

Black Metal für verpeilte Teenies
Auch Anders Odden erzählt von Mondschein-Festen während seiner Jugend. Odden zeigt auf die hölzerne Kirche, die im Blickdialog mit der markanten Skisprungschanze in Holmenkollen steht. Die Kirche stand in den frühen 90ern im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit, als sie von vermeintlichen Black-Metal-Anhängern niedergebrannt wurde. Vor einigen Jahren wurde sie wiedererrichtet. Es brannten einige Kirchen während dieser Zeit, und Norwegen war für viele plötzlich das Moloch düsterer Satanisten. Anders war selber Gitarrist in zahlreichen Black-Metal-Kapellen wie Satyricon und Celtic Frost. Teufelsanbeter oder Antichristen wären in der damaligen Szene aber die wenigsten gewesen. “Es waren hauptsächlich verpeilte Teenager aus dem Umland, die weder der
eigentlichen Black-Metal-Szene zugehörig waren, noch wirklich Okkultisten gewesen sind. Man kann sich in dem Alter doch gar nicht ernsthaft mit so einem Thema auseinandersetzen. Das hat eher was mit Verweigerung und jugendlicher Zerstörungswut zu tun.”
Die damalige Osloer Szene drehte sich hauptsächlich um Øystein Aarseth. Er spielte bei der Band Mayhem Gitarre, führte den Plattenladen Helvete (Hölle) und war Gallionsfigur und Sprachrohr. 1993 wurde er von seinem Weggefährten Varg Vikernes umgebracht. “Für mich ist Black Metal zu dem Zeitpunkt gestorben, für die Medien fing es da erst an”, erklärt Anders, der Teil der von Snuff, Gesellschaftsverweigerung und brachialem Sound geprägten Kellerszene gewesen ist. Heute schaffen es amerikanische Black-Metal-Bands wie Liturgy mittlerweile in Kunstgalerien. Damals musste man einen Bogen mit 20 Fragen ausfüllen, um sich für den Kauf einer Mayhem-Platte zu bewerben. Die Band gibt es immer noch. Als sie am letzten Abend des Festivals ein Konzert spielen, wird klar, dass es die radikale Umkehrung von allem ist, was diese Gesellschaft widerspiegelt. Schön wird hässlich, normal wird abnormal, es ist nicht nur eine musikalische sondern auch ästhetische Grundverweigerung. Ein vor Zeichenumkehrungen strotzendes semiotisches Feuerwerk.
So eine Radikalität kann nur dann entstehen, wenn die Welt um einen rum perfekt ist, geht einem dabei durch den Kopf. Denn es scheint hier in Skandinavien mal wieder alles wie am Schnürchen zu laufen. Man schaut demütig und ehrfürchtig auf diese Gesellschaft und vielleicht ist es genau das, was den Erfolg der nordischen Musik ausmacht. Irgendwie, zumindest stückchenweise, hätten wir alle gerne etwas mehr von dieser Welt.