Der Frankfurter Christian Rindermann aka C/Rock ist der internationalistische Kraut-Houser, der als Produzent und mit seinen Labeln Stir15 und Lofi-Stereo nicht das Rad neu erfinden, sondern idiosynkratische Soundschnipsel in den Euro-Standard einschmuggeln will. Cut & Paste heißt sein neues Album
Text: alexis waltz & aljoscha weskott aus De:Bug 56

Tiefgeräusch-House

C/Rock aka Stardub aka Dubstar ist das gute Gewissen der deutschen Deephouse-Szene: Mann der ersten Stunde, DJ, Labelmacher, Produzent, Schreiber, Partyorganisator. Schon früh gab es die so wichtigen Anschlüsse an amerikanische Housestile und an Acid House. C/Rock steht aber auch für die typische Sozialisation eines Frankfurter DJs. Niemals konnte nur House allein existieren und dennoch blieb House bis heute der Groove, aus dem das Glück gebaut wird. Seine Label “Stir 15” und “Lofi-Stereo” brachten Releases von Dean DeCosta, Jeff Samuel, Vermittelnde Elemente, Pink Elln und initialisierende Alben von Glance und Glissando Bros heraus. C/Rocks eigenes 98er Album “Track & Feel” verschmolz zum ersten Mal Minimalismus, House und Dub. Diese runtergestrippte Beach-Zusammenkunft war streng und anziehend zugleich. Auf dem neuen Album “Copy & Paste” ist die Lockerheit und Weiträumigkeit verschwunden. Die Dubs sind bedrohlich eng geworden. Die Beats verschwinden für Minuten in Geräuschkulissen. Machen diese Koordinaten klar, dass Deep auch ein Abgrund sein kann? Was ist passiert?

DEBUG: Wie verlief deine musikalische Sozialisation? Bist du Houser since the first days of school?
C/Rock: Sagen wir mal so, ich habe House von der ersten Stunde an mitbekommen und war von Beginn an infiziert, u.a. von Jamie Principal und frühen Ralphie Rosario Tracks. Und auch diese ganze Sound-Of-Chicago Phase habe ich one-to-one mitgemacht, aber “Houser” von Beginn an kann man nicht wirklich sagen. Fan ja, aber Dogmatiker nicht. Erstens gab es dafür ja viel zu wenig Platten damals, als dass man alles andere hätte fallenlassen können, und zweitens bin ich seit jeher etwas offener für verschiedene Musikstile. In den Anfängen meiner “DJ-Karriere” waren Platten von New Order, The Smiths, Depeche Mode, Club-Remixe von Madonna und ähnliches fester Bestandteil des Programms – was anderes gab es ja auch nicht. In den Anfängen war auch NDW (Fehlfarben, Grauzone, Palais Schaumburg, etc.) mal kurz ein Thema und auch Wave (z.B. Liasons Dangereuse). Natürlich auch Disco (Donna Summer, etc.), frühe deutsche Techno/House-Tracks (Stichwort Frankfurt-Techno), Kraftwerk und später auch eine Menge Gitarren-Rave-Remixes (Stone Roses, Happy Mondays, etc.). Einen Schub hat zwischendrin natürlich Acid House gegeben – das habe ich schon sehr früh in einer puren Form mitbekommen, da ich 89 einen Sommer lang auf Ibiza war. Im Prinzip habe ich dieselbe musikalische Sozialisation wie andere Frankfurter DJs, nur dass ich damals gerade erst anfing, während andere, z.B. der Sven, schon seit ein paar Jahren auflegten.

DEBUG: Und House in Deutschland? Bist du zufrieden, wie sich das entwickelt hat?
C/Rock: Ich bin eigentlich sehr zufrieden. Die Akzeptanz für Kraut-House ist extrem gestiegen (Needs, STiR15, Records Of Interest, DJ Dixon, etc.), aber im Vergleich zu englischen oder US-Produktionen oder mittelmäßigen französischen Produktionen liegt noch vieles im Argen, vor allem, was den internationalen Status angeht. Ich sehe aber keinen eigenen deutschen House-Stil, so wie man das vielleicht jetzt in New York, Chicago, oder im englischen Progressive-House oder gar 2Step ausmachen kann. Alles, was sich an innovativem deutschen Material entwickelt hat, ist doch im wesentlichen stark reduzierte Elektronik – hin und wieder natürlich auch mit House-Elementen, aber eben kein eigener Stil. Das ist aber durchaus ok so, man muss das Rad ja nicht immer neu erfinden. Vor allem nicht dann, wenn man hierzulande inzwischen auch wirklich hochwertige Produktionen abliefert, die sich ohne Probleme mit US- und UK-Produktionen messen lassen. Die Franzosen haben uns zwar noch einiges voraus, wenn es darum geht, House in Tüten zu füllen und für den Kommerzmarkt kompatibel zu machen, aber das ist ja auch Ordnung. Nur, wenn ich mir überlege, wie cool manche Releases auf USM oder Jetlag sind und wie wenig Leute die hören, dann muss sich doch einiges tun.

DEBUG: Es gibt endlos viele Partys und hervorragende Acts, andererseits z.B. in Berlin keinen richtigen Deephouse Abend…
C/Rock: Das ist genau das Problem. Überall wird von Deephouse geredet und überhaupt. Aber wenn man dann mal gebucht wird und den Leuten Deephouse serviert, glotzen sie einen doof an. Letztendlich muss es auch in den meisten Deephouse-Clubs immer wieder knallen. Platz für tiefe Tracks ist da nur selten, aber das ändert sich langsam. Nelson Machado und ich haben das in den letzten zwei Jahren auch in unserem Resident-Club etablieren können, in dem sonst eher progressiverer House-Sound läuft.

DEBUG: Manchmal wird die Musik in einer verklemmeten pseudo Seventies Gangster Visualität rübergebracht (wie bei Pokerflat) oder dient der Selbstdarstellung neuer Mittelklassen. Was wäre deine ideale Housepolitik, schielst du da eher nach New York oder Chicago?
C/Rock: Das würde ich jetzt nicht überbewerten, das ist wirklich eher nur ein plakativer Promo-Schachzug, der sehr up-to-date ist und eine gewisse Coolness vermitteln soll, die den Platten ja auch entspricht. Wenn ich die Wahl zwischen NY und Chicago hätte, dann ganz klar für Chicago. Ich will das aber nicht ganz so polarisierend sehen. Frankfurt ist ja schließlich auch ein starker Einfluss, in dessen Richtung wir auch tendieren.

DEBUG: Die Weiträumigkeit von Track & Feel gibt es auf Copy & Paste nicht mehr. Die Strukturen sind dichter und gedrängter. Kannst du das nachvollziehen?
C/Rock: Klar, das ist genau das, was es auch sein soll. “Track & Feel” war eine Art Rundumschlag, sogar mit einem Technotrack drauf. So was würde heute keiner mehr verstehen, leider, da würden sich viel zu viele Leute fragen, was der denn will, House? Dub? Techno? Listening? Ja was denn nun? Das ist ja schon bei “Cut and Paste” schwer zu vermitteln für viele, obwohl die Ausflüge in die Randgebiete dort schon sehr begrenzt sind. Sobald etwas nicht gleich beim ersten Anspielen knallt, hat es bei den meisten Schlüsselpositionen keine Chance mehr. Angefangen beim Vertrieb bis hin zum Endkonsumenten. Deshalb ist “Cut and Paste” sehr konzeptionell geworden, schließlich ist so ein durchlaufendes Konzept auf einem Album immer noch etwas, dass ein paar Leuten hilft, neue Sounds zu erschließen.

DEBUG: Das Geräusch wirkt wieder wie das Primäre (S-Bahn, Natur etc.), aus dem etwas entsteht…
C/Rock: Das ist eben der “Cut and Paste” Faktor, um den es ja schließlich geht beim Album. Ich mag solche Einschübe einfach. Egal in welchen Zusammenhängen sie nun verwendet werden. Ob als Crazy-Break in einem Moodyman-Track, in dem der Beat fast zwei Minuten weg ist und eine Straßenszene zu hören ist, oder als Intro oder was auch immer. Wenn ich mit Musik die Möglichkeit habe, meine Sicht der Welt zu vermitteln, dann kann ich das neben Text vor allem mit solchen kleinen Soundschnipseln tun. Eigentlich sollte das alles auf dem Album noch viel extremer werden, aber dann wäre ich Gefahr gelaufen, in ein Pseudo-Hörspiel abzurutschen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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Text: sascha kösch aus De:Bug 30

House/Frankfurt Lo-Fi Minimalismus & Luxus Diäten C Rock: Flexibilisierung genereller Offenheit Sascha Kösch bleed@de-bug.de Es fällt gar nicht mal leicht, bei jemandem wie C Rock einen Überblick über all seine Aktivitäten zu bekommen. Vor allem, weil er zu dem seltenen Genre Mensch gehört, die eigentlich alles, was sie machen, eher low profile fahren. C Rock jedenfalls begann seine musikalische Laufbahn (Studium und Familienvater interessiert hier nicht so) als DJ. Seit 1988 legt er zunächst im Raum Frankfurt oft im Zusammenhang mit Jan Elverfeld und Ricardo Villalobos auf. Er gründete schon sehr früh das A6 Heft “Size” und begann ausserdem, für Groove zu arbeiten (das er vor kurzem mit fast der gesamten ehemaligen Redaktion verlassen hat), eine Doppel-Belastung, die zum Ergebnis hatte, dass “Size” leider verschwand. Er begann erste Produktionen und gründete bald schon die Label Stir 15 mit (’94), dann ganz alleine Lo-Fi und hat gerade seine Labelpalette um Lo-Fi Luxury Layouts und die Lo-Fi Ascii Edition erweitert. Mit http://www.mad-net.de schaffte er im Netz den ersten vernünftigen Labelzusammschluss von “Musik aus Deutschland” und betreut zur Zeit den Online Shop http://www.mizzo.com redaktionell. Seine 12″, Albentracks und Remixe laufen in jedem Club, der irgendetwas mit Minimalismus zu tun hat, rauf und runter. Eine Bilderbuchkarriere eigentlich, mit endlosen Anschlüssen, die aus C Rock längst einen der ganz grossen Namen der deutschen und internationalen Techno-House Szene hätten machen können. Wenn er gewollt hätte. Er will aber nicht. Jedenfalls nicht so, wie es üblich ist, denn die Mechanismen haben sich eh überlebt. Selbst-Professionalisierung als Marketinginstrument im Stil des irgendwie als Headinterface auf den Promomechanismen der elektronischen Musik liegenden Rockkultur ist eben doch nie alles, und war es auch nie. C Rock ist ein Berufsbild, das erst noch erfunden werden muss. Flexibilität als Konsequenz einer ganz anderen Technoszene. Die der Zersplitterung guter Produktionen auf 1000er Zahlen, die jede Idee und jeden Aufwand für mehr als das stetige Arbeiten an Tracks fast absurd scheinen lässt, sich aber alles offen hält. Für die richtigen Momente und die richtigen Tracks. De:Bug: Sind die neuen Label Ascii Edition und Lo-Fi Luxury Layouts auch als Serien geplant? C Rock: Ja. Für beide gibt es schon weitere 12″es in Planung. Ascii Edition geht, wie das Layout ja schon vermuten lässt, in eine sehr, sehr minimalistische Art. Aber eher ein neuer Minimalismus, anders als der auf Lo-Fi, eher so wie auf einigen Klang, Perlon oder Kompakt Platten. Ein Minimalismus, der sich auch mal um drei, vier Klänge herum strukturieren kann. Schon eine Reminiszenz an den “Kölner Sound”. De:Bug: Zur Zeit gehen deine Releases in eine Richtung, die der von Kompakt z.B. recht ähnlich ist. C Rock: Ja, zur Zeit. Es ist ja auch grade eine 12″ von mir auf Kompakt erschienen. Ich mache das aber auch erst seit kurzem. Meine Stile wechseln sich immer so in einem Halbjahresrhythmus. Ich denke, der Sound färbt auch irgendwie ab. Ich habe halt sehr viel mit Ricardo und anderen aus dem Perlon-Umfeld zu tun. Lo-Fi soll weiterhin aber ein Label sein, auf dem alles geht: Electro, House, wenn auch nicht im klassichen Deephouse-Sinn, sondern eher strukturell. Luxury Editions hat eher den Listening-Charakter, was bei den anderen beiden eben nicht gegeben ist. Der Bruch sollte aber auch nicht so krass sein, deshalb gibt es auch einen Dubremix von Dubstar. Man hat ja als Produzent, Labelmacher usw. auch nicht mehr so viele Plattformen. Radio fällt fast ganz weg, und da ist der Club fasst die einzige. De:Bug: Kann eine Clubebene denn überhaupt noch soetwas wie die sehr produktive Frankfurter Produzentenszene abbilden? C Rock: Das kann vielleicht noch höchstens Atas neuer Club, das “Robert Johnson”, weil er seine Artists und deren Umfeld miteinbringen kann. Oder das “Spaceplace”, das sich langsam von einer Konzertlocation zum Club hin entwickelt hat, wobei es dort weder Stammpublikum noch eine Musikrichtung gibt. Aber selbst das “Robert Johnson” kann nur einen Teil der Szene zeigen. Wer hier produziert, wird wohl seine Tracks eher selten in Clubs hören können. Am ehesten vielleicht noch die Perlons, weil sie durch Pile, ihren ehemaligen Sony Deal und die Bushes Classic Remixe am Rande des Popstar Appeals sind. De:Bug: Was beeinflusst dein Verständnis von Dancefloor? C Rock: Ich selber bin, wie gesagt, nicht wirklich ein Producer, der kontinuierlich in einem Stil produzieren kann. Den muss ich immer wieder neu finden, und da beeinflusst mich beispielsweise Technik als Initialzündungen, wie neue Maschinen oder Software. Die letzte Initialzündung ist schon etwas her. Die war, als ich Recycle entdeckt und endlich gemerkt habe, was man aus Loops machen kann. Loops, die ich vorher immer etwas frevelhaft empfand. Ich habe lieber mit selbstgemachten Sounds gearbeitet. Immer wieder neu entdecken kann man auch FM Synthese. Daneben glaube ich auch, dass sich die Leute hier viel gegenseitig beeinflussen. Perlon Platten sind zum Beispiel schon schick, aber ich würde – wie auch bei mir – sagen, dass man nicht alle haben muss. Es gibt wenig verlässliche Grössen wie Basic Channel in Berlin oder Michael Meyer in Köln, bei denen man weiss: Da steckt genau das drin, was man erwarten würde. Das gilt für Frankfurter Produzenten, mit wenigen Ausnahmen, nicht. Ausnahmen sind vielleicht Isolée, der auch eher Musiker ist, oder Marcus Nicolai. Aber sich selber immer neu zu definieren, finde ich gut. Dann ist eine Entwicklung zu sehen. Andererseits ist Derrick Carter zum Beispiel einer meiner absoluten Helden, was Amerika betrifft, und ich finde es schön, dass er immer noch so klingt wie vor 5 Jahren. Irgendwie ist es aber, objektiv betrachtet, auch nachteilig, dass keine sehr grosse Entwicklung stattgefunden hat. De:Bug: Wie kommt es zu deiner Zusammenarbeit mit Clair und Roger? C Rock: Ich habe Clair vor drei, vier Jahren mal mit ihrem Jazzprojekt gesehen, das fand ich sehr gut. Damals gab es noch keine konkrete Vorstellung ausser der, vielleicht mal etwas zusammen zu machen. De:Bug: Glaubst du, dass es schwierig für ein Projekt wie Diet werden kann, wenn Vergleiche wie Herbert auftauchen? C Rock: Wir haben eher gemeinsame Vorlieben wie manche Moloko Produktionen oder Laika. Dinge aus dem Elektroniklisteningumfeld, auf die man vielleicht noch tanzen könnte. Da war Herbert nie im Gespräch, allein wegen seiner Soundverliebtheit und der Idee des Samplers als dem Universum des Musikers. Das steht bei uns gar nicht im Mittelpunkt. Wir versuchen ja eher, ein einfaches Bild mit der Musik zu schaffen. Die drei vier Pinselstriche, die drauf sind, gut aussehen zu lassen, ohne sich an einem Element festzubeissen. Wir machen Dinge immer eher aus Spass an den Sachen und lassen uns viel Zeit dabei. Also nicht unprofessionell, sondern eher unbefangen. De:Bug: Steht das “Von Musik leben wollen” nicht irgendwann an? C Rock: Das Wollen weniger, vielleicht eher das Können. Aber ich bin auch zu sehr Realist, um zu sehen, wieviel man machen muss, um davon zu leben. 7 Tage die Woche arbeiten, da würden mir die anderen Dinge fehlen. Und effektiver Platten zu verkaufen, eher die Boygroup-Richtung, damit kann ich mich nun wirklich nicht identifizieren. Ich sag nicht nein. Ich bin bereit, aber es geht heutzutage auch nicht mehr anders. Zu Technogründertagen konnte man vielleicht noch die Tür hinter sich zuschlagen. Jetzt sind die Zeiten definitv anders.

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