"Funkpunkgroovehouse" ist Arks Rettungsvorschlag, um die Musik von ihm und Cabanne aus Paris zu beschreiben. Wenn er damit die französische Variante von deutschem Minimalhouse in theatralischem Swing meint, stimmt Sascha Kösch bejahend ein: Wir machen sie fertig, die miesen Urzeitmöven mit ihren Filtermetzchen.
Text: SASCHA KÖSCH aus De:Bug 57

In Gummistiefeln gegen bombenwerfende Möven

Cabanne und Ark

Nach zwei Stunden in der Pariser Entsprechung einer Kneipe, in der Nähe des Place de la République, wo auch der Karat Plattenladen ist, diese Insel des Minimalhouse in einem strengst separierten kulturellen Umfeld, in dem Techno immer noch heißt: soviel E wie Tempo, nachdem Ark und Cabanne zwei Stunden auf mich eingeplappert haben und meine Hilflosigkeit, einigermaßen vernünftige Sätze auf Französisch zu artikulieren, gnadenlos und fröhlich unter den Tisch geredet hatten, meine Ohren klapperten und meine Konzentrationsfähigkeit ungefähr so groß war, als wäre ich grade auf einem fremden Planeten gelandet, blieb noch eins übrig: Ark musste beweisen, warum Cabanne sagen konnte, dass seine Musik theatralisch sei.

Warum aber Ark und Cabanne überhaupt? Wer ist das? Warum haben die beiden grade eben eine 10″ auf Perlon zusammen releast unter dem zusammengeschmolzenen Namen Copacabannark? Was treibt die beiden auf eine gemeinsam swingende Insel, die sich anhört wie ein simulierter Cocktail, dem kein Villalobos widerstehen könnte. Cabanne releast auf und betreut als Parttime-A&R das Label Telegraph, ein Sublabel von Logistic Records. Nebenher trudeln als Echo darauf langsam Platten von ihm auf Labeln wie 7th City, Daniel Bells Label, vielleicht auch bald auf Trapez und anderen Labeln dieses Landes ein. Vor drei Jahren, nachdem er lange genug versucht hatte, elektronische Musik irgendwie als Housemusik zu verstehen und dem, was er unter Party und Musik versteht, mit der französischen Wirklichkeit abzugleichen, traf er auf Ark. Der zeigte ihm die Wege aus der Beliebigkeit und der eigenen Frustration doch immer nur das zu tun, was andere auch schon machten, die Wege aus Frankreich kurz gesagt. Dort regierte damals wie heute ungebrochen, zumindest was die große weite Welt der Medien betrifft, Filterhouse. Daft Pünk. Kurz, die Schweine. (PS: nach einem kleinen Exkurs von ca. 30 Minuten wüsten Beschimpfungen der französischen Houseszene mit all ihrem blöden und langweiligen Getue und dem Charme einer zu oft aufgetauten 3 Sterne Tiefkühlpizza, dem Einfluss von Daft Punk auf die generelle kulturelle Krise der Welt, der Situation französischer elektronischer Musik und Distribution im Speziellen und Ähnlichem, stellten die beiden abschließend doch fest: darüber sind wir hinweg. Es war also ein Trauma, die Geschichte hatte eine Abkürzung genommen, die zur Einbahnstraße wurde. Und wie bei jedem Trauma erzählt man davon stundenlang, man muss nur wissen, dass man damit keinerlei Einfluss mehr auf die Geschichte nehmen wird.)

Cabanne, natürlich viel stärker von der grundlegenden Verschmelzung von Funk und House, von Chicago und allem, was Groove heißt, beeinflusst als von Frankreich, nahm den über seine vor Urzeiten in Frankreich mit “33Kilos” (ein Projekt mit Pepe Bradock) bekannter gewordenen Ark trotz Nähe zum Irrsinn mehr als Ernst. Und die beiden wurden unzertrennlich. Ark, der in seinen fast 10 Jahren als Produzent elektronischer Musik nun schon so viel gemacht hat, dass man schon von methodologischem Wahnsinn sprechen kann, bezeichnet sich selber und seine verschiedensten Projekte (z.B. mit Oiseau, als Shalark usw.) und seine diversesten Releases auf Brif, Karat und bald auch Playhouse, als Eklektizismus und versucht immer gerne, lange additive Genreketten dafür zu erfinden: Funkpunkgroovehouse oder so. Je nach Stimmung vermuten wir, was ihn aber nicht davon abhält, Tracks zu produzieren, die auch schon mal wie im Fall der letzten Platte mit Oiseau so klingen wie die cannibalistische Version von Peterchen und der Wolf. Eine Oase des Minimalismus in Paris?

Das dürfte nicht nur aus unserer Sicht merkwürdig klingen. Minimalismus. Vor allem in der Verbindung dieser beiden und der Musik, für die sie stehen. Deren gemeinsamer Nenner ist nämlich kaum das, was man hierzulande unter Minimal verstehen würde. So reduziert die Cabanne Tracks auch sind, sie würden niemals in einer Reihe stehen, in der Retro das eine, Dub das andere Ende sein könnte. Und den Samplewahnsinn, den Ark gelegentlich aufwirbelt, als minimal zu bezeichnen, ist in ungefähr so differenziert wie die Weltsicht von George Bush. Aber trotzdem gab es für Paris keine andere Möglichkeit, als die beiden zu treffen. Kurz vorher, mit Michael Mayer im seiner Köllschen Homebase, dem Studio 672, nach ein paar jovial-proustschen “Ah, comme c’est bien”s, die man so als Einstieg in den langen darken Tunnel von Thalysbahnfahrten zum Land des Blättergebäcks um sich wirft, sozusagen als europäische Vorspeise, wusste auch M.M.: Es tut sich was in der Hauptstadt unserer Nachbarn. Ach? (Ich) Wohl! (Er) Was? (Ich) Na da gibt’s doch Ark und nicht zuletzt auch Cabanne. Handschläge besiegeln die Zukunft der Nationen im Einverständnis. (Das Nebenprodukt: Kompakt vertreibt jetzt Karat Platten, lang lebe die Globalisierung!)

Man versteht sich von selbst. Wie um alles in der Welt haben sich zum Beispiel Cabanne und Ark darauf festlegen können, dass die Rettung aus dem Filterhouse-Dilemma ausgerechnet minimale Musik ist? Und die vornehmlich aus Deutschland kommt, egal wo sie produziert wird? Doch nicht nur, weil für die beiden die Ankunft von Isolée in Frankreich der entscheidenste kulturelle Moment der letzten Jahre war? Oder die unterstellte Nähe zu Herbert, dessen leicht missverstandene und misszuverstehende “Sampleideologie” ja weder beim einen noch beim anderen auftaucht. Zu sagen, Ark benutze Samples, ist ja eigentlich untertrieben. Für Ark besteht die Welt aus medialen Splittern und Genrefragmenten. Das muss man irgendwie zusammenfusionieren. Cabanne, Liebhaber früher Jazzmomente und Verfechter einer Langsamkeit der Innovation, sieht das ähnlich, wenn auch von einem deep amerikanischen Grooveverständnis aus. Wenn Ark Samples irgendwie als Metaphern einsetzt, dann weniger weil Samples auf etwas verweisen, als vielmehr weil Samples die Grundstruktur von Metaphern sind, weil sie die erst ermöglichen. Einen medialen Übergang herstellen. Musik von Ark ist ein Theater, weil sie die verschiedensten Elemente (Musiker, Samples, Geräusch, Füße (das französische Wort für Bassdrum) und Vorstellungen) zusammenbringt und in einer Geschichte zirkulieren lässt, die, wenn man über sie reden will, anders als in Metaphern gar nicht mehr fassen lässt. Und wenn Ark über seine Musik redet, das deutete Cabanne, nebenberuflich Vampir, weil er Licht in Paris’ zweitem Club neben dem Batofar, in dem ab und an gute Musik läuft, dem Rex, macht, der aber gleichzeitig auch der E-Tempel einer völligen Egalgeneration ist, die härter, schneller, eben egal was will und sowieso nie weiß, wer grade auflegt, schon an, dann ist das großes Theater.

Wir sind also wieder in den Plattenladen gegangen, um ein paar Platten von Ark zu hören. Z.B. “La Guerre Aux Trousses” von Virtual General und Normal Moins Deux (Ark und Oiseau in Gummistiefeln auf einer Wüstenlandschaft mit bombenwerfenden Möven, elektronisch einsam gepasteten Kakteen und fliegenden Sitzgelegenheiten auf dem Cover). Während Ark durch den Plattenladen mit weitschwingenausgebreiteten Armen flattert und mit bestialischem Grinsen die Attacke der Urzeitmöven und die heldenhafte Abwehr durch Speerschläge simuliert (erstaunlich, dass er dabei nicht den ganzen Laden ramponiert) nebenher allerlei Schlüssiges über die Verschmutzung, den Mond, den Krieg und die Nacht erzählt, so dass er nach einer halben Stunde fast erschöpft auf einem Stuhl ausruhen muss, merkt man, das Theater ist nichts zum Sehen, nichts zum Hören, sondern etwas, das einen komplett mitreißt, ohne dass von einem selber mehr übrigbleiben müsste als dieses große hybride Ding aus Informationen, Gesten und anderen ontologischen Randexistenzen. Musik eben.

Mutationen, Eklektizismen, langsame Veränderungen, Verschiebungen, merkwürdige geheime Allianzen. Eine Seite hat immer auch andere Seiten. So dass das, was auf französischen Pochettes (Cover) “Face” heißen müsste, also eine Art Gesicht wäre, dann schon mal “Vase” heißen kann, weil jedes Gesicht und jede Seite, jede Musik ein Gefäß ist, oder “Fax”, weil unter den Bedingungen einer gesampleten Realität jedes Medium durch leichte Verschiebung zu sich selbst mutiert. In Frankreich reichen schon solche Buchstabenschnittpunkte, um eine unbestreitbare Gemeinsamkeit zu schaffen. Das nächste Universum, z.B. die Laptopszene um Déco oder Active Suspension, findet in einem anderen Plattenladen statt, in einer anderen Stadt, die nur zufällig den gleichen Namen hat. Zwei U-Bahn Stationen weiter ist für Cabanne und Ark längst nicht so nah wie Berlin, Frankfurt oder Köln, einfach weil es in dieser Art von Musik, über die man zusammenkommt, nicht um substantielle Ähnlichkeiten geht, sondern um mutagene Strukturen der Überlagerung. Quer durch Jahrzehnte, Kontinente und vor allem stilistische Differenzen fordern die beiden deshalb – und realisieren es schnell mal mit – die Jahre der Kollaborationen in elektronischer Musik. Copacabannark.

copacabannark (perlon) review bei debug

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Elektronische Lebensaspekte.

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