Der Kanadier Rollie Pemberton sammelte schon zu College-Zeiten auf seinem Blog "Razorblade Runner" einen atemlosen Mix. Auch als Rapper "Cadence Weapon" will er nichts auslassen, was jung, vornedran und rasierklingenscharf ist.
Text: Alexandra Dröner aus De:Bug 121


Robert “Rollie” Pemberton aus Edmonton, Kanada ist heiser. Seine Freundin hat ihm eine Erkältung angehängt, kurz bevor er los ist auf Europatour. Damit er sie nicht vergisst unterwegs oder vielleicht auch als kleine Rache, weil er abends in Berlin beim Justice-Konzert mit einer alten Flamme verabredet ist, der er immerhin einen Track geschrieben hat auf seinem neuen Album “Afterparty Babies”.

Ehrlich bis ins Mark, hat er der Freundin von der Verabredung erzählt, denn er ist kein Arsch, kein Macho und kein Gangster. Er ist Cadence Weapon, juveniles Rap-Symbol mit dem Kopf so übervoll von Beobachtungen, Geschichten, Sounds und Hooklines, dass er zu groß ist für seinen Hut, den er immer wieder am kurzen Afro festdrücken muss.

De:Bug: Rollie, dein MP3-Blog “Razorblade Runner“ war einer meiner ersten Lieblingsmusikblogs überhaupt und äußerst inspirierend, toll, dich zu treffen!

Cadence Weapon: Ach ernsthaft, wow! Ich hab den Blog vor vier oder fünf Jahren angefangen, als ich noch im College war und mich sehr langweilte. Ich kannte den Fluxblog und einige andere und wollte selbst etwas Neues beitragen, einen eklektischen Mix von Musikstilen, nicht so segmentiert wie die übrigen. Inzwischen gibt es Millionen solcher Blogs, eigentlich hat jeder, den man trifft, einen, oder?

Der MP3-Blog, wenn auch inzwischen eingestellt wegen zu großer Beliebtheit und dementsprechender Copyright-Probleme, verdeutlicht die Vielschichtigkeit des Acts Cadence Weapon. So wie sein Vater in den frühen 80ern HipHop und Black Music als College-Radio-DJ aus Brooklyn in Edmonton einführte, infiltriert Sohn Rollie, der sich morgens als erstes die Kopfhörer seines iPods in die Ohren stöpselt, heute HipHop mit seinem persönlichen Aroma aus Clubstories, Every-Day-Live und dem grenzenlosen Musikappetit eines 22-Jährigen, der quasi im Internet lebt.

De:Bug: Du hast mit 13 angefangen zu rappen, wie bist du darauf gekommen?

Cadence Weapon: Das hat eigentlich während der Mathe-Stunden in der Schule angefangen, wo ich Raps mit einem Klassenkameraden geschrieben habe. Ich war einfach fasziniert vom Konzept des Rappens an sich, habe versucht über Instrumentals zu rappen oder mich auf Message Boards übers richtige Rhymen informiert. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was einmal daraus werden könnte, sondern einfach nur davon gerappt, wie großartig ich bin und wie schlecht die anderen, oder darüber, Leute aus Flugzeugen zu werfen und richtig tough zu sein.

De:Bug: Klingt nach Eminem, du sitzt im Bus zur Schule und kritzelst Heftseiten voll … Also warst du wohl mal Gangster Rapper, ja? Was hältst du jetzt davon?

Cadence Weapon: (lacht) “Genau, tatsächlich total wie Eminem! Ich finde Gangster Rap sehr entertaining. Ich nehme das inhaltlich nicht ernst, aber musikalisch finde ich es großartig, die Beats sind so viel besser als das meiste Underground-Rap-Zeug. Ich bin ein Popliebhaber und denke, das größte Problem von Underground Rappern ist ihre panische Angst vor Pop.

Vom Battle-Rap zum großen popaffinen Erzählkino: Cadence Weapon hat eine erfreuliche Entwicklung durchgemacht, und nicht nur die vom Teenie-Rapper zum ernst zu nehmenden Artist. “Afterparty Babies” – in Europa released auf Big Dada, immer auf der Suche nach den neuen Spankrock – ist bereits Cadence Weapons zweites Album und deutlich lebendiger als sein Debüt “Breaking Kayfabe”.

Cadence Weapon: Das erste Album war darker, irgendwie klaustrophobisch in einer Art Burial-Stimmung. Das neue ist viel fokussierter, ein Coming-off-age-Ding, über Geschichten, die mir passiert sind, Leute die ich kenne, wirkliche Leute. Es ist inhaltlich viel bodenständiger, aber musikalisch viel extremer, schneller und viel schlüssiger. Ich hatte in der Zwischenzeit auch angefangen zu DJen und dabei gelernt, wie Tracks miteinander verbunden werden wollen, und ich möchte in der Lage sein, meine eigenen Songs zu mixen.

Schaut man sich das Album-Cover an, bekommt man einen farbigen Eindruck von den Stories auf “Afterparty Babies”: Rollie sitzt auf einem Barhocker, im Hintergrund 50 sympathische junge Menschen, mit denen man sofort bis zum Morgengrauen im nächsten Club feiern möchte, von wegen bodenständig.

De:Bug: Wer sind die ganzen Leute auf dem Cover?

Cadence Weapon: Alles meine Freunde, bis auf diesen einen da, den kenn ich auch nicht, den muss irgendwer mitgebracht haben. Mein DJ ist dabei, DJ Weasle, Nayo, der die Beats gemacht hat für das Album, ein paar andere Rapper, deren Stimmen wir gescratcht haben, Nicholas, der das Album gemixt hat, meine Freundin, Mitbewohner, Leute, mit denen ich ausgehe, Freunde eben. Der Kellerraum des Clubs, in dem wir das Foto gemacht haben, ist danach übrigens abgebrannt.

“The Youth Crew is back“, singt Rollie in einem seiner Stücke und ja, “Afterparty Babies” strotzt nur so vor Jugendlichkeit, vor Fleisch, vor Sturm und Drang. Dicht an dicht tummeln sich Ideen, Zitate, Talent. Von Rollies “Stakes is High”-Tattoo auf dem linken Arm bis zu seinem profunden Wissen um Trends und maximale Clubmusik – Grime, 8bit, Bmore, Fidget House und Niche -, alles drängelt sich wie auf der überfüllten Tanzfläche im Verlauf einer rauschenden Clubnacht auf 14 Albumtracks und möchte gehört werden, bis sich ab und an sogar Vocals und Musik vermeintlich gleichberechtigt im Wege stehen. Eine Platte mit ADS. Cadence Weapon erahnt sein Dilemma:

Cadence Weapon: Heutzutage ist es egal, wo du lebst, du hast Zugriff zu jeder Art von Musik im Internet. Jede Lücke ist geschlossen. Jeder kennt sich jetzt mit allem aus und du kannst niemanden mehr richtig beeindrucken. Früher war ich der Typ mit dem Blog und wusste alles früher als die anderen, jetzt weiß jeder Bescheid, man verliert irgendwie den Vorsprung.

Manchmal muss man sich gar nicht so unter Druck setzen, Cadence Weapon wird das erkennen und sein nächstes Album wird ein Klassiker, keine Frage.

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Elektronische Lebensaspekte.