Die Band um die alten Wüstenrock-Haudegen Joey Burns und John Covertino feiert das Beständige in der Musik und den Wechsel in der Politik. Mexikanischer als heute klangen sie nie.
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 126


Calexico ist eine kalifornische Kleinstadt an der Grenze zu Mexiko und bezeichnet – neben dem hierfür noch öfters verwendeten Terminus Mexifornia – die verstärkte Zuwanderung nach Kalifornien und die damit einhergehende soziokulturelle Transformation. Erweiterte Grenzerfahrung prägt auch das Bewusstsein jener Band, die sich den Namen ins musikalische Programm geschrieben hat und auf Country-Rock, versüßt mit Mariachi-Rhythmen, setzt.

Seit der Bandgründung 1996 verleitet Calexico zur musikalisch-geografischen Ortung ihres Werks. Auf ihrem aktuellen, sechsten Album “Carried to Dust“ – dessen rotbraun skizziertes Albumcover die Rückenansicht einer Frau am Steuer eines alten amerikanischen Wagens zeigt – erspinnen die Karo- und Leinenhemdenträger Joey Burns und John Convertino einen psychedelischen Roadtrip, auf dem sie vom Drehbuchautorenstreik in LA über das Pinochet-Chile bis hin zum winterlichen Moskau gelangen.

Auch wenn das Vorgängeralbum “Garden State“ weitestgehend ohne hispanoamerikanische Bezüge ausgekommen ist und John Convertino sodann betont, dass eine bewusste Offenheit für verschiedenste Musikstile angestrebt wird, so setzt man bei “Carried to Dust“ wiederum auf das bewährte Erfolgsrezept düsterer Gringo-Rock, beschwingte und teilweise mit spanischem Gesang unterlegte Americana-Mariachi-Soundgewächse und cineastische Instrumentalparts. Wer einmal eine Bandshirt-Edition mit Moustache-, Sombrero- und Wüstenaufdruck herausgebracht hat, kehrt, so scheint es, gerne ins staubige Grenzgebiet zurück.

De:Bug: Du hast früher gerne Freunden neue Songs auf den Anrufbeantworter gespielt. Machst du das noch? Welche Nummer von “Carried to Dust“ wäre da am passendsten.

John Convertino: Ich mag im Besonderen den Beginn von “Houses of Valparaiso“, der hat einen guten Groove. Diesen Song würde ich für den Anrufbeantworter empfehlen. Ich habe auch tatsächlich lange Anrufbeantworter bespielt, solange es jene Modelle mit den kleinen Kassetten darin gab – richtig old-style mit dem gewissen Krachen. Im digitalisierten Zeitalter können die Anrufbeantworter einfach nicht mehr diese Tonqualität bieten. Heute mache ich alles mit dem Laptop. Wenn ich nun eine gute Idee habe, dann schalte ich den Laptop ein, nehme einen Satz am Klavier auf und sende es an Joey. Zack. Das war’s. Ich sehe darin gleichsam eine Gefahr. Mit dem Computer lässt sich alles machen. Interaktion mit anderen Menschen wird zusehends überflüssig. Würde man die Zeit, die man vor dem Computer zubringt, mit anderen Leuten verbringen und spontan mit anderen musizieren … nicht auszumalen.

Dabei waren wir immer so stolz darauf, dass wir unsere Songs nie manipuliert, also nicht viel editiert haben. Beim aktuellen Album mussten wir uns bereits selber auf die Finger schauen, weil wir mittlerweile viel mehr bearbeitet haben als je zuvor. Ich denke aber, dass nach wie vor sehr viel Gefühl rauszuhören ist. Man kann noch immer diese kleinen Fehler und Unsauberkeiten hören.

De:Bug: Da klingt die Liebe zur alten Instrumentierung durch.

John Convertino: Ich bin definitiv ein Freund alter Instrumente. Die haben einen nicht zu brechenden Charakter. Ein Instrument wird mit Energie aufgeladen, wenn es von einem Musiker gespielt wird, und behält diese bei, wenn es in andere Hände wandert. Das inspiriert beim Spielen. (Er spielt einen kurzen Satz am Klavier.) Ich könnte mich nie von diesem alten Klavier oder jenen mir ans Herz gewachsenen Drumsets trennen. Nicht nur die Lyrics speisen die Erzählung. Mit den Instrumenten lässt sich ebenso eine Geschichte vortragen. Eine Note spricht zur anderen, meine Bassdrum kommuniziert mit der Snaredrum, die Gitarre unterhält sich mit dem Bass. Ansonsten bin ich der Meinung, dass Musiker viel zu oft viel zu viel Geld für neuen Schrott ausgeben.

De:Bug: Ihr habt in euren Liedern mehrfach soziale Themen aufgegriffen und über Spannungen reflektiert, die das Leben im Grenzgebiet zwischen den USA und Mexiko widerspiegeln. Inwiefern ist euer musikalisches Schaffen auch politisch geprägt? Demnächst wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Präsidentschaftskandidat John McCain ist Senator von Arizona …

John Convertino: Auf politische Geschehnisse stößt man jeden Tag, sie sind Teil unseres Lebens. Sie fließen in unsere Musik ein. Jedoch kann man in seinem musikalischen Schaffen indirekt und poetisch reagieren. Auf dem letzten Album “Garden State“ waren wir etwas direkter, was die Darlegung unseres Frustes und unserer Wut über den Krieg und die Bush-Administration anbelangte.

Auf der aktuellen Aufnahme haben wir das vielfach fahren lassen, weil die Möglichkeit einer großen Veränderung gegeben ist. Für mich ist das wirklich sehr aufregend. Tatsächlich war ich wegen der Kennedys nicht mal ansatzweise so aufgeregt, wie ich es jetzt wegen Barack Obama bin. Ich halte ihn für einen großen Mann, der eine Kursänderung herbeiführen kann. Licht am Ende des Tunnels, ein erwartungsvolles Gefühl, das man, denke ich, auch auf unserem neuen Album raushören kann.
http://www.casadecalexico.com

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Elektronische Lebensaspekte.