Drum and Bass verträgt mehr Tiefe, sagt der Belfaster Domic "Calibre" Martin und hat sich auf seinem zweiten. lang erwarteten Album "Second Sun" genau dieser Aufgabe zugewandt.
Text: Felix K. aus De:Bug 98

Zurückhaltendes Rollen und Fauchen

Seit “Musique Concrète”, seinem ersten Album, das 2001 auf Creative Source erschien, sind fast sechs Jahre vergangen. Für viele war das damals der Beginn einer neuen Ära. Eine Ära der jazzigen Melodien und funkigen Basslines. Oh, und ich kenne eine Menge Leute, die nicht mehr ruhig sitzen konnten, als sie erfuhren, dass Dominick Martin – besser bekannt als Calibre – ein neues Album herausbringt. “Second Sun” auf seinem eigenen Label Signature. Was Calibre für Drum and Bass bedeutet, wird klar, wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre vor Augen hält. Auch wenn nach wie vor nicht so richtig klar ist, was Liquid eigentlich sein soll, ist Dominick doch für viele so etwas wie ein Aushängeschild dafür. Weltweit rollt es in den Playlists und eine Party komplett ohne Liquidsound ist eher selten, obwohl ich den Eindruck habe, dass sich Liquid mittlerweile ziemlich weit von seinem Ursprung entfernt hat und droht in so etwas wie Techno Jump Up umzukippen, wie es einst mit anderen Subgenres geschah, die sich davon nie wieder erholt haben. Schon mit seinen ersten Releases gelang ihm sein einprägsamer Groove und seine bis heute typische Deepness. Sein Sound war immer schon musikalisch und transparent, klar strukturiert und er lässt viel Raum bei seinen Produktionen, ähnlich wie der frühere Rupert ”Photek“ Parkes. Vor allem gelingt es ihm, Beats so unglaublich elegant und teilweise zurückhaltend rollen und fauchen zu lassen, dass es egal scheint, ob einer seiner Tracks jetzt mehr nach Dub, House oder Jump Up klingt. Es ist vielmehr sein eigener Sound. Im Prinzip ist es eh Drum and Bass und Calibre wäre nicht Calibre, wenn es ihm dabei auf eine Abgrenzung ankäme. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, d.h. uns auf den Weg nach Nordirland gemacht, um mehr über diesen Mann und seine Musik herauszufinden.

Innenstadtfront

Wir sind mittlerweile fast in Belfast angekommen, da bekommt Rohan, der Macher von Bassbin, mit dem wir rund um Irland unterwegs sind, einen Anruf. Calibres Abend, zu dem wir auf dem Weg waren, ist wahrscheinlich abgesagt, heißt es. Es gibt Probleme in der Innenstadt, Ausschreitungen und Anschläge. So richtig ist für uns noch nicht klar, was das bedeutet. Als unser Bus nicht weiterfahren kann, müssen wir uns ein Taxi nehmen, um zum Club zu kommen. Dort erfahren wir, dass die Party definitiv abgesagt ist. Alle Pubs, Bars und Clubs im Zentrum von Belfast müssen diese Nacht aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben. Schuld daran hat der lokale Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken, der ausgerechnet an diesem Tag eskalierte. Wie jedes Jahr wollten Fanatiker durch ein bestimmtes Viertel prozessieren, was – wie ebenfalls üblich – behördlich untersagt wurde. Und wie oft zuvor gab es Ausschreitungen, Busentführungen, Detonationen, Schüsse, Tote. Die Drum-and-Bass-Szene in Irland und Nordirland ist nicht wirklich groß. Selten bekommt man mehrere hundert Leute für einen Abend zusammen. Ausgerechnet heute haben sich viele Gäste angekündigt. Die Anlage wird abgebaut und wir fahren zu einer Privatparty, die eigentlich als Party nach der Party angesetzt war. Dort gibt es dann irisches Bier en Masse vom Off License Store, eine Spielkonsole, ein Fußballkonsolenspiel und neben Calibre auch Leute, die einen äußerst unterhaltsam darauf aufmerksam machen, wie überaus reizvoll das Oktoberfest in Bayern sei, wo man unbedingt noch dieses Jahr hin wolle. Rohan fordert nach und nach alle Anwesenden zu Konsolenmatches gegen ihn und seine Lieblingsmannschaft Manchester United heraus. Schnell redet niemand mehr von den Unruhen draußen und ich kann mich mit Calibre über “Second Sun”, über Drum and Bass und überhaupt unterhalten. Dummerweise ist das unter dem Einfluss irischen Bieres aufgezeichnete Gespräch so unbrauchbar, dass der Gedankenaustausch via Telefon größtenteils wiederholt werden muss.

Belfast-Boy

Natürlich lässt sich die Frage nicht verkneifen, ob Dominick und sein alter Schulkollege Paul inzwischen wirklich dort waren, auf dem Oktoberfest. ”Naja“, heißt es auf der anderen Seite, ”stimmt, wir wollten hin.“ Nicht dass man da wirklich hin müsste, niemand mag schließlich das Oktoberfest, aber neulich klang das doch noch ganz anders? ”Hüstel … das deutsche Bier hätte mich natürlich schon interessiert, aber wir haben ja schließlich eh das bessere Bier und davon genug. Immerhin bin ich aus Irland, haha.“ Touché und, äh, Themenwechsel. Immer wenn ich Calibre-Tunes höre, muss ich daran denken, was Drum and Bass wohl ohne ihn geworden wäre. Seine Art hat so sehr auf das Genre eingewirkt, dass ein “ohne ihn” undenkbar erscheint, auch wenn er natürlich nicht der einzige Input war. Jedenfalls wird in dem Zusammenhang interessant, wie Dominick Martin zu Calibre wurde. Nun, es begann vielleicht vor einiger Zeit in einer katholischen Musikschule in Belfast. Heute schickt dort kaum mehr jemand seine Kinder hin. Die Lehrmethoden waren für viele schon damals zu konservativ und rigide. Auch für Dominick. Er lernte dort Violine spielen, übte aber lieber in Schulbands. Dadurch kam er in Kontakt mit irischer Musik – und um es kurz zu machen – von dort kam er zu Dance und zu elektronischer Musik und schließlich Drum and Bass. Irgendwann dann der erste große Schritt und damit der Durchbruch. Er verschickt seine Demotracks und die gefallen Fabio. Der Rest ist eigentlich Geschichte. Wie sonst bei wenigen erkennt man bei seinen Produktionen immer eine bestimmte Linie, die irgendwo außerhalb des Erwartungsdiktats etlicher Drum-and-Bass-Foren liegt, die sich im Vorfeld natürlich wie sonst vergeblich darum bemüht haben richtig zu liegen. Wie gewohnt sind seine Tunes formal auf das Notwendige reduziert. Er setzt aber mit “Second Sun” verstärkt auf organischen Klang durch Piano, Streicher und Zupfgitarre. ”Ja, ich denke, ich versuche das durchzuziehen. Das ist schwer, weil Drum and Bass an sich ein starres Format ist. Ich versuche, das irgendwo auch den Leuten beizubringen, die nur bis zu dem Punkt kommen, an dem sie feststellen: ‘Okay, die Musik ist schnell.’ Das ist halt nur die halbe Wahrheit. Man muss denen und auch allen anderen klarmachen, dass das Genre als Ganzes sehr viel mehr Tiefe verträgt. Mit dem Album hab ich das versucht.“ Nachdem es bereits Releases auf Houselabels gab, wie John Tejadas Ploud, erhärtet sich auch das Gerücht, dass Calibre unter seinem Alter Ego Dominick Martin mehr Housetracks produzieren wird, die unter anderem auf dem eigens dafür geplanten Signature Limited Imprint herauskommen sollen. Wenn das passiert, könnte ich mir vorstellen, dass das in der 125-bpm-Welt nicht ohne Folgen bleibt. ”Für mich ist das ein neuer Style. Natürlich wird niemand wissen, wer zur Hölle Dominick Martin ist. Ich denke aber, weil die Musik gut ist, werden die Leute den Vibe schon spüren, unabhängig davon, ob sie darüber hinaus wissen, was Drum and Bass ist.“

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Elektronische Lebensaspekte.

In Belfast kennen die Nachbarn ihn nur als Dominic Martin. In London feiert man ihn als Calibre, den Drum and Bass Awards Nominee, der neben Fabio das zweite Artistalbum auf Creative Source veröffentlichen durfte. Nur dumm, dass er genau den Track gelöscht hat, den Everything but the Girl remixen wollten.
Text: Heike Lüken aus De:Bug 54

Irischer Durchmesser
Calibre

In den 50er Jahren nannte sich eine Gruppe von Musikern um den Franzosen Pierre Henry nach ihrem ersten Konzert in Paris “Groupe de la Musique concrète”, machte mit Hilfe von Mikrofonaufnahmen sogenannte Lautsprechermusik, also nicht gespielte, sondern auf Tonband aufgezeichnete und mit Hilfe von Bandmanipulation erstellte Klangmontagen und Geräuschkulissen (herrliche Lexikonwelten) und schuf damit eine Möglichkeit, Musik zu produzieren, die heute jedem Samplerbenutzer normal vorkommt.
Elektronische Musik hat ihre Vorgänger, das weiß auch Dominic Martin, aka Calibre, der sein im September erschienenes Debütalbum deswegen als Referenz mit “Musique concrète” betitelte. Geboren und aufgewachsen ist Calibre in Belfast, wo er nach einem Kunststudium, bei dem er sich allerdings hauptsächlich mit Sound Works beschäftigte, und nach mehreren Bandprojekten durch seinen Bruder zum Drum and Bass gebracht wurde. Mit einfachsten Mitteln ausgerüstet, begann er schließlich selbst zu produzieren. “Ich wollte immer kreativ sein und war schon immer an Kunst interessiert. Entweder sollte es bildende Kunst oder Musik für mich sein. Ich wollte nicht alt werden, bevor jemand meine Arbeit wahrnimmt. Musik schien mir viel besser akzeptiert zu sein, und deswegen habe ich mich für die Musik entschieden.”
Vor ein paar Jahren traf er Fabio, der den 26jährigen Iren seitdem auf dem Weg zum Album unterstützt hat. Nach Fabios “Liquid Funk” ist Calibres “Musique concrète” damit das erste Solo-Album auf Creative Source. Über hundert Tracks hatte Calibre zur Auswahl gestellt, aus denen schließlich die 21 rausgepickt wurden, die jetzt das Album zieren.

Music to forget Terror by

Die Release Party für das Album fand einen Abend nach den Attentaten in den USA bei Fabios Clubnacht “Swerve” in London statt. “Als ich dort ankam und mein Album vorstellen wollte, habe ich mich schon gefragt, was ich da eigentlich mache. Es ist so unwichtig im Vergleich zu dem, was passiert ist. Ich kam mir ein bisschen selbstsüchtig vor. Man macht sich Sorgen um sein Album und auf der anderen Seite sieht man, was gerade in der Welt passiert. Mir ist an dem Abend aber auch klar geworden, wie wichtig es ist, dass die Leute sich ablenken können und sich auf andere Gedanken bringen,” so Calibre.
Auf die politische Situation in Irland angesprochen, hält sich Dominic eher bedeckt: “Meine Eltern haben verschiedene Konfessionen genau wie meine Großeltern vor ihnen. Ich kann also nicht wirklich sagen, dass ich eine der beiden Religionen nicht mag. Man wird irgendwie immer von den Dingen um einen herum beeinflusst. Hier ist es die Armut. Die Leute versuchen etwas in ihr Leben zu bringen, das die Leere ausfüllt. Wenn man die Sache so sieht, ist es überall auf der Welt dasselbe. Überall ist es irgendwie gefährlich. Man merkt die Spannung auf der Straße. Eine der Gründe, warum ich mich davor flüchte, ist, dass ich mich nicht wirklich darum kümmern muss. Irgendwie ist es nur Geographie: Es ist nun mal so passiert, dass ich hier geboren wurde.”

Konkrete Musik: ein greifbarer Ansatz

DeBug: Fabio muss sehr wichtig gewesen sein und dich unterstützt haben.
Calibre: Als ich Fabio 1997 zum ersten Mal traf, hat er mich unterstützt, indem er meine Musik gespielt hat. Bei meinem ersten London Besuch habe ich ihn bei Swerve gesprochen, und ein paar Wochen später wollte er etwas von mir veröffentlichen. Und wie die Geschichte so geht… ein paar Monate später haben wir beschlossen, das Album zu machen. Die Musikindustrie ist schon komisch und man kann nur wenigen Leuten trauen. Ich glaube, Fabio schafft es irgendwie, das Beste aus den Leuten herauszuholen. Seine Rolle im Drum and Bass ist es, verschiedene Stile zu probieren. Besonders in den letzten zwei bis drei Jahren hat er Sachen nach vorne gebracht, die etwas Besonderes sind. Gerade auch bei Radio 1.

DeBug: Wie sieht die Drum and Bass Szene in Belfast aus?
Calibre: Hier versuche ich, bewusst unbekannt zu bleiben, weil ich ganz glücklich bin, dass hier niemand weiß, wer ich bin und was ich tue. Man verschwindet einfach und die Leute kümmern sich nicht darum, was man macht. Es gibt auch nur eine sehr kleine Szene, noch nichts wirklich Etabliertes. Nächstes Jahr wollen wir einen Club aufmachen und verschiedene DJs einladen. Ich glaube, hier hat es bis jetzt einfach keinen vernünftigen Club gegeben. Ich habe durch das Reisen und die Zusammenarbeit mit anderen Leuten einen Eindruck davon bekommen, wie man seine Gäste behandelt und wie man professionell arbeitet. Das ist definitiv ein Plan für nächstes Jahr, hier ein Profil für die Musik zu entwickeln.

DeBug: Du hast bei dem Album-Opener “Deep Everytime” deine eigene Stimme benutzt.
Calibre: Ich wusste von Dillinja-Interviews, dass er auf einigen Stücken seine eigene Stimme verwandt hat. Als ich den Track gemacht habe, war mir meine Stimme so peinlich, dass ich das Original zerstört habe. Dann kam Fabio und sagte mir, dass er das Stück sehr mag und dass Everything but the Girl einen Remix davon machen wollten. Aber da ich das Master mit allen Soundspuren weggeschmissen hatte, ging es nicht mehr. Sehr professionell. Ich habe meine Lektion daraus gelernt.

DeBug: Du hast dich im Studium mit Musik auseinandergesetzt. Hat das deinen Zugang zur Musik verändert?
Calibre: Ich glaube nicht, dass ich Sachen anders spiele als andere Leute. Egal was man lernt, es hat einen Einfluss auf einen und gibt einem einen bestimmten Charakter. Ich habe vier Jahre im College gearbeitet und ich habe dann versucht, aus dieser Kunst-Welt herauszukommen. John Cage, Brian Eno, Pierre Henry, Stockhausen haben mich beeinflusst. Ich habe jahrelang Kraftwerk gehört und nichts über sie gewusst. Das Studium hat mir andere Einblicke gewährt und gelehrt, anders über Sachen nachzudenken.

DeBug: Wie war das auf den Knowledge Drum and Bass Awards? Du warst als bester Newcomer nominiert.
Calibre: Ich kann mein Leben in der Musik auch ohne Awards leben. Ich habe nur zu Fabio gesagt, hoffentlich gewinne ich nicht, weil ich keine Lust hatte, vor all diese Leute zu treten und ihnen für irgend etwas zu danken. Ich meine: wofür? Das ist immer noch ein Mysterium für mich, diese ganze Awardsache. Man braucht keinen Award, um Musik machen zu wollen.

DeBug: Was sind denn deine Zukunftspläne. Es wird eine Zusammenarbeit mit Marcus Intalex und St:Files geben auf ihrem eigenen Label SOUL:R?
Calibre: Vier Tracks kommen als EP im Februar raus. Dann wird es noch zwei Tracks geben mit Marcus Intalex und St.Files als Doppel-Single. Und ansonsten machen wir einfach so weiter unsere Sache. Ich arbeite gerne mit den beiden zusammen.

DeBug: Zero Tolerance und Beta 2 kommen ja auch aus Irland, aus Dublin. Habt ihr Kontakt?
Calibre: Die beiden kenne ich auch schon lange. Ich liebe die beiden. Sie sind beide noch sehr jung. Wir kennen uns aus dem Club in Dublin. Ich war froh, einen Remix für sie machen zu dürfen und ich glaube, ich mache noch einen.

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