Text: j.m. da costa aus De:Bug 08

CALIFORNISCHE EXPERIMENTE: PLUG RESEARCH J.M. Costa Eigentlich wollte man nur wegfliegen. In die Sonne oder zumindest in ihre Nähe. Und durch einige nicht erzählbare, aber sehr wilde Umwege sind wir am Pazifik gelandet. Noch präziser: im San Fernando Valley, dem ‘Earthquake Center’ im Rücken von Los Angeles. Hier bebt Southern California, dieser Teil der Erde, von dem man vieles vermutet, ohne viel außer Hollywood oder Stax zu kennen. Es ist Dezember, aber es ist warm. Die Palmen biegen sich in der Brise und das Licht scheint wie vom Mittelmeer eingeführt zu sein. Downtown L.A. ist ziemlich weit entfernt, die Beverly Hills verbergen das Meer und Burbank Boulevard ist entscheidend lustloser als Santa Monica Beach. Alles in allem keine soo extremen Zustände wie, sagen wir mal in Detroit, New York oder South-Chicago. Wie kann hier ein Label entstehen, dessen ‘invited artists’ sich wie ein Who is Who der experimentellen Tanzmusik lesen? Und woher kommen andere, vorher nicht bekannte Produzenten, die ebenfalls überragende Intelligenz beweisen? Sind dies die Kinder der Residents oder Dead Kennedys? Gibt es so etwas wie Avantgarde unter der Sonne? Wir sind zu Gast bei Plug Research, dem Label von Joe Babylon und Allen Avanessian. Wenn über nichts anderes, so verfügt das Unternehmen immerhin über ausgezeichnete Namen – und über ein Büro, das gleichzeitig als Produktionsraum, Hörsaal und überfrachtetes Schlafzimmer funktioniert. Vor uns ein Stapel Platten. Elf Titel in drei Jahren, die noch einmal gehört werden wollen. Und eine seltsame Geschichte. Die zwei Produzenten hatten zuerst eine Verbindung mit Japan. Bei Sublime Records kam ihre erste EP unter den Namen ‘r.e.a.l.m.’ heraus. Der zweite Versuch war auch die erste Plug Research Platte, von der freilich nur 250 Kopien in den Staaten gepresst, schließlich aber 1.500 über Sublime verkauft wurden. Das war im November 1994. Merkwürdig diese Verbindung, es klingt sogar wie Pazifik-Kultur. Hat sie sich weiterentwickelt, fragen wir als erstes. ”Ich denke nicht, daß dieses Land sich außerordentlich interessiert”, sagt Allen. “Wir hatten Glück, daß Sublime ganz zu Anfang Interesse zeigte, aber ich glaube nicht, daß wir dadurch einen Einfluß in Japan haben”. Nach dieser Erfahrung überlegten sich Babylon und Avanessian die Möglichkeit ein richtiges Label weiterzuführen. Wie immer, war dies auch eine ökonomische Frage, aber es galt als sicher, daß sie unbedingt das grandiose ‘Viridian’ von Phthalocyanine, einem Kumpel aus der warmen Zone, dessen Ausflüge in den D&B Bereich zu den originellsten überhaupt gehörten und gehören, herausgeben wollten. Man schreibt 1995. Und… was für ein Baß!!!. ”Er ist verrückt nach nicht geradlinigen Beats und liebt Rhythmen, die sich aufbauen. Er gerät außer sich, wenn er etwas hört, das sich ändert und auch noch aufbaut. Manchmal, wenn wir zusammen Musik hören, können wir bestimmte Sachen, die er hört, nicht hören”. Phthalocyanine ist niemand anderes als Dimitri Fergadi (sprachen wir nicht über tolle Namen?), der wie ein britischer Grindcore-Fan gekreuzt mit Pita aussieht und ganz einfach ein verrückter Mega-Programmierer ist. Man kann sich leicht vorstellen, daß er ‘andere’ Sachen hört. ”Was passiert, ist daß wir ruhig dasitzen und ein Stück hören. Plötzlich rastet er aus und wir wissen nicht warum. Dann versucht er, daß wir ganz aufmerksam hinhören, denn dieses Stück macht etwas sehr merkwürdiges. Ich weiss nicht, aber was immer er auch hört, es funktioniert für ihn und seine Musik”. Die nächste Veröffentlichung, PR3, kam erst im Oktober ’95. Es folgte ganz konsequent und gar nicht brav der Break-Weg. Keine besondere Überraschung, daß hier schon Mike Paradinas (als Spatula Freak) auftaucht. Mit einem dekonstruierten Berg von Breakbeats, die sich nicht so ausgefeilt -dafür aber lebendiger- als auf seiner letzten CD anhören. Auf dieser Mini-Compilation treten auch die beiden Kanadier Rook Valade und Jamie Hodge und die Generatoren themselves, nochmals als ‘r.e.a.l.m.’, mit einem fast romantischen Stück ohne Beats in Erscheinung. Hier wird schon die Schrägheit, der softe Dadaismus ihrer Veröffentlichungen angedeutet. Das würde sich weiter zeigen. Der nächste Coup war kurze Zeit später eine zweite Mini-Compilation. Diesmal noch extremer und mit abgefahrenen Stücken von Crank (Low Res), Phthalocyanine und Flare (Ken Ishii). Das war schon reiner Experimentalismus und es gab herzlich wenig zum Tanzen. Nur Beautyon lieferte so etwas wie Dancefloor-Stimmung. Mit nur vier Platten war Plug Research schon zu einem Markennamen für Musik geworden, die nicht zu klassifizieren ist. Es gab keine echten Richtlinien, vielmehr gewagte Ansätze und eine offensichtliche Liebe für Noise-Samples und das Herumspielen mit Rhythmus. Wie entscheidet ihr über neue Platten? Was ist das wichtigste Kriterium? ”Wir können das Kriterium der Originalität nicht genug unterstreichen. Es gibt sehr viele Labels überall und wenn du etwas herausgibst, das annähernd an etwas anderes erinnert, dann erwürgst du dich selbst. Wir bekommen ständig Demos von Leuten, die so klingen als ob sie Aphex Twin sein möchten. Wir sind kein Label dieser Art, sondern warten auf neue Experimente. Wir wollen Leute, die mit ihrer Musik recherchieren, die etwas Seele in ihre Werke einfliessen lassen”. Ja, das ist ein Statement, vielleicht ein wenig pompös. Man kann Allen nun fragen, ob jeder Release diesen Anforderungen genügt, was natürlich eine kleine journalistische Bosheit ist, denn alle ihre Platten sind genial, wie auch die kalifornischen Zigarretten nicht zu verachten sind. Also wie ‘kontrolliert’ man die Künstler? ”Ich kann nicht hier sitzen und sagen, daß alle unsere Künstler genau das machen, aber man hört schon den Unterschied in Komposition und Sound. Wir ermutigen unsere Künstler, die Entwicklung auf dem nächsten Niveau voranzutreiben. Sie sind einige der intelligentesten Leute, die wir je getroffen haben, sie merken, worum es bei Plug Research musikalisch geht und sie werden es liefern”. So, Pause in der Geschichte. Man fragt, neugierig auf die hiesige Szene, was man heute abend so entdecken kann… Wie sieht das aus, wo werden wir Musik hören… ”Well, wir haben eine sehr kommerzielle Szene hier. Falls du versuchst eine Nacht auszugehen um gute Musik zu hören, es wird leider nicht geschehen. Was passieren wird ist, daß du in einen Club kommst und Leute in den merkwürdigsten Klamotten triffst, die das ganze in eine Art Fashion-Show zu verwandeln versuchen”. Und was tut man so am Wochendende, jetzt… Wo ist die Action? ”Unter uns, Action heisst normalerweise mit den Freunden und Freundinnen rumzuhängen und zu chillen nach den harten Tagen und dem Versuch ein anständiges Label zu betreiben. Wir gehen ins Kino, essen gutes kalifornisches Essen, trinken belgisches Bier und spielen Playstation”. Unerschrocken und misstrauisch fragt man weiter. Aber Musik wird es geben… Oder? ”Ooohh, laß uns mal über die Musik reden… Es gibt eine Reihe von rund zehn DJ’s, die Schlange stehen, um dieselbe Scheisse aufzulegen wie der vorhergehende. Einmal luden wir Juan Atkins ein auf einer Desert-Party aufzulegen. Wir haben zwei Stunden gewartet, bis er anfangen konnte und als er dann an den Decks war, begann ein fucking local DJ zu spinnen und fing an die Leute zu stossen und weinte fast, weil Juan vor ihm spielen durfte. Sehr lustig für uns. Das zeigt ganz einfach, daß die Leute hier in L.A keine Ahnung von Techno haben. Andererseits ist es OK, weil es nicht um Musik, sondern nur um Cooooolness geht!!!”. So, so… lassen wir es also fürs erste. Als nächtens erschien die ‘Mood EP’ des Finnen Kim Rapatti. Minimalistisches Zeug wie man es von einen nicht singenden Nordländer erwartet. Aber ziemlich melodisch, fast in einer Art und Weise, wie man sie von Material oder Susanne Brokesch kennt. Internationale Sprache nennt man das. Gepaart mit einer internationalen Einstellung, was die Geburtsorte der Musik betrifft, die von überall herkommt. Was wiederum für den offenen Charakter des Labels bezeichnend ist. Sechs Monate später wurde die noch kleine Stammkundschaft von Plug Research mit etwas völlig anderem überrascht. Ein absoluter Klassiker der Geräuschmusik liefert sein erstes Vinyl seit zehn Jahren. Lustmord, Herr des Grauens, wohnt jetzt an der Westküste als Sounddesigner (The Crow, Tank Girl, From Dusk Till Dawn…) und es war nur Frage der Zeit, bis die beiden von Plug Research ihn trafen. Zwei ausgedehnte Stücke (15 Minuten), von denen eins eine ‘Interpretation vom Tod des Universums’ und das andere noch ein wenig obskurer ist. Phantastisches Zeug für aussergewöhnliche DJ’s. Da wir schon bei Lustmord sind, können wir über Traditionen reden. Man denkt West Coast und assoziiert automatisch die Residents. Gibt es eine solche Tradition ??? ”Nein, überhaupt nicht. Es gibt keine Traditionen hier…” Tatsächlich? Und wie seid ihr bei ‘advanceter elektronischer Musik’ gelandet? ”Das ist eine sehr gute Frage, weil wir keine Ahnung haben, wie es dazu kam. Möglicherweise entwickelte sich unser Interesse während wir Black Dog, Aphex Twin, B12 und solche Sachen hörten. Sie waren eine Inspiration für uns, wie auch die Kerle aus Detroit, Juan Atkins, Carl Craig…” Dann kommt ‘Rigoletto by The Mannequin Lung’, bei deren Namen man etwas düsteres oder sogar gotisches erwarten könnte. Aber nichts da. Allen, Joe und Wrench erklären, was sie unter Tanzmusik ‘‡ la Plug Research’ verstehen. Und das ist etwas mit vielen Berührungsebenen zu einigem berlinerischen und deutschen Material. Loops und Samples rollen in mehr oder weniger akzentuierter Weise, Monotonie wird als ein Wert voller Nuancen verstanden und es funktioniert auf der Tanzfläche. Aber nicht auf jeder… Es ist auffällig, daß Plug Research nicht nur an ‘listening’ Musik interessiert sind, sondern auch an dem Phänomen Rhythmus in seiner ursprünglicher Authentizität: Tanzen. ”Wir mögen Musik, zu der du dich bewegen kannst oder die dich nach ein paar Minuten des Zuhörens bewegt. Es sollte keine Barrieren in der elektronischen Musik geben”. Deswegen die Vinyl-Platten. Allerdings ohne nennbares Artwork, außer auf den Aufklebern. Gibt es neben den ökonomischen auch andere Gründe, blanke Hüllen zu liefern? ”Nein! Ehrlich! Es gibt keinen anderen Grund. Wir arbeiten daran, für unsere nächsten Veröffentlichungen richtige Cover zu haben. Das ist sehr wichtig für uns. Wir mögen ein schmuckes Packaging und werden dafür aus künstlerischer Sicht unser bestes tun. Welche Künstler mögt ihr? Die hier zu findende Trash-Art von Raymond Pettibon oder Hason Rhoades? ”Nein, eher Joseph Beuys”. Wie bitte? Könntet ihr das näher erklären? ”Wenn du weisst, auf was er stand und die Platten gehört hast, kannst du die Beziehung einsehen”. PR8 ist die ‘Vandal’-EP von Trash Aesthetic oder Mannequin Lung plus Low Res. Eigentlich noch mehr Techno, sogar soviel, daß diese Platte neben der vorigen eine gewichtige Stellungnahme rund um Experimentalismus, Pop, Tanz und ihre Grenzen darstellt. Vielleicht nichts so besonderes auf dem Kontinent von Mego, Cheap, Sähkö, Disko B oder Mille Plateaux, aber etwas fast Unerhörtes in den Staaten. Das Statement hat auch mit Kollaboration zu tun, mit der Organisation einer generativen Szene. Allen internationalen Beziehungen zum Trotz, fragt man sich welche Verwandtschaften sie in den Staaten fühlen… Was denken sie über die Illbient Szene in New York? ”Wir kennen das nicht” So zerschmetternd… Und andere Musiker, Labels…? ”Das einzige, was wir als verwandt empfinden, sind wir selbst. Wir bilden unsere eigene Szene hier in L.A. und versuchen uns so viel wie möglich gegenseitig zu bereichern. Natürlich hören wir die ganze Zeit andere Musik, aber für uns ist es das wichtigste, beweglich und fortschrittlich zu bleiben und die anderen so viel wie möglich zu motivieren”. Kann man eure Musik überhaupt irgendwo hören? ”Wenn wir ein Video machen würden, was in der Tat geplant ist, wäre es möglich, daß die MTV Techno-Show AMP es zeigen könnte. Aber andere Wege sind sehr unwahrscheinlich.” Es ist schwer, sich solch eine Isolation in einem technologischen Land mit seinen ‘unbegrenzten Möglichkeiten’ vorzustellen, aber der Minimalist Steve Reich sagte vor einigen Monaten, daß er in Europa viel bekannter sei als in den Staaten, und daß er ohne die europäischen Aufträge überhaupt nicht leben könnte … ”Ich denke, daß das nicht nur uns betrifft. Jeder, der irgendwann Techno, House, Experimental, D&B oder andere elektronische Undergound-Musik macht, hat im Prinzip in Europa mehr Möglichkeiten anerkannt zu werden als in den Staaten. Selbst der große Underground East Coast Hip-Hop ist in Europa populärer als hier. Es gibt einfach nicht genügend open minded Kids in Amerika. Ich hasse es zu sagen, aber so ist es. Das Radio spielt etwas ‘Wanna be Gangster-Musik’ und die Kids kaufen es um hart am Steuer ihres gecknackten Wagens zu erscheinen”. Man kann einigermassen verstehen, daß die Radiosender seine Haltung gegenüber Plug Research mit der neunten Platte nur bestätigten. Mister Hazeltine (aka John Tejada) praktiziert laut Anti-PromoText ‘uneasy listening’. Ja, unangenehme, aber sehr lustige Loops mit einen Element, das immer außer Takt ist und durch Motorengeräusche bereichert wird. Noch eine Wende. Zu einem neuen Format: CD. Muß man sagen, daß die Vinylversion vier Stücke mehr hat als die CD? Ist das nur ein Gag oder wird man auch dieses Format benutzen und seine Eigenschaften recherchieren? ’Plug Research and Development’ ist ein Manifesto. Über nahe und ferne Freundschaften, Respekt, Engagemant und Musikliebe. Es können neue Exoten wie der Schwede Smyglyssna oder der Australier TD5 sein, Altbekannte wie Mark Broom oder Akin Fernandez und natürlich die feste Mannschaft: Joe, Allen, Dimitri, John… Ein Netz, daß auch im Netz ist (www.comline.com/plugresearch). Fast selbstverständlich, daß es eine der geglücksten Zusammenfassungen des letztes Jahres ist. Tja, es sind schon viele Stunden, viel Musik, viele Platten und einige Wörter. Aber es wird noch mehr geben. Jetzt tönt ‘Liquid Paper’ von TD5 (PR11) und es ist angebracht aufzustehen, diese Leute in Ruhe zu lassen und zurückzukehren. Hoffentlich kommen sie bald nach Deutschland. Diesseits des Teiches werden Sie Freunde treffen.

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Elektronische Lebensaspekte.