In dem PDF-Magazin Candy stellt der Dubliner Grafikdesigner Richard Seabrooke das tollste Design der grünen Insel direkt neben Zitate seiner Mutter. Heraus kommt dabei ein Fanzine, das sich gewaschen hat – und nur ein paar Mausklicks kostet.
Text: Chris Köver aus De:Bug 99


Bonbon für den Bildschirm

PDF – was in Form des E-Papers zu den sinnlosesten Erfindungen der Zeitungsindustrie zählte, erlebt gerade mit dem Online-Magazin Candy ein überaus sinnvolles Revival. Candy ist das Brainchild und (fast) Ein-Mann-Projekt des Dubliner Grafikdesigners Richard Seabrooke. Seit über zehn Jahren wird Seabrooke von der Idee verfolgt, den kreativen Output seiner irischen Kollegen/innen in angemessenem Rahmen der Welt näher zu bringen. Nur – ein buntes Hochglanzmagazin mit vielen großen Bildern, wie Seabrooke es vor Augen hatte, kostet. Die Lösung kam in Form von PDF: “Anders hätten wir es gar nicht machen können. Ein gedrucktes Heft wäre zu kompliziert und teuer gewesen, eine Webseite hingegen nicht leserfreundlich für die Art von Inhalten, wie Candy sie bietet. Nur ein Magazin im PDF-Format kann umsonst produziert und sehr leicht vertrieben werden”, erklärt Seabrooke.

Und so kommt die Netz-affine Öffentlichkeit seit diesem Frühjahr zu dem unverhofften Glück, ein qualitativ hochwertiges und exzellent gelayoutetes Magazin umsonst runterladen und auf dem Bildschirm bewundern zu dürfen. Wem das nicht reicht, der kann sich Candy natürlich ganz DIY-Style selber ausdrucken. Ist aber wirklich nicht nötig. Denn während das Lesen der Textmassen eines E-Papers am Bildschirm einem Kraftakt gleichkommt, ist das knallbunte Magazin mit den vielen großen Bildern und kurzen Texten wie für die Bildschirmdarstellung geschaffen – und kommt dort vermutlich auch besser zur Geltung als auf durchschnittlichem Druckerpapier.

Thematisch umfassen die bislang vier Ausgaben alles von Fotografie (Aidan Kelly), Animation (D.A.D.D.Y.), Mode-, Produkt- und Interiordesign (z.B. Adidas, Angry, Tado, Amos), über Musik und Clubkultur (Richie Hawtin, Calibre, LCD Soundsystem) bis Street Art (D*Face, Frankenstyles). Was es auch sein mag – wenn es Seabrooke gefällt, kommt es ins Heft: “Ich nehme keine Einreichungen an, sondern wähle die Leute, die ich zeigen möchte, selber aus und kontaktiere sie dann. Ich möchte vor allem entdecken und nicht bloß zeigen, was schon vorhanden ist.” Dass der Großteil der in Candy vorkommenden Agenturen, Menschen und Projekte Seabrookes unmittelbarer irischer Umgebung entstammt, ist dabei vor allem dem lokalpatriotischen Ansatz des Magazins geschuldet. Denn irische Kreativität, so Seabrookes Überzeugung, “wird in der internationalen kreativen Community permanent unterschätzt und viel zu wenig beachtet. Ich wollte also ein Medium schaffen, in dem irischer Content neben gleichwertigem internationalen Content steht, um zu zeigen, dass hier durchaus vergleichbare Qualität produziert wird.” Und so macht Seabrookes Talent-Scouting auch nicht an den Landesgrenzen halt: Neben zahlreichen britischen und US-amerikanischen Projekten werden u.a. auch die Berliner Designer von ”Neubau“ und ”Hort“ aus Frankfurt bedacht.

Der Name ist dabei etwas irreleitend, denn Candy ist weniger süß – dafür ist das Magazin etwas zu stark von der irischen Derbheit seines Machers geprägt – als sympathisch. Seabrooke ist durch und durch Fan der Menschen und Dinge, die er in Candy präsentiert – das merkt man dem Magazin an und liebt es für seine vollkommen undistanzierte, ehrliche und unverhohlene Begeisterung. So professionell das äußere Gewand von Candy auch sein mag, es ist und bleibt in erster Linie ein Fanzine. So kann Seabrooke sogar seine Mutter zitieren (“A PD-wha newsletter? Why can’t you just print it? – Me Mum”), ohne an Credibility oder Sympathie einzubüßen. Die letzte Ausgabe wurde nach Schätzungen von Seabrooke 10-15.000 Mal runtergeladen. Und wenn Candy so weitermacht, wird der Server in Zukunft sicher noch öfter crashen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.