Chinesische Popmusik zerschmilzt die Ohren und die Kopierrechte. Der melodramatische Synthiepop entführt direkt vom Schwarzmarkt ins Traumland. Andreas Krüger war vor Ort und führt mit Xiao Wang durch die chinesiche Pop-Musik.
Text: andreas krüger aus De:Bug 33

/china/canto pop Canto Pop! Die Weltmusik des neuen Jahrhunderts Wie borniert unser angeblich so globalisierter Blick auf die Welt ist, lässt sich schön am vollkommenen Überhören von chinesischer Popmusik feststellen. Der elektronische Soundtrack zum Aufbau der asiatischen Zukunft entspricht nämlich weder den Erwartungen der Weltmusikklientel an vermeintlich “tiefere” Authentizität exotischer Kulturen, noch verspricht er dem Bohemien einen szenetauglichen Distinktionsgewinn: Also hören wir nicht zu. Sollten wir aber. Weil 1,3 Milliarden Chinesen (die Bevölkerung Taiwans, Hongkongs, und die nur schwer messbare auslandschinesische Community in allen Staaten rund um den Pazifik und darüber hinaus, sowie die japanischen Fans dieser Musik nicht mitgerechnet) nicht irren können? Oder weil es der Sound ist, zu dem nicht wenige unserer Waren gefertigt worden sind? Beides wären Gründe. Copy creates Music Wie soll man sich dem Phänomen nähern? Denken wir an Xiao Wang, dem chinesischen Jedermann, der eine Raubkopie einer gerade aktuellen Pop-CD kauft. Raubkopie deshalb, weil Original-CDs nicht nur teuer, sondern auch schwer erhältlich sind, denn die Plattenindustrie in der VR China unterliegt mannigfaltigen Einschränkungen. Deshalb sind Raubpressungen sind oft von hervorragender Qualität, inkl. Booklet und Echtheitszertifikat. Dass dann doch etwas nicht stimmen kann, merkt man nicht nur am niedrigen Preis, sondern auch an kleinen, unkorrigierten Lesefehlern des Scanners: Da wird dann aus dem Titel “All Eyes On Me” dann eben mal “All Eges on Me”. Die staatliche Propaganda zeigt zwar immer wieder Bilder, wie Dampfwalzen beschlagnahmte Raubkopien zermantschen. Nicht nur, um auf (vor allem) amerikanische Beschwerden der Verletzung ihres Eigentums einzugehen, sondern auch, weil mit dem Raubkopiemarkt vieles ins Land kommt, was die Partei dort nicht sehen möchte: Pornographie, nicht genehmigte Filme und Musik. Aber trotz grossangelegter Kampagnen zur Verteidigung der “sozialistischen Kultur” gegen den “ausländischen Schmutz” ist der Preis für Raubkopien in den vergangenen Jahren dank des guten Angebots gesunken. Xiao Wang kann seine CD offen in kleinen Läden auf Hauptverkehrsstrassen kaufen. Verkäufer und lokale Behörden finden “pragmatische Lösungen” zum gegenseitigen Nutzen. Nachfrage schafft Angebot. Von und nach Shanghai Die erste chinesische Popmusik entstand in Shanghais legendären dreissiger Jahren: Ein Gemisch aus chinesischer Volksmusik, chinesischer Oper, französischem Chanson und amerikanischen Jazz. Mit dem japanischen Überfall 1937 und spätestens seit der kommunistischen Machtübernahme 1950 war es mit dieser Popmusik vorbei. Auch die Diktatur, die Chiang Kaishek in Taiwan errichtete, gab wenig Impulse für eine Erneuerung der zuvor so erfolgreichen Formel. Erst mit der Liberalisierung Taiwans in den Sechzigern und Siebzigern wurde die chinesische Popmusik als Synthiepop wieder erfunden und schwappte bald von Taiwan nach Hongkong über. Synthiepop funktioniert so: Am Beginn eines Liedes wird mit dem Keyboard die Melodie kurz vorgestellt und dann vom gesamten (elektronischen) Orchester übernommen. Anschliessend folgen drei Strophen und Refrains. Bildhaft ausgedrückt: Verträumte Einleitung, Gefühlsüberschwang, Klage des Liebesleids und Einsicht in den Verzicht im Refrain. Diese elegische Sentimentalität, neben der selbst Richard Claydermann unterkühlt wirkt, macht zunächst ratlos, dann süchtig. Seitdem wurde das neue Rezept nicht mehr verändert, nur verfeinert. Hongkong wäre nicht Hongkong, hätte man dort nicht schnell erkannt, wieviel Geld in diesem Produkt steckt. So entstand schon in den Siebzigern eine hochprofessionelle Branche, die rasch dem Genre seinen Namen geben sollte: “Canto Pop”. Von Hongkong aus sickerte das süsse Gift zurück in die Volksrepublik. Karaoke: Die Mensch-Maschine Während z.B. in Deutschland, Jamaica und anderen Provinzen der amerikanisch geprägten Popwelt unzählige Jugendliche anfingen, die Standards der Idole nachzuklampfen und davon träumten, einmal die “deutschen Beatles” etc. zu werden, bauten Taiwan und Hongkong das amerikanische Modell als Plastikspielzeug nach. Warum sich mit unzuverlässigen Bandmitgliedern rumschlagen, wenn man doch nur ein paar Studiomusiker brauchte, um den Star zu begleiten? Die Besitzer der Studios erkannten rasch, dass für die Fans Aussehen und Image der Stars entscheidender waren als musikalisches Talent. Hauptsache die Melodien waren angenehm und leicht einprägsam. Letzteres wurde mit dem von Japan aus startenden Siegeszug von Karaoke Ð der ersten perfekten Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine – noch wichtiger. Die kläglich gescheiterten Versuche, Karaoke im Westen zu etablieren, bewiesen, dass das Konzept untrennbar mit den sozialen Normen der japanisch-chinesischen Welt verbunden ist. Ein Freund verglich einmal die Funktion von Karaoke für chinesische Jugendliche mit der von amerikanischen Autokinos: Eine ungezwungene Weise, mit Freunden, am liebsten mit solchen anderen Geschlechts, zusammenzukommen. Der geniale Trick liegt darin, die Verlegenheit, die man voreinander empfinden mag, durch eine andere Verlegenheit, nämlich die, vor andern laut (und oft: schlecht) zu singen, zu überspielen. Die Maschine als Kupplerin und Projektionsfläche. So gibt ein Scherzwort das nächste, Liebesbekundungen können ungezwungen dem Videoidol nachgesungen werden und doch vielleicht ernstgemeint sein. Karaoke-Musik ist “ambient music” avant la lettre. Sie liefert eine kuschelige Atmosphäre für die risikoreiche Annäherung an das andere Geschlecht. Da dabei starke individuelle Künstlerpersönlichkeiten ungefähr ebenso stören, wie ins Zimmer hineinplatzende Eltern (oder Kinder, je nachdem), verzichtete man auf wiedererkennbare Stars und bevölkerte die Videos mit “cute dummies” (was nebenbei auch noch Geld sparte). Viele Videos spielen an zumeist unerreichbaren Orten wie Paris, Venedig oder Los Angeles. In seinem Plüschsofa durchwandert der Karaoke-Konsument singend diese virtuellen Welten. Konzerte der Grössen aus Hongkong oder Taiwan sind selbst in den Vielmillionenmetropolen Peking, Shanghai und Guangzhou selten. Dank der fehlenden Konkurrenz durch die Idole ist der Karaokesänger in der Provinz sein eigener Star. Sound and Vision Zunächst aus Notwendigkeit, dann aus Kalkül setzte sich schon bald ein Sound durch, der, auf einfachen Synthesizerflächen ruhend, so unerschütterlich billig war, dass er auch im simpelsten Transistorradio überlebte. Selbst heute, wo in den Studios ein grosser Aufwand getrieben wird, bleibt dies noch so. Man versucht einen Sound herzustellen, der sowohl auf einer 10.000 Dollar Ð High-End-Anlage eines Hongkonger Inmobilienmaklers gut klingt als auch im verbeulten Autoradio eines Shanghaier Taxifahrers. 150 Jahre Bürgerkrieg, Krieg, Revolution und Terror haben den Zugang zur traditionellen Musik in China gründlich zerstört. Canto-Pop bietet eine ätherische Gegenwärtigkeit. Die Klänge rebellieren nicht, sie schwärmen vom (greifbar nahen) besseren Leben und trösten über die Enttäuschungen auf dem Wege dorthin, die gebrochenen Versprechen, hinweg. Immer schwingt die Einsicht mit, dass das Leben traurig bleibt, aber vielleicht etwas schöner werden kann. Die Musik sprengt die engen Räume (viele Chinesen leben auf 6qm oder weniger) nicht mit Bässen, sie löst sie durch Synthie-Lösungsmittel auf. Asian Underground Xiao Wang hat seine Idole nie live gesehen und wird dies wahrscheinlich auch nie. Je nachdem, wo er im grossen China lebt, wird er (illegalen) Zugang zu “Channel V” haben, dem asiatischen MTV, das zu Rupert Murdochs Star-TV-Network gehört. Sonst bleiben ihm eben nur Raub-Video-CDs mit Karaokefunktion. Die Videos entwerfen eine ästhetisch perfekte Gegenwelt zur postsozialistischen Hässlichkeit durch elektronische Volksmusik, dessen Schlagerstars Gucci und Prada tragen. Im Zweifel geht es um Liebeskummer: Ein trauriges junges Mädchen steht allein gelassen im Regen, erkältet sich und schreibt tränenbenetzte Briefe an den Treulosen in ihrer “Wallpaper”-Style-Wohnung. Und ein Videoregisseur, der es schafft, die vollgeschnauzten Tempos der Heldin in zarte, gegenbelichtete Kunstwerke zu verwandeln, verdient uneingeschränkte Bewunderung. Die Jugend der Volksrepublik China tanzt, träumt und verliebt sich zu Musik, die sie meistens aus Raubpressungen und halblegal empfangenen Videos kennt. In Internetshops, deren offizielle Lizenz ebenfalls fragwürdig ist, kreieren sie Websites für ihre Stars und sich selbst. Die Sucht nach dem neuesten Saccharin aus Hongkong und Taiwan lässt so machnen chinesischen Provinzjugendlichen den Kampf mit Firewalls und durchs Kopieren freigesetzten Viren weitaus selbstverständlicher erscheinen als das Klampfen auf der traditionellen Erhu. Und mehr Geld kann man damit auch verdienen. Schon morgen, vielleicht. Andreas Krüger (special thanks to Graham Earnshaw)

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Elektronische Lebensaspekte.