Der Laden muss ja laufen, gerade im Musikbusiness. Wenn die eigenen Produktionen dann auch noch Meilensteine setzen, sind alle zufrieden, die Raver genauso wie die Eltern von Carl Craig, dem letzten Detroiter der ersten Generation, der immer noch und jetzt erst recht die Jugend verblüfft. Wir trafen den Künstler in Business-Laune und -Anzug.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 104


Techno im Anzug
Carl Craig

Wenn es zurzeit jemanden gibt, auf den sich mal wieder auffallend viele Leute einigen können, dann ist das der Detroiter Altmeister Carl Craig. Seit er Ende der Neunziger sein Innerzone Orchestra in Future-jazzigem-Eklektizismus dirigiert hat, waren es immer wieder vor allem Remixe, die seine Ausnahmefähigkeiten als Produzent unter Beweis stellen. Mit musikalischer Eindringlichkeit sind sie an eine Vielzahl von Baustellen elektronischer Musik anschließbar. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es eben wieder einmal einige Remixe waren, die einen weiteren Craig’schen Rave-Frühling eingeläutet haben. Lange nicht pulsierte die Peaktime auf den unterschiedlichsten Dancefloors so sehr im treibenden Rhythmus der neuesten Carl-Craig-Produktionen. Denn was sich im letzten Jahr schon andeutete – war er da ja für viele schon einer der Männer der Stunde – hat Carl Craig in diesem Jahr mit einer hohen Output-Dichte, in der sich ravige Direktheit mit eklektischen Ideen und seiner typischen, emotionalen Soundmagie zu strahlenden Konsenshits verdichteten, noch einmal unterstrichen. Produktionen von Carl Craig haben einen sehr eigenen Klang. Sie sind nicht clean und selten sonderlich aufgeräumt, sondern eher grobkörnig und direkt. Im Vergleich zu Platten befreundeter Detroiter Produzenten wie Theo Parrish oder Omar S klingen sie jedoch vergleichsweise poliert, ohne dabei weniger dreckig und spontan ausgerotzt zu wirken.

Vor allem sein Remix für Theo Parrishs Track ”Falling Up“ wurde zu einem Meilenstein. Schon die Promo-CDs fraßen sich nach und nach quer über alle Dancefloors der Welt. Als vier Monate später die einseitig bespielte 10″ endlich auf dem englisch/japanischen Label Third Ear Recordings erschien, konnte man “Falling Up” beim Ausgehen nicht entfliehen. Aufgrund des Limitierungs- und Exklusivitätsgeplänkel der Plattenfirma war die Platte trotz allem erst mal schwer zu kriegen. Es ging sogar so weit, dass der Track schon gebootlegt war, bevor viele Plattenläden das Third-Ear-Original überhaupt in den Regalen stehen hatten.

Seitdem sind mit beständiger Regelmäßigkeit und vor allem Qualität neue Tracks von ihm erschienen, die seine Position als momentan einflussreichster (und in der übergreifenden Strahlkraft einziger) Stichwortgeber aus der Detroiter Techno-Urzelle gefestigt haben. Zwei eigene EPs auf seinem Label Planet E (erst ”Darkness“, jetzt ”Chez Satan“) und eine Hand voll weiterer Remixe. Carl Craig ist zurzeit einfach überall. Er hat den Golden Touch, der schlechte Tracks in gute und gute Tracks in noch viel bessere verwandelt. Und die Flut der Remix-Anfragen reißt nicht ab. Gerade zerlegt er Massive Attack und Xpress 2. Bis jetzt hat er sich nicht übernommen, ist die Begeisterung für jeden neuen Track oder Remix von ihm ungebrochen. Einzig sein Mix für die britischen Breitwand-Elektro-Rocker von Goldfrapp schien etwas schablonenhaft zu sein.

Berlin, Hotel Esplanade im Tiergarten. Carl Craig sitzt in einem schicken dunkelblauen Anzug vor dem Hotel in der Sonne und nippt an seinem Bier. Er könnte auch auf einer Geschäftsreise sein. Naja, streng genommen ist er das ja auch. Irgendwie. Von ihm stammt das Zitat, dass er an den Türklinken des Hotels, in dem er übernachtet, erkennen kann, wie viele Sterne es hat. So wie er da sitzt, glaubt man ihm das sofort. Es ist der letzte Tag seiner zweiwöchigen Tour durch Europa. Vor nicht mal einem Monat war er schon einmal in Berlin gewesen und hatte sonntagnachmittags ein unangekündigtes DJ-Set in der Panoramabar gespielt. Ein klassisches Craig-Set: sehr viel eigene Produktionen und vor allem Klassiker. Ein bisschen Hi-NRG, ein bisschen Italo-Disco und Elektro und vor allem Techno-Klassiker aus seiner Heimatstadt Detroit. Ein Nachmittag wie eine Greatest-Hits-Show. Und die schwitzenden Körper in der brechend vollen Panoramabar liebten es.

Craig ist gut gelaunt. Von seinem obligatorischen Hardwax-Besuch hat er ein paar Platten dabei und der Anblick einer voll verchromten Harley Davidson, die vor dem Hotel von einem im Vergleich zu seinem Motorrad ungleich schmächtigeren, in Leder gekleideten Mann geparkt wird, lässt seine Augen begeistert aufleuchten. ”Wow, …. ich mag das Motorrad da. Oh mein Gott, das ist fantastisch. Stell dir mal vor, damit ein paar Runden zu drehen. Wenn ich damit durch Downtown Detroit fahren würde, würde ich wahrscheinlich umgebracht werden.“ Craig lacht amüsiert. ”Ich liebe schöne Dinge. Autos, Motorräder, egal. Aber ich bin kein guter Sammler. Ich stehe darauf, mir solche Sachen anzuschauen, mich mit ihnen zu beschäftigen, aber an mir ist kein Sammler verloren gegangen. Irgendwann werde ich das ändern.” Craig mustert weiter fasziniert das vor poliertem Chrome blitzende Motorrad. Als der Besitzer in Hörweite ist, ruft er ihn zu sich rüber: ”Entschuldigen sie, ist das Motorrad neu?”
”Kommt darauf an, was sie unter neu verstehen.”
”Haben sie es gerade gekauft?”
”Nein, vor drei Jahren.”
”Werden die noch hergestellt?”
”Jedes Jahr ein bisschen. Ein Teil nach dem anderen.”
”Ah, okay … Was ich wissen wollte: Das ist eine echte Harley aus Amerika, oder? Kein Imitat mit einem draufgeklebten Harley-Schild?!”
”Es ist eine Harley, aber eine Sonderanfertigung.”
(begeistert) ”Eine Sonderanfertigung, fantastisch.” Carl Craig beugt sich über seinen Stuhl und fragt mit verschwörerischem Grinsen: ”Und was kostet so eine hübsche Sonderanfertigung, wenn ich fragen darf?“
”In etwa so viel wie ein Cabrio.“
”Ein Mercedes SL 500 Cabrio oder wie ein …“
”… in etwa so viel wie ein gutes Cabrio von Audi.“
”Oh, okay. Danke. Wunderschönes Motorrad. I like it.“
Während der Ledermann seinen Weg in die Hotel-Lobby fortsetzt, mustert Craig die Harley noch ein Weile mit unverhohlener Begeisterung, bevor das Interview richtig anfangen kann. Warum wir ihn interviewen, will er wissen. Coverstory, so so. Das hört er gerne. Grinsen. Noch ein Schluck Bier. Aber warum er, fragt er. Im Laufe des Gesprächs wird sich zeigen, dass er die neu entflammte Begeisterung für seine Musik nicht so ganz nachvollziehen kann. Aber fangen wir vorne an.

Debug: In den letzten Monaten warst du extrem aktiv und hattest eine sehr hohe Output-Dichte.

Carl Craig: Ich sehe das ja eher als eine Konstante. Ich habe einfach versucht, dafür zu sorgen, dass immer genug Material von mir im Umlauf ist. Die Wiederveröffentlichungen meiner alten Sachen dienen unter anderem dazu, die Zeit, in der keine neuen Produktionen von mir in die Läden kommen, zu überbrücken. Zwischen der ”Just Another Day“-EP und der neuen ”Tres Demented“-Platte liegen knapp anderthalb Jahre. Und in der Zeit dazwischen gab es den Rerelease des ”Landcruising“-Albums und einige Maxis aus der Classics-Serie, die dafür gesorgt haben, dass es einen konstanten Output von mir gibt.

Debug: Man hat das Gefühl, dass der Dancefloor für dich wieder einen wichtigeren Stellenwert gewonnen hat. Täuscht das?

Carl Craig: Ich habe mich in den letzten zwölf Monaten mit meinen Produktionen mehr auf den Dancefloor konzentriert, ja. Das hängt vor allem mit dem Auflegen zusammen. Für mich als Künstler ist es der perfekte Weg, meine Musik zu promoten und gleichzeitig meinen Unterhalt zu verdienen. Vieles geschieht aber auch unbewusst. Als ich den Remix für Delia Gonzalez und Gavin Russom auf DFA gemacht habe, habe ich nicht eine Sekunde daran gedacht, dass das ein Track für den Dancefloor sein könnte. Vor allem auch weil ich diesen Avantgarde-Piano-Shit mit in den Track geworfen habe. Das ist ja das Gegenteil von Dancefloor-Freundlichkeit.

Debug: Du hast einen sehr eigenen Sound, der wieder zum Stichwortgeber auch für europäische Produktionen geworden ist. Wie siehst du das?

Carl Craig: Ich bin sehr offen, was Musik angeht. Und Inspirationen wandern von hier nach da. So funktioniert Musik. Meine Philosophie, wie House und Techno zu dem wurden, was sie heute sind, ist da recht simpel. Wir waren beeinflusst von Kraftwerk, Philly Soul, George Clinton, James Brown, Motown, all diese Sachen. Und dann ging es von Chicago nach Detroit, von Detroit nach London, zurück nach Detroit und dann, bamm, nach Amsterdam und von da aus, bamm, nach Deutschland und so weiter. Inspirationen wandern und bouncen hin und her. Vor allem in einer globalisierten Welt wie die, in der wir leben. Das Problem ist, dass die meisten immer wieder vergessen, dass man Credits geben muss, wenn jemand Credits verdient hat. Ich habe das immer so gehandhabt. Von Anfang an. Kraftwerk, Liaisons Dangereuses, zwei unglaublich wichtige Einflüsse für mich. Und wenn ich heute Tracks von James Holden höre und ich mag seine Sachen, dann sag ich das auch. Wenn ich eine Pop-Platte mag, sag ich das. Eine ganze Weile war es doch so, dass man gedisst wurde, wenn man kommerzielle Musik mochte. Wenn nicht direkt, dann hinter deinem Rücken. (imitiert eine empörte Stimme) ”Ich kann es nicht glauben, Carl Craig steht auf diesen kommerziellen Scheiß. He’s not keeping it real.“ Fuck that, darum geht es doch gar nicht. Wenn man nicht dazu stehen kann, was man mag, wozu soll man denn dann stehen? Guck dir Pharell und Co. an, sie verkaufen lasterweise Platten. Ich nicht. Ich könnte mich niemals mit Britney Spears in ein Studio setzen und dann eine gute Idee haben. Man sollte die Menschen respektieren für das, was sie können. Und Pharell und die anderen machen das sehr clever.

Gorilla Warfare

Debug: Reizt es dich gar nicht, mal einen Popstar zu produzieren?

Carl Craig: Wenn genug Geld auf dem Tisch liegt, würde ich nicht nein sagen. (lacht) Ganz nebenbei denke ich nach wie vor nicht, dass ich ein so großartiger Engineer bin. Ich hab mir letztens noch mal die Liste der Remixe, die ich für Major-Labels gemacht habe, angeguckt und ich habe es immer gesagt und ich sage es auch immer wieder: da draußen herrscht Gorilla Warfare. Es geht darum, mein Label am Laufen zu halten. Das ist die Realität. Und falls Madonna irgendwann anklopfen und mit 50 lockeren Tausendern winken würde, hätte ich nichts dagegen. So lange sie es auf mein Konto überweist und es nicht zurückhaben will, können wir es gerne versuchen. Mit Beate Bartel von Liaisons Dangereuses könnte ich mir eine interessante Zusammenarbeit vorstellen. Aber das wäre etwas anderes. Eigentlich ist es mir egal. Ich meine, wenn ein weiblicher Superstar mich als Produzenten will, vielleicht bekäme ich dann auch die Chance, sie zu ficken … (überlegt kurz) … obwohl, ich bin in einer Beziehung, von daher macht das auch keinen Sinn für mich. Vielleicht würden sie ein paar Pornostarlets engagieren und ich könnte zuschauen, wie sie sich gegenseitig ficken (lacht).

Debug: Ich hatte vor kurzem eine Unterhaltung mit einem amerikanischen Freund und er sagte, dass er nicht verstehen kann, warum zum Beispiel Henrik Schwarz so erfolgreich ist, wo der doch lediglich Theo Parrish und Moodymann kopieren würde. Was hältst du von solchen Aussagen? Du bist ja mit Theo Parrish und Moodymann befreundet.

Carl Craig: Der Sound in Deutschland ist meist sehr clean, sehr sorgfältig, fast schon akribisch genau. Im Gegensatz zu den meisten Sachen, die aus Detroit kommen, die eher dreckig klingen. Von mir, von Theo Parrish, egal.
Ich hatte letztens ein Gespräch mit Richie (Hawtin) nicht über Musik, aber über eine deutsche Eigenart, die in dem Zusammenhang sehr wichtig ist, glaube ich. Er erzählte mir von einem Vertrags-Disput, den er mit jemandem aus Deutschland hatte, und er verstand nicht, wo genau die Wurzel des Disputs lag, bis er Deutsch gelernt hat. Dann realisierte er, wo das Problem lag. Und ich denke, das deutsche Wesen ist sehr sorgfältig und akribisch im Vergleich zu dem von Detroitern. Wenn du aus Detroit kommst, dann sagst du, okay, lass uns einfach mit dem Flow gehen. Let’s make it happen, und aus einer Idee wird ein Track oder eine Platte. Sehr schnell, mit wenig Zeitaufwand. Jemand wie Henrik Schwarz arbeitet da präziser als zum Beispiel Theo Parrish. Klar sind Theo Parrish und Moodymann seine Haupteinflüsse, aber es ist kein Rip-Off. Er bringt seinen eigenen Charakter ein. Kenny Dixon Jr. wiederum ist auch präziser als Theo. Er kümmert sich viel mehr um den Sound der Produktion. Theo hat eine viel direktere Herangehensweise ans Musikmachen. Er denkt nicht lange über solche Dinge wie Sound nach, sondern versucht, so gut und so schnell wie möglich seine Idee umzusetzen, um sich dann sofort etwas Neuem zu widmen. Beim Produzieren geht es um Charakter. Egal ob analog oder digital, du musst so viel von deiner Persönlichkeit wie möglich in die Musik einfließen lassen. Deine Tools auf eine sehr persönliche Art und Weise nutzen. Dann kommt etwas dabei heraus, das frisch und besonders ist. Leute wie Luciano, James Holden oder Henrik Schwarz sind da perfekte Beispiele.

Der misssratene Sohn

Debug: Ich habe irgendwo gelesen, dass dein Vater dir mittlerweile beim Führen deines Labels Planet E hilft. Haben dich deine Eltern von Anfang an, bei deiner Wahl, Musiker zu werden, unterstützt?

Carl Craig: Meine Eltern haben mich anfänglich nicht unterstützt. Gar nicht. Aber so sind Eltern. Sie wollen das Beste für ihr Kind, aber es wird problematisch, wenn sie das Business, in das ihr Kind seine Zeit investiert, nicht verstehen. Da waren meine Eltern nicht anders als die Eltern von irgendeinem normalen Motherfucker auf der Straße. Meine Eltern hatten immer einen regelmäßigen Job. Über Jahre. Und sie sahen in dem, was ich da machen wollte, etwas ganz anderes als ich. Ich kann mich an sehr große Auseinandersetzungen mit ihnen erinnern, als es darum ging, dass ich das erste Mal nach England eingeladen wurde, um dort aufzulegen. Ich sagte ihnen, dass diese Chance für mich vielleicht niemals wiederkommen würde. Und als ich in London landete, traf ich als erstes Baby Ford, dann Mark Moore von S Express, mit dem ich jetzt gut befreundet bin. Alles am ersten Tag. Die B52s und Was Not Was wohnten im selben Hotel wie ich.

Debug: Wie alt warst du da?

Carl Craig: Ich war neunzehn oder zwanzig. Klar, ich hatte wahnsinniges Glück. Aber meine Intuition gab mir in dieser Sache Recht. Die Intuition meiner Eltern stimmte wiederum bei anderen Dingen. Damals musste ich einfach tun, was ich zu tun hatte.

Debug: Hatten sie Angst vor Drogen, dem Hedonismus und den Versuchungen des Nachtlebens?

Carl Craig: Ja, das auch. Außerdem gefiel ihnen die Musikindustrie als solches nicht. Es ist so ein Haifischbecken. Manche kommen groß raus, manche nicht. Es gibt Leute, die abgezogen werden, und andere, die genau davon profitieren und das Teil ihres Jobs ist. Und es gibt immer sehr viele unklare, schwer überschaubare Faktoren, ob etwas erfolgreich ist oder nicht. Meine Eltern wollten mich vor all dem beschützen. Die Angst vor Drogen war sehr ausgeprägt und nahm fast schon ungesunde Züge an. Aber heutzutage bin ganz froh, dass es all die Sorgen bei meinen Eltern gab. Wer weiß, ob ich sonst nicht schon vor Jahren aufgehört hätte Musik zu machen und ein Crackhead geworden wäre. Das ist eine sehr feine Linie. Außerdem muss man immer bedenken, was es bedeutet, ein Schwarzer in Amerika zu sein. Die allgemeingültigen Vorstellungen, die es gibt. Die sind offensichtlich total abgefuckt und in der Kultur verankert. Deswegen willst du als Schwarzer in Amerika immer besser sein als alle anderen. Auch besser als Person, nicht nur als Geschäftsmann oder als Musiker. Du willst nichts mit Drogen zu tun haben und auch keine Verbindungen zu Prostitution. Alles, was ein schwarzes Stereotyp ist.

Debug: Was hättest du denn nach dem Wunsch deiner Eltern werden sollen? Ein Doktor?

Carl Craig: Schon, aber irgendwann realisiert man, wenn jemand nicht dafür gemacht ist, ein Doktor zu werden. Ich war als Kind schon zu sehr mit Musik beschäftigt, als dass ich Professor für Chemie hätte werden können. Irgendetwas Gesetzestreues wäre okay gewesen. Ein normaler fester Job.

Debug: Wann änderte sich die Einstellung deiner Eltern?

Carl Craig: Bei meinem Vater hat es nicht so lange gedauert. Wir haben auch ein großartiges Verhältnis zueinander. Meine Mutter konnte sich sehr lange nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass ich mein Geld mit Musik verdiene. Sie konnte damit nicht umgehen. Wir haben eine sehr stürmische Beziehung. Nach wie vor. Was Eltern verstehen müssen, wenn ihr Kind, Tochter oder Sohn, eine Karriere in der Techno-Szene starten will, ist die Tatsache, dass ihr Kind ein Business eröffnet. Und die meisten Eltern haben wahrscheinlich eher die Vorstellung, dass ihre Kinder einen festen Job haben, der ihnen eine gewisse Sicherheit verspricht. Mein Vater arbeitete ungefähr dreißig Jahre in einem Postamt und meine Mutter war zwanzig Jahre lang eine angestellte Lehrerin. Dementsprechend war ihre Perspektive auf die Sache. Heutzutage funktioniert das aber so nicht mehr. Mein Großvater war selbstständig, sein Vater war selbstständig und dem Onkel meiner Mutter gehörten einige Bars in Detroit. Es gibt also in meiner Familie einige Beispiele dafür, sich selbstständig zu machen. Ein Business zu eröffnen. Aber es ist wahrscheinlich schwierig zu sehen, wenn es um dein eigenes Kind geht.

Debug: Du hast auch Kinder, oder?

Carl Craig: Ja, zwei. Aber sie sind noch klein und solche existenziellen Fragen sind noch nicht Thema.

Alles drin im Remix

Debug: Würdest du sagen, dass Remixe immer ein wichtiger Teil deiner Karriere waren, dass Remixe immer wieder neue Höhepunkte markiert haben?

Cral Craig: Ja, auf jeden Fall.

Debug: Gibt es einen, der dir besonders am Herzen liegt oder den du für besonders wichtig hältst?

Carl Craig: Schwer zu sagen. Ich mag sie alle. Ich sehe die meisten auch als meine eigenen Tracks an. In jedem steckt so viel von mir drin. Ich glaube, vor ein paar Jahren hatte ich schon einmal eine Zeit, in der ich einige sehr gute Remixe hintereinander gemacht habe. Der Beanfield-Remix, der Mix für Cesaria Evora. Und da waren noch ein, zwei andere, die zu der Zeit entstanden sind und die ich alle immer noch sehr stark finde. Jeweils in unterschiedlichen Genres. Trotz allem habe ich das Gefühl, dass die Leute seit dem Theo-Parrish-Mix euphorischer, enthusiastischer sind, wenn es um meine Arbeit geht. Und ich frage mich, warum.

Debug: Vielleicht, weil der Remix für Theo Parrish überall gespielt wurde.

Carl Craig: Kann sein. Aber das ist ja nicht das erste Mal, dass so etwas mit einigen meiner Tracks passiert. Die Paperclip-People-Maxis haben das geschafft. Das ”Detroit Experiment“-Album wurde von HipHop-Djs und House-DJs gespielt. Für den Beanfield-Remix gab es sogar ein Video. Nein, ich finde das schwer zu verstehen. Ich habe da aber eine Theorie. Viele dieser älteren Remixe liefen unter dem C2-Pseudonym. Die Remixe aus den letzten Monaten sind alle als Carl-Craig-Remixe veröffentlicht worden. Vielleicht hat es etwas damit zu tun. Derrick (May) rief mich letztens an und wir sprachen über meine Myspace-Seite, die unter dem Namen C2 läuft. Derrick sagte (imitiert einen aufgeregten Derrick May): ”Mann, wenn du deine Seite als Carl-Craig-Seite identifizieren würdest, hättest du gleich ein paar tausend Freunde mehr.“ (lacht) Und ich meinte nur, I don’t give a fuck. Aber mittlerweile glaube ich, dass er Recht haben könnte.

Debug: Bist du oft auf Myspace?

Carl Craig: Ich bin abhängig. Während wir hier sitzen und reden, sehne ich mich danach, wieder auf Myspace zu gehen. (lacht) Nein, ehrlich, ich liebe Myspace. Ich bin abhängig davon, weil ich es großartig finde, mir die Seiten anderer Leute anzugucken, die mir empfohlen worden sind. Zum Beispiel diese großartige Vangelis-Seite, die ich letztens entdeckt habe. Auf der Seite ist unten ein Disclaimer, in dem steht: ”Vangelis’ persönliche Website befindet sich seit 1995 im Aufbau, glaubst du wirklich, dass er sich einen Myspace-Account einrichten würde?“ (lacht)

Debug: In letzter Zeit scheint dein Label Planet E exklusiv für Carl-Craig-Produktionen reserviert gewesen zu sein. Ich habe gehört, dass soll sich jetzt wieder ändern.

Carl Craig: Planet E unterlag immer sehr starken Veränderungen. Es gab Zeiten, in denen das Label wuchs, und dann schrumpfte es wieder für eine Weile auf eine kompaktere Größe. Ich führe das Label nebenbei. Mein Business besteht nicht darin, die Musik anderer herauszubringen, sondern in meiner eigenen Musik. Und Planet E ist vor allem ein Label für meine Produktionen. Wenn ich Tracks von anderen Künstlern veröffentliche, dann weil ich sie schätze und Fan ihrer Musik bin. Aber es wird einige neue Künstler auf Planet E geben. Eine Platte von Martin Buttrich. Als Buttrich. Ich denke, dass die Tracks, die er mir gegeben hat, seine stärksten bis jetzt sind … (denkt kurz nach) … sag mal, Buttrich ist kein normaler deutscher Name oder?

Debug: Würde ich schon sagen. Für einen Amerikaner klingt er vielleicht etwas komisch.

Carl Craig: (grinst) Das ist wie mit dem Holländischen, wo für mich alles nach ”Cock“ klingt.
Aber wie gesagt, es wird einige neue Künstler geben: Lazy Fat People aus England, Santiago Salazar von Los Hermanos wird unter dem Namen Ican sehr treibende, mexikanisch inspirierte Tracks herausbringen und ich hatte gerade ein Treffen mit Marcus Belgrave. Wir haben uns entschlossen, zusammen ein neues Jazz-Album zu machen. Nächstes Jahr soll auch ein neues Solo-Album von mir fertig sein. Es steht also einiges an. Das Label wächst wieder.

Debug: Denkst du, dass der Forschergeist in der elektronischen Musik momentan eher einem formalisierten Funktionalismus gewichen ist?

Carl Craig: Die Zeit, ein Autechre-Album zu machen, ist vorbei. Leider. Als Mitte der Neunziger ”Landcruising“ herauskam, war das auch ein schwieriges, sehr komplexes Album – die Platten aus der Zeit, die sich für mich gut verkauft haben, waren die Paperclip-People-Maxis – aber es fügte sich damals trotz allem in die Haltung und Stimmung, die es gegenüber elektronischer Musik gab, ein. Da gibt es eine Verschiebung der Interessen.
Die meiste Musik ist nicht mehr so komplex, wie sie mal war. Elektronische Musik, HipHop, egal. Das Konzept eines simplen Pop-Songs ist unausweichlich. Die Masse will Musik, die schnell und ohne Anstrengungen konsumier- und verdaubar ist. Kommerzielle Musik wird immer simpler. Und, hey, wir hören den Scheiß doch auch und gehen dann ins Studio und produzieren Tracks mit einer ähnlichen Herangehensweise. Es gibt doch auch kaum noch Songs, deren Struktur ganz klassisch aus Intro, Verse, Chorus, Bridge usw. besteht. Das ist vorbei. Heutzutage gibt es nur noch ein Riff, ein Loop. So wird heutzutage Musik gemacht. Sehr simpel.

Debug: Das heißt, deine eigenen Tracks sind auch weniger komplex geworden?

Carl Craig: Ja. Aber auch wenn es sich auf Tape weniger komplex anhört, hier oben (fast sich an den Kopf) ist es viel komplexer als früher. (lacht)

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: ulrich gutmair aus De:Bug 27

FastForward. Commander Carl Craig navigiert sein Innerzone Orchestra durch die Technosphäre. Unser spiritueller Reiseführer kennt die Voodoo-Geister, die die Matrix bewohnen und uns den Weg weisen. Die Traverse führt auf den Soundtracks paranoider Sci-Fi-Streifen an Sun Ras Heimatplaneten vorbei durch spiralförmig strukturierte Free-Jazz-Cluster. Zwischendurch wird kurz, nur kurz in Utopia haltgemacht: People make the world go round. Das hatte man schon fast vergessen, geblendet vom bunten Tand der Infomercials, den blinkenden Zeichen der Nonstop-Extase-Clubs an den Superhighways Babylons, die dir sogenannten Spass gegen elektronische Währung verkaufen. ’Programmed’, das erste Album des Innerzone Orchestras nach dem 1992er Hit ‘Bug in the Bass Bin’, ist sowohl ein experimentelles Herumspielen mit massenmedialen Mythologien als auch ein akustischer Report einer kursorischen Reise durch schwarze Pophistorie, sozusagen in Fortsetzung von ‘Matrix’ mit den Mitteln des Hörspiels. Denn abgesehen von seinem scheusslichen vulgärchristlichen Ende mit dem Jesus-Superman-Darsteller Keanu Reeves hat sich ‘Matrix’ offensichtlich aus ähnlichen Quellen inspirieren lassen, verrät seine Absichten im Gegensatz zu ‘Programmed’ aber anscheinend nur dem, der sie auch sehen will. Dass es in einem Film, in dem die Guten davon träumen, sich in einem Guerillero-Hauptquartier namens Zion endlich auszuruhen, auch um Babylon gehen muss, dürfte allerdings jedem klar sein, der auch nur eine klassische Roots-Reggae-Platte besitzt: “An den Strömen von Babel, / da sassen wir und weinten, / wenn wir an Zion dachten.” (Psalm 137,1) Der erste Platz auf Craigs Thankslisten ist übrigens traditionell für “God”, im Original ohne Anführungsstriche, reserviert. ’Programmed’ ist Phase drei in einer so wahrscheinlich nie geplanten Reise-Trilogie. ‘Landcruising’, die Tour Nummer eins von 1995, dachte sich den Trip in Anlehnung an Kraftwerks ‘Autobahn’ noch als Fahrt über einen archetypischen Lost Highway kollektiver Erinnerungen, der im klassischen Techno-Modus einer Exotisierung von weisser Mainstreamkultur durch die gesammelte Geschichte europäischer Synthiemusik der 70er führte, um im vorletzten Track, “One day soon”, zum ersten Mal in einem Utopia anzukommen, das allerdings in bedenklich hysterische Loops ausfadete. Wo Elektronikhippies noch ihr wahres Ich zu finden glaubten, findet Craig nur wieder eine andere Maschine vor. Auf einer damals ebenfalls veröffentlichten Paperclip-People-EP sampelte Craig die andere, eher unbekannte historische Figur, die auf Detroit einen nicht unwesentlichen Einfluss ausgeübt hatte: Manuel Göttsching, der früher beim Ashra Temple tätig war und Anfang der 80er mit ‘E2-E4’ eine Prä-Techno-LP aufgenommen hatte. In ‘More Songs about Food and Revolutionary Art’ von 1997 verwandelte sich Craig dann vom Manipulator europäischer Electronica in ein Medium aus dem 19. Jahrhundert, das mit spiritistischen Technologien herumspielt. Wo Medien sind, ist die Religion nicht weit: Erst auf Fotos kann man die Toten sehen, und erst auf Tonaufnahmen kann man die gesuchten Frequenzen aus dem Jenseits finden. Die in ‘Alien talk’ vorgeführten fremden Stimmen hören sich analog zu den medialen Stimmen von Verstorbenen so an, als hätte Craig sie zufällig aus dem Äther gefischt. Später wabert dann geisterhaft ‘televised green smoke’ über den inneren Bildschirm. ‘More Songs about Food and Revolutionary Art’ erfand für sich selbst ein autarkes Universum, das Techno zu einer romantischen Technologie umdefinierte. Gothic-Techno für verlorene Seelen, der über das Sitzen unter Bäumen meditierte, und über Schmetterlinge. Auch wenn Carl Craig selbst weit weg und nur als verschwommenes Foto auf dem Booklet anwesend zu sein scheint, ist er doch die einzige Grösse, die hier wirkt. Der Dancefloor ist dagegen nur noch in einiger Entfernung mitzudenken: “Goodbye world” erklärt Track 3 programmatisch, und man kann hinzufügen: Hallo Individuum. Die Leute haben die verschiedensten Ideen, was Carl Craig ist. Carl Craig hat eine andere. Sagt der Mann am Telefon, der seine Karriere unter dem Alias Psyche in Begleitung von Derrick May auf Transmat begonnen hat. Um diese Tatsache auch nicht unübersehen zu lassen, veröffentlichte Craig seit Psyches “Crackdown” unter den Projekttiteln Piece, 69 und Paperclip People, zwischendurch wieder als Carl Craig, um jetzt wieder beim Innerzone Orchestra zu landen. Woraus besteht aber die Innerzone? Carl Craig ist nicht mehr nur eins mit der Maschine, sondern dirigiert den Schlagzeuger des Sun Ra Arkestras, Francisco Mora, einen Bassisten und einen Violinisten mit dem Sampler; er lässt Richie Hawtin streng nach Plan mit an den Reglern drehen und ruft Art Blakey, Coltrane, Miles Davis und Sun Ra als gute Geister an, auf dass sie ihn auf die nächste Ebene führen. Dort kann man krude Synthisounds hören, Breakbeats, Milleniumangst – “when the ocean line meets the sky”, Free Jazz zwischen Soft Machine und Sun Ra sowie traditionelle afrikanische Rhythmen und Gesänge. Carl Craig war ein prototypisches ‘nuclear kid’ mit einem Babysitter namens TV. Er sieht die Welt immer schon durch Kameraeinstellung, Schnitt und Soundtrack manipuliert und vorgefiltert. Wenn man ihn etwa in Bezug auf “Architecture”, einem eher statischen Track, fragt, was seine Sounds mit Architektur zu tun haben, verweist er darauf, welche Architektur im Fernsehen üblicherweise mit welchen Sounds unterlegt wird. Frank Lloyd Wright: Beethoven; Le Corbusier: französische Avantgardisten etc. Sein Soundtrack denkt sich Filmsequenzen aus diversen Sci-Fi-Städten wie etwa aus Blade Runner dazu. Am Ende des Tracks singt der Muezzin. Television ist das Medium, das unsichtbar auf ‘Programmed’ anwesend ist. ‘The beginning of the end’ etwa, der Track zum Millenium, ist nichts anderes als ein Soundtrack für den Film im Kopf. Ein Stück Headmusic, das sich so anhört, als seien seine vokalen Bestandteile aus einer Tonspur herausgesampelt worden. Der von Carl für den Track engagierte Rapper Lacksi-daisy-cal agiert lakonisch als professioneller Hörspieler, der den Eindruck vermittelt, eben an einer heruntergekommenen Ecke die Apokalypse zu beobachten. ‘Blakula’ dagegen ist ein akustisches Remake des Films aus den 70ern, das mit echten Streichern ausgestattet wurde, ohne in irgendeiner Weise nach Easy Listening zu klingen. Carl Craig meint dies alles ernst. Wie Craig dem Wire-Magazin erklärt hat, kam die Blakula-Inspiration unter anderem von seinem Drakula-Haaransatz, für den er als Kind immer gehänselt worden sei. Für die Fotosession mit dem britischen Magazin liess er sich mit schwarzem Jacket und weissem Hemd ablichten, in einer Pose, die einen leichten Anflug des Dämonischen suggeriert. Kann es sein, dass nach ausgiebiger Beschäftigung mit Körper, Geist & Maschine jetzt wieder die eigene Geschichte anklopft? Fängt das, was als Techno früher mal Funktionalität und Innovation verpflichtet war, sich jetzt zu erinnern an? “Hm”, sagt die Stimme aus dem Telefon. Ist das nicht ein Statement, Free Jazz zu covern, der damals als Soundtrack für die afro-amerikanische Emanzipation verstanden werden konnte und überhaupt vor allem radikal und bärtig war? Der Rückgriff auf Blaxploitation-Images wie Blakula? “I never seemed to be a political person”, meint Craig. Im eigentlichen Sinn wohl nicht. Die craigsche Politik ist paradoxerweise diejenige, die Techno am liebsten losgeworden wäre, aufklärerisch, humanistisch und mit dem entsprechenden Pathos vorgetragen, um schliesslich wieder durch kitschige Comic-Effekte durchbrochen zu werden. Am Ende von ‘More Songs about Food and Revolutionary Art’ verkündet eine tiefe Monsterstimme: “Paint will be spilled with the color of blood. This blood signifies all the minds that will be lost in the revolution. This is not a revolution against governments. This is a revolution against ignorance.” Auf die Frage, was er davon halte, dass sein Detroiter Kollege Juan Atkins als einziger der amerikanischen Technocommunity auch traditionell politisch argumentiert, wenn er etwa auf den institutionalisierten Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft verweist, muss Carl erst mal kurz nachdenken. Dann kommt er zum Schluss, dass affirmative Action auch nur eine Form des Rassismus sei, die schwarze Männern und Frauen bevormundet und die Standards nach unten verschiebe. Die Qualität afro-amerikanischer Kultur sei doch gerade, dass einzelne immer wieder Ergebnisse erarbeitet haben, an die andere nicht herankommen. Unter dem Strich sei etwa die Musik von Dave Bruback aus diesem Grund halt einfach schlechter als die der grossen schwarzen Jazzer. Da offenbaren sich die unauflösbaren Paradoxien einer Politik, die die Verhältnisse ‘spirituell’, durch individuelle Anstrengung verändern will, daher aber nur blumig gegen die ‘Ignoranz’ argumentieren kann. Obwohl Carl Craig also nicht recht auf Stichworte wie ‘politics’ oder ‘history’ reagieren will und als Antwort demonstrativ in den Hörer gähnt, erklärt er dann doch, keine Bilder zu ‘Programmed’ im Kopf zu haben ausser dem einen, das er als Klischee im Fernsehen gesehen haben könnte: Afrikanische Männer und Frauen, die tanzen, “spiritual and crazy. Westeners will see it as evil, but it isn’t.” Das wirklich verblüffendste Ereignis im dunklen Travelogue von ‘Programmed’ ist Craigs Coverversion des alten Stylistics-Hits “People make the world go round”, in der Sänger Paul Randolph beschwingt von der über Jahrhunderte sedimentierten Weisheit spricht, dass die Entfremdung in der modernen Welt nur von den Leuten selbst überwunden werden kann: “The people, the people!” Aber auch hier ist es nicht die Politik, sondern der “Spirit”, den Craig einfangen will. Im Prinzip derselbe, der in den alten Stücken Craigs auf dem Dancefloor erscheinen sollte, “a ghost in time”. Schon ‘More songs about food and revolutionary art’ hatte “food” auf dem Booklet folgendermassen erklärt: “Material which feeds and supports the mind or spirit.” So also spricht Carl Craig, der vor einer Dekade sich noch zum Feuerwehrmann ausbilden liess, erstens, weil man nicht wissen kann, ob es mit der Musik auch funktioniert, zweitens aber, weil das eine Aufgabe ist, mit der man seinen Teil für die Community beiträgt. Rewind. Ca. 1993. An der Bar des Elektro in Berlin erklärt ein Mann, Carl Craig sei der Meister Eckart des Techno. Diese Beschreibung kann immer noch für sich in Anspruch nehmen, intelligenter zu sein als jede Zuschreibung des Genialen. Meister Eckart war ein grosser Mystiker, erfüllt von der Liebe Gottes, aber gleichzeitig auch ein Materialist: “Der vernünftige Wille betätigt sich darin, dass man die Füsse (!) setze in alle Werke Jesu Christi und der Heiligen, oder anders: dass man so Wort und Wandel und Weltgeschäftigkeit immer beschicke mit dem Blick aufs letzte Ziel.” Carl Craig versteht sich in diesem Sinn als Idealist, und daher ist es auch kein Wunder, wenn die Reise von den schweren Funkbreaks von Pieces ‘Free your mind’ jetzt zurück zum Soul geführt hat. People make the world go round, und Carl Craig trägt seinen Teil dazu bei. Als Ergebnis von zehn Jahren Arbeit orchestriert ‘Programmed’ die ganze Black-Sci-Fi-Debatte noch einmal als Hörspiel und ist dabei trotzdem einen Schritt weiter als der Rest. Während der junge Craig Techno einen vielbeschworenen ‘human touch’ gab, der heute darin kulminiert, ein altes Soulstück zu covern, scheint der Craig der Innerzone-Phase in die bösen, paranoiden Sounds von ‘Programmed’ eine andere Interpretation von Soul gelegt zu haben, der laut Amiri Baraka eine “Form sozialer Aggression” markiert. Kurz gesagt, ‘Programmed’ ist nicht die nette Platte, die ‘People make the world go round’ verspricht. Hier regiert eine neue Form von Badness. “Shoot to live, eat to die.”

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