Text: nico haupt aus De:Bug 08

Carl Stone Nico Haupt netzkraut@newmedia.de Es waren schon immer die Tüftler mit den unauffälligsten Namen, die am konsequentesten ihr Ding durchzogen und sich so über die Jahre eine kleine, aber eingeschworene Fangemeinde bewahren konnten. Carl Stone aus San Francisco gehört da mit Sicherheit auch dazu. Plötzlich taucht er wieder in Deutschland auf und trifft dabei sogar noch den aktuellen Zeitgeist. Stone gehört nun bereits schon seit 20 Jahren zu den beständigsten Vertretern, die davon überzeugt sind, daß Strukturen in der Musik ständig in eine neue Ordnung gebracht werden müssen und selten einen einheitlichen Endzustand besitzen dürfen. Studiert hat er bei Morton Subotnik, der sich wiederum früher Stockhausen-Werke angenommen und in einen neuen Kontext gesetzt hat. Daher versteht sich Stone mehr als Live-Performer und gehört nebenher unmittelbar zu einem modernen Vertreter von atomisierter Musik, der Kunst, digitalen Freestyle in Realtime zu zelebrieren. Was im einzelnen von vielen anderen mit Sampling oder Scratching gelöst wird, ist im Bereich der übrigen Hard- und Software nun ebenfalls längst nicht mehr so kostspielig. Sein Technosklave, der ihm dabei hilft, ist Max (Opcode Systems). Mit diesem Appleprogramm ordnet er zunächst individuell verknüpfte Module zu einer Ausgangsmaske an. Danach setzt er seine Musikfragmente so ein, daß sie sich, je nach Wunsch, unmittelbar einer bestimmten Verwandlung unterziehen müssen. Im Prinzip entsteht eine Art uminterpretiertes Equalizing, mit denen er Echtzeitbearbeitungen schaffen kann. So löst er teils aus selbsterzeugten Klängen, aber auch mit Hilfe etlicher Originale (größtenteils aus dem Freejazz und Klassik-Bereich), die wichtigsten Bestandteile auf und bringt sie unmittelbar in neue Zusammenhänge. Dieser simultane Einsatz bedarf natürlich schon einer gewissen Konzentration, um keinen Soundbrei zu erzeugen. So scheinen etwa in einem ruhigeren Stück von Stone Kirchenglocken als Leitfaden zu dienen, um langsam ein Gefälle der anderen Instrumente zu manövrieren. Auch alte Miles Davis Stücke erhalten bei ihm ein ganz neues Gewand. Es scheint, als saugten sich dort die einzelnen Fragmente plötzlich selber das Blut aus den Adern und fabrizierten einen völlig neuen Organismus. Hauptquelle für Stones Ideen ist Japan, als running gag nimmt er traditionelles Karaoke auseinander und persifliert es mit seiner Dauerpartnerin Min Xiao-Fen (Acid Karaoke). Japan kommt außerdem in seinen gourmetischen Vorlieben zum Ausdruck, seine Lieblingsrestaurants werden auch systematisch als Hommage in seinen Tracktitel (Kamiya Bar) untergebracht. Auf seiner Webseite ist ein Leitfaden für ausgewählte Restaurants enthalten, neben asiatischen, italienischen oder auch griechischen Locations werden dort etwa empfohlen: Sharezad Flame (persisch), Chez Franz (haitisch) oder Nyala (äthiopisch). Die Website begrüßt einen mit einer flackernden Farbordnung, einem immer wieder gern genommenen Javascript-Effekt unter HTML-Spaßvögeln mit skurrilerem Humor. Der eher an einen spitzbübischen Chemielehrer erinnernde Bartträger strahlt bei Auftritten eine bemerkenswert ruhige, besonnene Ausstrahlung aus und unterstreicht somit die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Thesen vertritt. Sein Publikum hört ihm dabei bedächtig zu, aber es entstehen natürlich nicht bei allen Anwesenden nur behagliche Situationen; abgebrüht muß man also schon vorher sein. Beim Hören seiner Stücke wird außerdem schnell klar, daß sämtliches klassisches Copyrightdenken entgültig der Vergangenheit angehören sollte. Es wäre viel zu beamtenhaft und eine Haarspalterei, immer noch auszufriemeln, wo genau etwa Original aufhört und Neubearbeitung anfängt. Wie etwa sollte dies beim Resampling eigener Stücke berechnet werden, zu denen plötzlich Elemente von außen eintauchen? Ein Umrechnen in Bytes nach Aufeinanderrechnung von Festplatte vorher und nachher, nach Minuten oder nach Notendichte? Selbst eigens dafür programmierte intelligent bots würden hierbei wohl in einen digitalen Bummelstreik verfallen und natürlich: abstürzen. Und Absacken gehört wohl auch zu einem beliebten Mittel von Stone. Irgendwann scheinen seine Klänge nämlich abzurutschen, besonders bei seinen hektischen Fragmenten, die man sich direkt in einen Club wünscht, wo vielleicht auch ein Luke Vibert oder Squarepusher mal zufällig zuhört. Stone kann sich also beruhigt zurücklehnen und abwarten. Diskographie (Auszug): em:t 1196, em:t records, 1996 em:t 5595, em:t records, 95 Kamiya Bar , New Tone Record, 95 Mom’s, New Albion 049, 92 Who Stole The Polka?, Eva Records WWCX 2037, 92 Hyper-Beatles 1, Toshiba-EMI TOCE-6233, 91 Four Pieces, EAM Discs 201, 89 Breathing Space ’79, Watershed C-2003 (Tape), 79 Carl Stones Playlist seiner Radioshow: Philipp Glass, John Adams, Kronos Quartet, Morton Feldman, Bob Ostertag, Nusrat Fateh Ali Khan, John Coltrane, Robert Dick (Jimi Hendrix Bearbeitungen), Michael Nyman, Ken Nordine, sowie die Elektroakkustiker Laurie Spiegel, James Tenney und Christophe Charles. Carl Stone Website-www.sukothai.com (dort auch restliche Diskographie)

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Elektronische Lebensaspekte.