Text: oliver köhler aus De:Bug 11

The Return of the Mellow Carlito Oliver Koehler okoehler@rumms.uni-mannheim.de Es war eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis Drum and Bass wieder an diesem Punkt gelangen würde. Ob das lösliche Kitzeln des Pop-Appeals von Speed Garage dazu beigetragen hat, sei dahingestellt. Eines scheint jedenfalls im Frühling 1998 sicher zu sein: Spätestens, wenn der Sommer sich dazu entschieden hat, sich professionell zu verhalten, und spätestens dann, wenn Carlito die erste LP seines Quasi-Band-Projektes, Guardians of Dalliance, von Dubplate in Vinyl übersetzt hat, kann man mit dem Anbruch eines neuen Drum-and-Bass-Zyklus rechnen. Zwar begleiten uns über die letzten zwei Jahre hinweg die bukemesquen Mix-CDs der Sorte Logical Progression I und II, so daß man nicht unbedingt von einem U-Turn reden kann, nur schien sich die Hoheit der Drum-and-Bass-Allianz der Schiene POP nicht verschreiben zu wollen. Mit dem Gelingen des neuesten Creative-Source-Projektes, Fabios mittwochs stattfindendem Club Swerve und dem Tohuwabohu im Vorfeld des Peshay Albums sind jedoch wieder Stimmen für die Erweiterung des universellen Geschmackes laut geworden. Was aber den größten Teil des Charmes an Pop-Produktionen des Modus 1998 ausmacht, ist ihre Fähigkeit, Berührungsängste mit dem Antonym Techstep, zu überwinden. Die neueste Moving-Shadow-Kollektion von honigsüßen Melodien, der Trans-Central-Connection II Sampler, zeigt auch mit Liebe zum Detail, wie sehr sich der Sound gewandelt hat. Zusammengestellt wurde Trans-Central-Connection II von dem 30-jährigen Carlito (bürgerliche Name James Mitton Wade). Mit dem Sampler gelingt es dem ehemaligen Essence of Aura Künstler – und demnach auch jahrelangen Mit-Frontmann der Moving Shadow Agendas – nicht nur auf die Bandbreite des musikalischen Drum and Bass hinzuweisen, sondern auch zu demonstrieren, wie sich gerade in den letzten Monaten “die Situation immens verbessert hat.” Laut Carlito befinden wir uns in einer “Zeit, in der Grenzen stärker als sonst verschoben werden. Es werden so viele Stile und Einflüsse momentan aufgenommen, denn man wird nicht davon mehr zurückgehalten. Was passiert ist: Wir experimentieren momentan mit einer härteren Sorte von Beat. Ich persönlich glaube, daß so etwas viel besser auf der Tanzfläche funktioniert und Dir mehr Möglichkeiten gibt, musikalisch oben drauf zu setzen, was Du willst. Dennoch schreibe ich nicht nur harte Tracks; Blue Green von den Guardians of Dalliance ist z.B. durchaus als leichter Track gedacht. Wir sind nicht nur härter geworden, bloß weil die anderen so hart sind!” Carlito ist die Lage ganz klar. Gerade, wenn man noch mitten in einer so turbulenten, zähnefletschenden Tunnelfahrt steckt wie die, die uns seit zwei Wintern im Bann hält. Seine Berührungen mit den Phänomenen Swerve und dem Peshay Album haben ihn davon überzeugt, daß alles gut wird, vor allem: “weil so viele Leute wieder eingegliedert sind.” ”Fabios Club läuft schon seit dem Zeitraum um letzten Oktober/November. Am Anfang war es noch ziemlich ruhig, aber inzwischen hat sich ein recht engagiertes Publikum eingenistet, das auch wirklich wegen der Musik und dem neuen Vibe dort ist. Manchmal kommt es mir sogar vollkommen elektrisch da drinnen vor. Das gute daran ist ja, daß es noch in den Kinderschuhen steckt und wirklich etwas neues repräsentieren will. Es ist sehr roh. Wenn Du es noch so mitkriegen magst, wie es ist, jetzt ist die Zeit. An manchen Wochen ist es so ‘upfront’; es ist schockierend! Insbesondere wird Peshays neue LP viel gespielt. Manchmal hast Du das Gefühl, Du stehst vor einer riesigen Jazz Band mit massiven Hieben, die hereinplatzen. Unter keinen Umständen sollte man das auf die leichte Schulter nehmen!” Die Erwartungen werden also geweckt, aber man vergißt nicht, daß auch in dieser Branche des Biz Fehler gemacht wurden. Auf den Fersen von Bukems Erfolg strömten von allen Seiten Produzenten mit ähnlichen Minirevolutionen, bis sich der Sound wortwörtlich ausgespült hatte. “Das war jedoch unvermeidbar,” kommentiert Carlito vorsichtig zu dieser Entwicklung. Für ihn ist dieser neue Ansatz noch lang nicht an dem Punkt angekommen an dem so viele DJs “dieselben Sachen spielen, daß es in sich aufgewühlt wird. Damals sorgten nur eine Handvoll Leute dafür, daß sich die Grenzen gepusht werden. Ich will niemanden dissen, aber in unserer Szene geht es noch vorwärts. Wir haben den Endpunkt noch lange nicht erreicht, wir haben ausreichend Entfaltungsmöglichkeiten. Nach wie vor gilt, daß Du machen kannst, was immer du mit dieser Musik machen willst. Es muß nicht unbedingt die eine oder andere Schiene sein.” In wie fern die gesamte Bandbreite dieses Stils in seinem Guardians-of-Dalliance-Projekt aufgehen wird, bleibt bis zur LP abzuwarten. Gewiß werden sich durch Carlitos Hand auch eine Menge Reminiszenzen aus seiner Zeit als Scooter Boy, aus dem 1989er Acid House Soundtrack und Acid Jazz sowie aus seinen Berührungen mit diesem Genre einfinden. Die weitere Umsetzung wird dann mit Hilfe von Moving Shadow Typus 1998 verwirklicht: “Jetzt konnte ich mir erlauben, einiges an neuer Technologie einzukaufen. Somit kann ich neue Produktionstechniken ausprobieren und kriege auch einen guten, sauberen Sound hin. Es macht auch einiges leichter. Zusätzlich lassen sie uns viel Zeit, das Album zu schreiben. Es gibt nichts schlimmeres, als unter Druck gesetzt zu werden, wenn Du eine Platte schreiben willst!” ZITATE: In Fabios Londoner Clubabend Swerve hat sich ein engagiertes Publikum eingenistet, das auch wirklich wegen der Musik und dem neuen Vibe dort ist. An manchen Wochen ist es so ‘upfront’; es ist schockierend!

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Elektronische Lebensaspekte.