Caro kommt aus Seattle, hat, wie es in Seattle als Musiker wohl zum guten Ton gehört, bis vor kurzem in einer Rockband gespielt und macht sich seit neuestem daran, die Linearität von House, und damit alle Fortschritts- und Retrodiskures, in feinen kleinteiligen Tracks zu zerbröseln. Jetzt ist sein Debüt-Album auf Orac erschienen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 94

Caro – Delusions of Grandeur

Es muss nicht immer Retro sein. Das beruhigt uns. Egal ob jemand singt oder nicht, und Caro singt fast auf jedem Track. Auf seinem Label Orac ist er damit allein (und nein, egal ob wir es glauben oder nicht, Caro und Orac sind nicht zusammen erfunden worden und Caro ist nicht Orac rückwärts gelesen). Auf der Welt gibt es mehr Soulsänger, oder sollten wir Funksänger sagen, oder können wir das, müssen wir das überhaupt auseinander halten? Immer mehr, seitdem Minimal unter Zugzwang geraten ist. Aber Caro ist nicht Minimal. Nicht mal von der Soundästhetik. Seine erste Platte auf Orac, seine erste überhaupt, erschien wie aus dem Nichts und war so perfekt, dass ich sie heute noch für einen Italoklassiker halte. Also doch Retro? Caro dachte an Robotnik, ja, aber nur vage. Eher so, wie man in einer Fusionküche mal an Italien denkt, denn ansonsten deutete “La Citta Dela Notte” nur an, was alles noch kommen würde, nicht, was schon war.
Caros Tracks sind unverwechselbar, ähnlich wie die von Ben Neville. Gemeinsam haben sie nichts. Caro ist das, was ich mir, wenn es nach Nu Groove eine andere Geschichte gegeben hätte, unter House heutzutage vorstellen würde und dank Caro auch kann. Anonymität, Minimalismus, Techno, alles Nebenschauplätze für Caro. Starallüren, Divastyles, House vom Accessoire zum Modeschauplatz – auch Nebenschauplätze. Die Gegensätze zwischen beiden sind erfunden. Caro lebt in einer Welt von Housemusik, in der die Pole von Anfang an verrückt waren. Und er nennt es trotzdem Techno, als Amerikaner, vor allem als Amerikaner in Seattle hat man da eigentlich auch keine andere Wahl, obwohl man – schreibt man die Geschichte um – eine gehabt hätte. Caro war, damit ist er auf seinem Label nicht allein, mal in einer Rockband. Er war Sänger. Er hat nicht im Entferntesten so gesungen wie jetzt. Um die eigene Geschichte von Caro noch etwas mehr zu brechen, braucht man eigentlich nur Google. Caro ist Programmierer. Mitverantwortlich für Jitter. Ihr wisst schon, das auf MAX/Msp basierende VJ-Tool. Er arbeitet an einer Synthese von Klang und Bild. Weit vorne im Feld dessen, was man glücklicherweise nicht mehr als multimedial bezeichnet. Mit Orac hat das nichts zu tun. Da werden abends einfach die Charaktere gewechselt und Caro ist Technohead. Alles andere wäre langweilig, und nein, mit Flexecutives hat das nichts zu tun, gebrochene vielseitige schillernde Biographien und Interessen hatten das eigentlich noch nie, denn Benennungen wie diese gehören eher zum Vokabular der Unterdrückung.
Wer ein Label macht, bestimmt sich selber. Klar. Wer sich selber bestimmt, spielt mit einer Größe, die genau dann langweilig wird, wenn man vergisst mit ihr zu spielen. Caro-Tracks sind so albern wie deep. Auf dem Cover seines Albums “The Return Of Caro” sitzt er hoch zu Ross kurz unter den eisigen Berggipfeln. In einem vervielfältigten Rahmen aus chromatischem Kitsch, der an eine makaber schlechte, ultra altmodische Webseite erinnert, im Hintergrund die Postkarte, vorne digitales, flüssiges Metall von Effekten, im Zentrum naturalistische Historie in klassizistischer Pose, die es nicht mehr gibt. Ein Cover mit mindestens fünf verschiedenen Ebenen. Klar ist nur, mit Ernst oder Albernheit lässt sich das nicht einfangen, denn – wir sollten das jetzt mal ein letztes Mal betonen – bei Caro geht es nie um Gegensätze. Trotzdem kann man – ich bin der lebende Beweis, und ich neige nicht wirklich dazu, vielleicht macht mich gerade das anfällig – ein Fan von Caro sein. Das Pferd ist von seiner Freundin, der Titel von einem Freund, soweit alles klar, aber wieso schwebt mir die ganze Zeit “Delusions of Grandeur” im Kopf herum. Caro ist alles andere als kranke Musik. Vielleicht deshalb. Vielleicht weil man das rückwärts lesen muss. Vielleicht weil es so vielsprachig ist, weil die Beziehung zwischen Delusion und Grandeur schillert wie das Cover von Caro, der mit Sicherheit alles andere denkt als königlich hoch zu Ross wieder zurückzukehren in ein Land, das zu lange unbeherrscht war (der Return von Caro ist genauso keiner, wie Orac umgedreht nicht Caro heißt, ouch, jetzt wirds knifflig).
Vielleicht geht es bei Caro darum, mutig zu vermuten, so affirmativ wie möglich Dinge zu behaupten, die so offensichtlich wie möglich nicht stimmen, und weil man einen vielschichtigen Boden hat, dennoch weich zu fallen in einer Stimmigkeit, die so einleuchtend ist wie sonst nur harte Wissenschaft. Darum könnte es auch in House schon immer gegangen sein. Eine Utopie nicht der Verwirklichung, sondern des Wirklichen, ein Effekt der Sicherheit, der unumstößlichen Überzeugung dessen, dass es keine Sicherheit geben muss, wenn man sich innerhalb eines Rahmens aus Wiederholungen kickendster Beats, Variationen immer anderer Themen, die sich immer auch gleich sind, bewegt, weil man schon von der Sicherheit, die House ist, aus denkt. Kurz gesagt: eine Zeitmaschine. Einsteigen und nicht an einem anderen Ort, aber in einer anderen Zeit rauskommen. (Nein, trotz Einstein-Jahr ist das alles andere als dasselbe).
Wer bei all diesem Geschwätz hier jetzt denkt: Caro, Orac, hey, das ist aber alles ganz schön abstrakt, da fallen mir ja eher die Füße ab, als dass ich dazu tanzen könnte. Halt, zurück, ganz von vorn, Caro ist superfunky. Ich würde fast sagen, sexy. Fast noch direkter als Dada. Soll ich zum Beweis seinen letzten Hit mitsingen? Der ist schon glatt booty. “My little pony, dance all night pony, I love the way you shake you head, I love the way you shake your tail.” Caro-Platten kann man laufen lassen wie eine Horde junger Pferde. Die galoppieren vor sich hin, diese Beats, immer mit ein paar Beinen zuviel, aber auf eine Weise, die etwas von einem Schwarm hat. Da wird der Groove nie ziellos zappelig, sondern trabt und galoppiert wie in einer Herde so lange, bis selbst der beste Showdown nur noch zur Rahmenhandlung des Tierfilms wird, der ein wirklich guter Western und wirklich gute Housemusik sein muss. Es wurmt Caro fast schon, dass sich zur Zeit so viele mit Tieren auf ihrem Cover abbilden lassen. Der Mensch und das Tier – und man weiß auf “The Return Of Caro” wirklich nicht, wer da die Zügel hält – ist nämlich eine Symbiose, über deren Formalitäten in House ruhig noch mal ganz anders nachgedacht werden sollte.
Housemusik hatte schon immer Probleme, sich – anders als andere Richtungen, in denen es scheinbar zielgerichteter vorwärts ging – mit der Idee vereinbaren zu lassen, dass genau das die Musik ist, die neu, frisch, futuristisch ist, aber spätestens mit Caros Definition von House mitten in einer großen Retrowelle wird einem glasklar, wieso das immer nur ein Scheinproblem war, denn hier bricht House mit der linearen Geschichte des Fortschritts und macht Retro unmöglich, weil es ohne Linearität nicht rückwärts gehen kann, sondern lieber alle Widersprüche noch mal genau unter die Lupe brillantester kleinteiliger Grooves genommen werden und so den Blick frei machen für einen ganz anderen Dancefloor, dessen Idee nicht langsamer Fortschritt, sondern immerwährende Zertrümmerung durch Affirmation ist. Und war.

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Elektronische Lebensaspekte.