Carsten Nicolai will hoch hinaus. Ein Masterplan für die Kunst soll seine Auststellung "Anti Reflex" in der Kunsthalle Schrirn sein. Ob das gelingt und wie erklärt euch Christoph Jacke.
Text: Christoph Jacke aus De:Bug 90

Klar in Ordnung
Carsten Nicolai

Der in Berlin lebende Carsten Nicolai, Jahrgang 1965, ist uns schon so einige Male begegnet. Ob als Installationskünstler (z. B. auf der “Frequenzen“ 2002), als Forscher in Sachen Klang, als Grafiker oder als Produzent minimalistischer Elektronik-Musik mit Namen Alva Noto: Nicolai macht das, was er beginnt, offensichtlich richtig und mit Leidenschaft. Jetzt wurde in der Kunsthalle Schirn in Frankfurt/Main “Anti Reflex“, seine erste umfassende Einzelausstellung, eröffnet. Noch nie hatte der studierte Landschaftsarchitekt die Gelegenheit, einen “Masterplan“ für seine Kunst (so Nicolai selbst) so ausführlich und konzentriert zu präsentieren.

“Anti Reflex“ ist geradezu symbolisch für Nicolais bisheriges Schaffen und sein zentrales Anliegen: die Einheit der Arbeiten darzustellen. “Dabei suchte ich das große Thema zur Zuordnung. Das einfache Prinzip lautet Polarität.“ In der Schirn gibt es dementsprechend zwei getrennte Räume in Schwarz und Weiß, getrennt/verbunden durch einen mit einer weiteren Arbeit (“Visual Rhythm“, 2003) ausgestatteten Gang. “Reflex“ und “Anti“ (beide 2004) selbst scheinen als Mottos dieser Hallen zu dienen, sind aber eigentlich zwei geometrische Körper. Nicolai erklärt: “Beide sind regelmäßig, Mathematik gilt beiden als Ordnungssystem und als Bezugspunkt, eben zur Selbstverortung sowie Selbstfindung.“ Der eine Körper aber (“Reflex“) öffnet sich, ist begehbar, transparent, unverschlossen, die Kabel sind offen gelegt, seine Außenhaut ist ebenso Innenhaut und dient gleichsam als Lautsprecher, der Körper selbst wird zum Resonanzraum und strahlt Schall nicht nur ab, sondern generiert ihn. Um den “Reflex“ herum gibt es etwa die “Wellenwanne“ (2000), die Frequenzen in immer wieder neue, eben unberechenbare Wasserbewegungen versetzt, Klang sichtbar macht und psychische Beeinflussungen provoziert. Eine Fragestellung, mit der sich Nicolai seit Jahren beschäftigt: “Ich habe mich Hochfrequenztönen ausgesetzt, um zu ‘sehen’, was passiert. Auslöser war Laurie Andersons Track ‘Mr. Heartbreak’ mit einer hohen Frequenz im Sample, irgendwas liebte ich an diesem Track, ein warmes Gefühl. Jahre später habe ich begriffen, was das ist: Wenn du die Fernsehbildröhre anschaltest, generierst du einen hohen Ton von 11.000 Herz, den du nur unterschwellig hörst. Der dringt aber sehr wohl durch die ganze Wohnung.“
“Anti“ hingegen ist komplett geschlossen, schwarz, verbirgt etwas in seinem Inneren und brummt bedrohlich tief, wenn Mensch und also Magnetfeld sich ihm nähert (hier funktioniert laut Nicolai das gute alte Theremin als Sensor). Um den “Anti“ herum sind in einer abgedunkelten Halle Arbeiten gruppiert, die sich nicht so schnell erschließen lassen. “Telefunken Anti“ (2004) etwa, bei dem die Fernsehbildschirme gegen die Wand gerichtet sind. Der Anti-Raum absorbiert und verschluckt Licht. Auch im eigens produzierten Video “Spray“ (2004) tritt eine technische Verweigerungshaltung laut Nicolai zu Tage: “Es geht um die Atomisierung und Zerstäubung von Information.“ Die beiden Hallen mit ihren zentralen Körpern bilden die Klammer um Nicolais alte und neue Arbeiten, zeigen seine Verwobenheit der Elemente, seine Referenzen und Verweise auf eigene Arbeiten. Dass dabei gewissermaßen ein dritter Raum entsteht, der des Grauen, des Schattenhaften, des Anti-Reflex, ist einer der zahlreichen spannenden Effekte. Wenn auch manche klangliche Überschneidung zwischen den Arbeiten (so etwa zwischen “Anti“ und “Spray“, obwohl das Video schon um die Bässe reduziert wurde) in der konzentrierten Rezeption stört, war Nicolai die zusammenschmelzende Koexistenz in einem Raum sehr wichtig: “Es sind schon Werke, und die Betonung aufs Prinzip ist demgegenüber sicherlich ein Widerspruch. Einerseits arbeite ich mit etwas Immateriellem wie Sound, und dann versuche ich ihn wieder festzuhalten. Das wiederum gehört zu meinem Prinzip der Polarität: Das Gegenteil gleich mitzubedenken, hin und her zu driften zwischen den Dingen.“ Folgen wir ihm also noch eine Weile weiter, dem forschenden Autodidakten, auf seinem geordneten Weg durch das alltägliche Chaos zwischen Kunst Wissenschaft.

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Elektronische Lebensaspekte.

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Text: ulrich gutmair aus De:Bug 32

/elektronika/minimal Was kommt, wenn der Club geht? Raster-Noton/ 20′ to 2000 Wie reagieren, wenn soziale Kontexte auf der Basis der geraden Bassdrum verschwinden und durch immer kleinere Nischen ersetzt werden? Unklare Situationen haben den Vorteil, dass sie die unterschiedlichsten Antworten herausfordern. Raster-Noton aus Chemnitz, die vor kurzem erfolgte Fusion der beiden Kleinunternehmen Rastermusic und Noton, formulieren ein Set solcher Möglichkeiten zwischen den Modellen Dancefloor und Experiment und stellen sich den Club als Ort vor, an dem konzentriertes Hören zur tragenden Verbindlichkeit wird. Und obwohl Electronic Listening kaum das Projekt ist, das wirkliche Euphorie hervorrufen könnte, weil es sich vom klassischen Club und der an ihn angeschlossenen produktiven Hysterie schon zu weit entfernt hat, scheint raster-notons Idee von Club gut zu funktionieren. Das liess sich im Dezember in der Berliner Volksbühne beobachten, als dort die Sound-Serie 20′ to 2000 einem Publikum vorgestellt wurde, das offensichtlich keine Probleme damit hatte, 4 Stunden Musik und live eingespielte Visuals im Sitzen zu konsumieren. Auf der Bühne passierte währenddessen nicht viel mehr als das Drehen an Knöpfen im Halbdunkel. Die Akteure verstanden ihre Präsenz augenscheinlich lediglich als unumgängliche Notwendigkeit, die die Interaktion mit der Maschine eben einfordert. Die Performance blieb aus, und paradoxerweise erschien der Abend trotz der immer wieder absurden Konzertsituation, die ein Theater wie die Volksbühne zwangsläufig herstellt, wie ein Technoevent, an dem sich alle dafür entschieden haben, konzentriert zuzuhören. Erst mit dem anschliessenden Liveset Thomas Brinkmanns im Roten Salon wurden die rhythmischen Qualitäten, die minimale Elektronik auch 1999/2000 noch bieten kann, auch auf dem Dancefloor deutlich. Design is a good idea Auch wenn das Gros des Outputs von raster-noton sich kaum an diesen Dancefloor richtet, ist dem Label die eigene Aussendarstellung und der einzelne Track wichtiger als die Promotion von Namen. Das minimalistische Design der Produkte des Labels erinnert an das prototypische, mit spärlichen Labelinfos bedruckte Vinyl, auf dem die Ökonomie von Techno fusste. Carsten Nicolai, der den Noton-Anteil des Labels repräsentiert, erscheinen die Prinzipien von Techno ganz pragmatisch besehen weiterhin sinnvoll, vor allem, wenn es nicht von Pop, sondern vom anderen Ende der Kultur her gedacht wird: “Für uns war es wichtig, primär das Label mit einem bestimmten Sound zu repräsentieren. Die Personalität steht dem Label gegenüber erst mal zurück. Das war das innovationsreichste an Techno überhaupt, dass eine Personalität verschwunden ist. Für mich wirklich ein Phänomen, das gab’s vorher noch nie. Das neue Album von Carl Craig etwa wird jetzt in der Mainstreampresse natürlich gelobt. Viele kannten den aber vorher gar nicht und wissen nichts über die Arbeit, die er jahrelang in der Anonymität geleistet hat. Und dieses Phänomen ist in der Kunst noch viel extremer, wo ein Name mit Wert verbunden wird. Ich finde es aber viel interessanter, wenn Leute erst einmal einem Label vertrauen, sich die Musik anhören und erst dann die Frage kommt, wer diesen Track überhaupt gemacht hat. Das finde ich sehr schön und erhaltenswert.” So Nicolai, der selbst seit Jahren als bildender Künstler arbeitet. Während dort ein zunehmender Bekanntheitsgrad den eigenen Namen zum Kapital werden lässt (was laut Nicolai nie ohne einen Prozess der Isolation zu haben ist), bietet die Musik dagegen die Möglichkeit der kollaborativen Organisation von Arbeitszusammenhängen, die das daraus resultierende Produkt in den Vordergrund stellt. Die Zahl solcher Kollaborationen ist dabei für ein Label gleichzeitig ein Gradmesser der Anerkennung, glaubt Nicolai. Dass diese Überlegung nicht unbedingt falsch ist, zeigte sich im letzten Jahr mit der 20′ to 2000 Serie. Das Konzept und die Konzepte Für die Serie gab das Label von Januar bis Dezember jeden Monat Arbeiten bei befreundeten Produzenten in Auftrag, die sich mit den letzten zwanzig Minuten des ausgehenden Jahrtausends beschäftigen sollten. Das Format dieser 12 Releases wurde auf knapp über 20 Minuten festgelegt. Trotz aller Millenniumsrhetorik will sich das Label 20′ to 2000 inzwischen vor allem als Zeitschrift im CD-Format verstanden wissen, die schlicht den Output eines Jahres dokumentiert. Frank Bretschneider alias Komet, der Rastermusic 1996 zusammen mit Olaf Bender gegründet hatte, lieferte letzten Januar die ersten Tracks. Es folgten Releases von Ilpo V‹is‹nen, Ryoji Ikeda, COH, Byetone (Olaf Bender), Kandis, Ester Brinkmann, Scanner, Noto, Mika Vainio, Wolfgang Voigt und Elph. Die Reihe 20′ to 2000 führt in ihrer Bandbreite tatsächlich den internationalen Sound von raster-noton vor, dessen Gemeinsamkeiten sich an einer durchweg zurückhaltenden, minimalistischen Auffassung von Elektronik festmachen lassen. Den konzeptionell schlüssigsten Beitrag der Serie lieferte Ryoji Ikeda mit “99 (1999)” ab. 99 Tracks, also die maximale Anzahl von Tracks, die das CD-Format unterstützt, variieren ein Thema, das aus der rhythmischen Anordnung von kurzen Signaltönen und einem gehaltenen Sinuston besteht. Bis auf den letzten sind alle Tracks 12 Sekunden lang, die so auf die 12 Releases der Serie und die 12 Monate von 1999 verweisen. Jeder der Tracks ist sekundengetaktet, sodass das Display des CD-Players als kleinste denkbare visuelle Begleitung zum Sound funktioniert. Ester Brinkmann sorgte am anderen Ende des Spektrums für einen duborientierten, hypnotischen und knapp 20 minütigen Track, der ironisch den von 20′ to 2000 in lustigem Pidginenglisch im Untertitel bedienten Millenniumshype (“twelve releases about the cutting edge of the millennium”) attackiert, indem er aus Heiner Müllers Maelstrom bedrohlich klingende Vocals sampelte und mit Vogelstimmen kombinierte. Dazwischen positionieren sich die minimalen Variationen zum Thema Manhattan von Komet und Olaf Benders eher akademische Untersuchung darüber, wo der Rhythmus anfängt und wann eine musikalische Struktur auseinanderfällt. Die Panasonic-Kollegen Vainio und V‹is‹nen lieferten pessimistische Industrialstatements zur globalen Lage, während Wolfgang Voigt mechanischen Funk beisteuerte, der in der Volksbühne durch überblendete, in Grün- und Rottönen eingefärbte Fotos von Laub und Geäst visualisiert wurde. Musik & Bildende Kunst Das minimalistische Design der limitierten CDs sowie ihre schlichte, transluzente Plastikverpackung in Muschelform geben diesen Arbeiten eine adäquate Form, transportiert aber gleichzeitig die nicht unbedingt funktionalistische Idee des Sammlerstücks. Diese Umwertung der Verpackung zum Designerstück wird komplettiert, indem alle zwölf CDs durch einen von der Berliner Designergruppe Bless entworfenen ‘Magnetlink’ zu einem modularen Objekt zusammengebaut werden können. Das Museum of Modern Art hat den Verweis aufs Multiple verstanden und das Werk als ersten digitalen Tonträger in die Bestände aufgenommen. 20′ to 2000 bedient so auch das eher traditionalistische Kunstverständnis der Institutionen, die trotz “Clubkunst” Techno nie richtig verstanden haben. Nicolai selbst sieht in Anbetracht der überholten Strukturen des Kunstbetriebs in der Musik aber vor allem den Vorteil, schnell Ideen kommunizieren zu können. Seine Arbeit mit Noton macht da weiter, wo seine bildende Kunst aufhört, also in der Beschäftigung mit Zeichen, Codes und der generellen Frage, wo Bedeutung im Verhältnis zu den Codes erst anfängt. Auf “mikro makro” von 1997 sind Sounds zu hören, die aus Scanprozessen von Körperzellen und den Radiosignalen von Pulsaren übersetzt wurden. Auf “Polyfoto”, dem Format-Prototypen für 20′ to 2000 von 1997/1998, kann man unter anderem einem Kernspintomographen bei der Arbeit zuhören. Auch in seinen jüngsten Produktionen arbeitet Nicolai neben den analogen Outputs von Oszillatoren mit dem Sound der Information in Form von extrem niedrigen Samplingraten. Die Ergebnisse dieses rohen digitalen Klangs verweisen als leere Zeichen auf nichts als die Informationsverarbeitung selbst, also letztendlich auf den fliessenden Strom, der sie generiert. “Schön, wenn sich etwas separiert von Bedeutung und Kontext”, erklärt Nicolai dazu. Statik In der Ausweitung dieser Grenzbereiche des Physischen und des Semiotischen kommen diverse neue Veröffentlichungen der Statikserie dieses Jahr aber doch noch ins Erzählen. Diese hatte letztes Jahr mit COHs “Enter Tinnitus” (Statik 1) begonnen. Als Statik 2 wird im Januar die erste CD von Signal (Bender/Bretschneider/Nicolai) releast, deren Tracks mit Schleifen und Mikrosoundereignissen arbeiten. Desweiteren wurden Teile von Statik 1 mit Vocals unter anderem von Peter Christopherson (Lyrics: John Ballance) versehen. Das Resultat wird demnächst als “Vox Tinnitus” veröffentlicht, das sich durch die Overdubs in ein psychosoziales Szenario, beinahe die New-Wave-Version des guten alten Sittenbildes verwandelt hat: Track 4 besteht aus einer Liste banal alltäglicher Subjektivitäten, getextet und vorgetragen von Little Annie, bekannt aus diversen On-U Soundproduktionen: “1 Counted my blessings. 2 Counted my wrinkles. 3 Counted on nobody. 4 Manicured my nails. 5 Curtailed my thinking…18 Filed a lawsuite against Central America for alienation of affections… 32 Contemplated suicide. Contemplated going to the movies. Contemplated going to Hollywood. 35 Contemplated going to K-Mart. 36 Contemplated the complexities of human nature…” Dass elektronische Musik, die ohne den Club auskommen muss, nicht zwangsläufig zum beliebigen Lifestyleornament verfallen muss, ist damit ausreichend bestätigt, schlimmstenfalls kippt man mit konzeptionellen Arbeiten in die Isolation der selbstreferentiellen Auseinandersetzung mit den eigenen Produktionsbedingungen. Auch wenn 12 mal 20 Minuten raster-noton durchaus das Gefühl zurücklassen können, sich in einer Mönchszelle aufgehalten zu haben, zeigt diese Form der Produktion ihre prinzipielle Offenheit nach aussen aber nicht nur in den eher narrativ gehaltenen Arbeiten wie den Tinnitus-Remixen. Im besten Fall kommuniziert sie dann durch ihre Komplexität, die Sublimierung der Phantomschmerzen an der Leerstelle Club.

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