Text: j.m. da costa aus De:Bug 14

SIGNAL J. M. da Costa Auf dem Flughafen sahen sie nervös aus. Nicht sehr, nur das Normale wenn man in einer fremden Stadt eines fremden Landes das erste Konzert einer neuen Formation geben muß. Und dazu auf einem Festival, Sonar, wo man mit Sicherheit mehrere Kollegen-Freunde wie Pita, Mika Vainio, Franciso Lopez, Russell Haswell, Farmers Manual, Igor Mischiyev, Gerhard Potuznik oder Ramon Bauer treffen wird. Sie, das sind Signal aus Chemnitz (früher Karl-Marx-Stadt). Ein neues Licht am Himmel der experimentellen-elektronische Szene, so hofft man. Bürgerlich heißen sie Frank Bretschneider, Olaf Bender und Carsten Nicolai (alle auch Graphiker, der letztere hat es sogar bis zur Documenta gebracht – mit seinem auch anwesenden und viel relaxteren Bruder Olaf). So, man fliegt hin, und dort wartet man in dummen Sälen, kauft Schnaps für irgendeinen Finnen … und man hat ein wenig Zeit zu quatschen. De:Bug: Seid ihr lauter Ossis? Frank: Ich finde keine große Unterschiede. De:Bug: Aber der Hintergrund ist anders. Frank: Ja, aber nur marginal. Mika Vainio (Pansonic, der Finne) erzählte uns, daß er sein ganzes Geld für Platten ausgegeben hätte. Ich habe mein ganzes Geld für Tapes ausgegeben. De:Bug: Die Informationen waren auch in der DDR verfügbar? Carsten: Gerade im Musikbereich war es relativ komplex, die Entwicklungen Eins zu Eins zu erleben. Eine Platte war das Einzige, was man rüberbringen konnte, ohne daß es Probleme gab. Wir sind nach Ungarn gefahren, um Platten zu kaufen. Es war nicht leicht, die Platten zu bekommen, aber es war ein ziemlich offener Markt. Frank: Manche Sachen kamen viel später. Ein wichtiger Unterschied war, daß man nie etwas Live gesehen hat. Carsten: Das Besondere bei uns war eine sehr vitale Jazzszene. Es gab Free Jazz, der ziemlich bekannt war, und das hat uns stark beeinflußt. Olaf: Es war einer der wenigen Wege radikale Musik live zu hören. Jazz-Musik war Kultur, Kunst, und es gab Jazz-Festivals haufenweise. De:Bug: Ihr beschäftigt euch alle drei mit visuellen Sachen. War diese Urszene von der ihr kommt, sagen wir, kulturübergreifend? Carsten: Ja, hundertprozentig. Viele oder alle Musikern waren auch Graphiker oder Filmemacher oder Maler oder sonst noch was. Frank: Ich kenne keinen, der nur eines gemacht hat. Music for Airports. Ich meine, “reale” Flughafenmusik. Dings, Dongs, phantastisch unverständliche Stimmen, eine gewisse, veränderte Weise sich Anweisungen (deine Anweisungen!) zu merken … Schlechtes Essen, keine Rauchersitze … Die Gesellschaft mit dem Kranich fährt abwärts auf dem Bach der Qualität … In der fremden Stadt (Barcelona) angelangt und nach bemerkenswert reibungsloser Gepäckrettung merkt man auch, daß es unter den vielen Deutschen, die hier sein sollten, keine Porter Ricks gibt. Minimales Durcheinander – und man darf in den Minibus steigen. Da der Recorder schon ausgepackt ist, kann man ruhig die Unterhaltung weiterführen, mit gelegentlichen Ausflügen ins Kulinarische, ins Historische, in … ja, normale und menschliche Themen. De:Bug: Wie habt ihr angefangen? Frank: Ich bin der Älteste. Es war so um 1981, da wurde ich von New Wave angeregt, selber Musik zu machen. Zuerst habe ich nur mit normalen Tonbändern Loops gemacht und dann zusammengeschnitten. Dann kam der Kauf eines Synthesizers, ein MS-20, und dann spielte ich in einer Live-Band. Nicht so experimentell, mit Texten und so. Um 1990 stieß Olaf dazu, und wir haben zwei Platten aufgenommen: eine für Amiga und die andere in West Berlin. De:Bug: Wie hieß diese Band? Olaf: AG-Geiger. Es war so ein Ding mit dem wir auch damals multimedial arbeiten wollten. Nicht diese knallharte Rockschiene. Auf der musikalischen Seite war Midi für mich interessant. Damals erschienen die ersten Programme. Wir waren überhaupt nicht interessiert, ein Instrument oder Harmonien zu lernen, und Midi hat ermöglicht, daß wir trotzdem Sachen machen konnten. De:Bug: Und woher kanntest du Carsten? Carsten: Ja, wir kannten uns schon, und ich war in seinem ersten Konzert. Ich mochte AG-Geiger, weil sie einfach die interessanteste Band waren, und weil sie versucht haben, das ganze Zeug von Rock zu entheben. Es war eine ziemlich eigene Landschaft, bildete so ein Kuriosum und war trotzdem sehr erfolgreich. De:Bug: Und wie kamst du (Carsten) an die Musik? Carsten: Die ersten Sachen entstanden, weil ich eine CD für den Katalog einer Ausstellung machen wollte und begann, mit Loops zu experimentieren. Das war 93. Und damals entstand auch die Idee, ein Label zu machen, das diese Art von Musik veröffentlichen konnte. In dieser Zeit haben wir uns verstärkt getroffen und haben begonnen zusammenzuarbeiten. So entstanden Raster und Noto (die schon berühmten Labels). De:Bug: Techno hat euch beeinflußt? Carsten: Was mich ungeheuer beeinflußt hat, war eher die ganze Situation nach der Wende in Berlin. Daß viele Dinge auf sehr kuriosen und verschiedenen Ebenen stattfanden. Es gab diese Wochenenden, als es noch keine Clubs gab in denen etwas passierte, da bist du dann irgendwo gelandet, und es war teilweise unklar, ob das ein Club oder das Wohnzimmer oder der Keller von irgendjemandem war. Es gab ein ungeheuer kreatives Potential und ein sehr offenes Feld. Das hängt auch mit der Techno-Bewegung zusammen und wie die Partys inszeniert oder nicht inszeniert waren … Das fand ich damals ein sehr spannendes Feld und vielleicht ist dies das Manko heutzutage … Es hatte auch viel mit unserer heruntergekommenen Industriestadt zu tun – mit ihren viele Industrie-Brachen … Wir hatten auch die Idee, diese Orte zu benutzen. De:Bug: Die postindustrielle Gesellschaft tanzt in den Ruinen der industriellen. So, und dann waren wir bei diesem ersten, hoffentlich historischen Konzert. Die drei standen in einer Reihe auf einer nicht so imposanten Bühne, ziemlich im Dunkeln und mit kleinen Geräten in den Händen. Hinten lief ein Video, das eigentlich unter einem Kompatibilitätsproblem litt, aber trotzdem abstrakt und böse genug aussah. Es war beeindruckend was sie da lieferten. Sehr dichte, schwer-rhythmische Musik mit ungeheuren Bässen und einer Unmenge merkwürdiger Geräuschen. Kurzgefaßt, wie Kraftwerk dreißig Jahre später sein könnten. (Dazu muß man sagen, Kraftwerk hatten schon die Nacht zuvor gespielt, und es war großartig. Deswegen auch die Referenzen). Immerhin, die Leute, Bekannte und Unbekannte, zeigten zivilisierte aber klare Begeisterung, und es war nicht zu leugnen, daß hier eine sehr interessante Sache begonnen hatte. So, während Farmers Manual ihre technischen Probleme lösen, reden wir ein wenig weiter. De:Bug: Platte und Konzert klingen ziemlich anders, könntet ihr das erklären? Carsten: Signal ist ein sehr, sehr junges Kind … Wir haben es für Sonar speziell vorbereitet. Aber wir dachten daran, von Anfang an eine CD zu machen, die ein bißchen widerspiegelt, was Signal für Inhaltsgründe hat. Es war die Verbindung zwischen drei Persönlichkeiten, drei Handschriften. Die mehr rhythmisch konstruierten Stücke von Frank, die experimentelleren Sachen von Olaf und von mir … Das daraus so ein massives Teil wurde, wußten wir, in der Zeit in der wir den CD gemacht haben, noch nicht. De:Bug: Es gab diesen ständigen aber nicht absolut regelmäßigen Beat … Carsten: Die Struktur der Performance hat sich verändert. Als wir früher Sachen zusammen gemacht haben, bestimmte einer von uns ein Teil und dieses wurde von dem Nächsten abgelöst … so daß alle Handschriften erhalten blieben. Bei Signal laufen zum ersten Mal alle drei Handschriften parallel. Und so ist ein Sound rausgekommen, den wir eigentlich nicht erwartet hatten. De:Bug: Jeder Solo und keiner Solo, wie Miles Davis einmal postulierte? Carsten: Es gab Momente, in denen ich eigentlich nicht wußte, wer da was macht. Für mich war es das fortschrittliche Moment überhaupt, als sich die Musik von den Performern auflöste. Es war vollkommen egal, wer die Musik gemacht hat. Als Marusha noch ihre Sendung hatte, hörte man zwei Stunden dieses anonyme Zeugs. Das fand ich richtig gut und wichtig. De:Bug: Aber die Menschen brauchen auch Performance, und wenn sie sie hier nicht finden, werden sie sie irgendwoanders suchen. Carsten: Es ist doch ein anderer Moment, wenn der Künstler auf einer Bühne steht oder wenn die Sache in einem Club abläuft. Ein Konzert ist nicht abendfüllend, und da gibt es eine andere Intensität und deswegen ist wichtig, daß es mit anderen Dingen, wie Visuals, gekoppelt wird. Das kann man nicht auf CD oder im Club machen. Es ist doch ein Problem der elektronischen Musiker rüberzukommen, zum Teil, weil es vorprogrammierte Sachen gibt und der kreative Faktor nicht so hoch ist wie beim Jazz oder sonstwas. De:Bug: Diese “ständige Kreativität” ist auch teilweise ein Mythos. Die Musiker haben ihre Linien, ihre Solos und ihre Licks optimiert und dann haben sie immer wieder reproduziert. Nur bei den Besten oder unter gewissen Umständen kommt es zu dieser unmittelbaren “Kreativität”. So braucht man sich nicht zu schämen, man muß nur andere Wege erfinden. Was Signal auch versucht. Carsten:Wir wollen eine regelmäßige Raster Musik-Nacht machen, wo Leute ihre Geräte als Instrument spielen können. Aber wir sind keine Musikern im klassischen Sinn. Wir verstehen uns nicht als Musiker. De:Bug: Von Minimalismus ist bei dem Konzert nicht viel übrig geblieben. Carsten: Doch, doch. Olaf: Dieses Signal-Projekt war immer in der Luft. Wir haben es mit Produkt versucht, und Signal hat uns selber überrascht. Und das Gleiche gilt für die Performance. Wir haben diesen Wall of Sound eine halbe Stunde durchgezogen. De:Bug: In eurer Präsentation sprecht ihr von den Futuristen Russolo (ziemlich ruidistisch) und von Minimalismus. Das war schon ein Widerspruch. Carsten: Wenn du dich einmal eingelassen hast, wird es wieder minimal, so fett der Sound auch sein kann. Für mich war es eine erstaunliche Musik. Olaf: Es gibt eine menge Krach, aber du kannst den feinen Strukturen, die am Anfang nicht hörbar waren, folgen. So oder ähnlich funktioniert es bei uns. Auf dem Weg zurück haben wir uns verpaßt. Die Gesellschaft mit dem Kranich hatte ein mächtiges Overbooking, so daß nicht jeder, der es wollte, auch fliegen konnte. Zu Hause wartete ein Haufen Arbeit, so daß wir uns erst bei den Love Parade treffen konnten. Nicht daß man sich an dem russisches Denkmal verabredet hat, aber das Ambiente war unüberschaubar. Trotzdem, es ist ein Tag wie jeder andere, um noch ein paar Zentimeter der Kassette rollen zu lassen. De:Bug: Ihr habt schon viele Bekannte. Und auch nicht Stadt oder Land bezogen. Carsten: Es ist mehr ein Netzwerk. Es gab Verwandtschaften. Touch hat uns viel geholfen, indem sie uns ihre Vertriebswegen geöffnet haben. Aufgrund der Internet-Geschichte ist es leichter, in Kontakt mit Japan zu treten. Es kostet den selben Aufwand eine CD nach Köln wie nach Australien zu senden. De:Bug: Mögt ihr die Love Parade? Carsten: Diese Love Parade berührt unser Leben überhaupt nicht. Offensichtlich ist es etwas völlig anderes, womit wir uns beschäftigen. De:Bug: Aber es sind viele Menschen, von denen einige euch später hören werden, vielleicht in ein paar Jahren. Olaf: Das sind theoretische Fragen. Carsten: Und wir beschäftigen uns mit unmittelbaren Fragen. Dem Projekt in dem wir arbeiten. Oder mit dem nächsten, das wir machen werden. Frank: Niemand von uns war DJ, und wir kommen eher von Throbbing Gristle oder Cabaret Voltaire. Wir haben die Techno-Bewegung beobachtet. De:Bug: Auf so einer Party habe ich Underground Resistance live gesehen. Und man konnte das nicht nur beobachten. Das war wichtig, nicht nur, aber gerade in diesem Kontext. Carsten: Was Techno bewirkt hat, ist, daß eine Menge Leute die elektronische Musik als Musik akzeptiert haben. Da wurden Strukturen geschaffen. Das muß man vielleicht dem Techno danken. Olaf: Es war tatsächlich eine Neubewertung der instrumentellen Musik. Man konnte auf Stimmen verzichten. Und dann kam Aphex Twin und Ambient hat sich entwickelt. Ich denke, es ist ganz logisch, wie es jetzt ist. Andererseits ist eine Bewertung dieser neuen Musik ziemlich schwer. Wie entscheidet man, daß eine Mego Platte gut oder schlecht ist? Man kann die Radikalität bewerten … aber an sich … Carsten: Es ist vielleicht ein Gefühl … Olaf: Ja, der innere Gefühl jedes Einzelnen. ZITATE: Die postindustrielle Gesellschaft tanzt in den Ruinen der industriellen.

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Elektronische Lebensaspekte.