Jetzt ist es raus. Hawaii liegt in Wisconsin. Dort, im schönen Milwaukee, sitzt Erik Kowalski aka 'Casino Versus Japan‘ am Vierspurgerät und entwirft Popmusik, irgendwo zwischen HipHop, Gitarre, flirrenden Melodien und LoFi. Einen besseren Titel als 'Go Hawaii‘ hätte er seiner aktuellen LP nicht geben können. Ab also. Go Hawaii indeed!
Text: René Markgraff aus De:Bug 46

Hurrah! Komm rein, setz dich, mach es dir bequem!
Casino Versus Japan
’Late for school’ heißt ein Track auf ’Go Hawaii’ von ‘Casino Versus Japan’. Irgendwie spät dran, das trifft hier auf jeden Fall zu. Denn ’Go Hawaii’ erschien bereits Ende 1999 auf dem amerikanischen Label Wobblyhead. Erst Mitte 2000 verirrten sich ein paar wenige Kopien der CD nach Deutschland. Viel zu wenigen hat dieses Album dann, das es dummerweise auch nur 1000 Mal als CD gab, den Sommer versüßt. Spät dran ist aber noch nicht zu spät und Schule hin oder her, kapiert hat es dennoch jemand: City Centre Offices veröffentlicht ’Go Hawaii’ gerade erstmals als Doppel-LP. Als ich den 27jährigen Erik Kowalski anrufe, ist es bei ihm gerade Mittag. Unser Gepräch sei sein erstes Interview überhaupt, sagt er. Beim mehrmaligen Abhören der Minidisc mit dem Interview fällt mir auf, wie Erik stutzt, als ich ihn zunächst nach dem Wetter befrage. Ein paar seiner Gitarrenakkorde klingen ja wirklich nach Südsee, aber wieso dieser Palmen und Sandstrand assoziierende Titel ’Go Hawaii’? “Als ich die Songs für das Album aufnahm, befand ich mich in einer sehr sonnigen Zeit meines Lebens. Es war sehr warm und ich hatte dieses Sommergefühl. Ich dachte: ’Wow, in Hawaii ist es so 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr.’ Mir gefiel dieser Gedanke von Wärme und Sonne, diese positive Atmosphäre. Ich habe echt genug von depressiven und traurigen Dingen, weil ich einen Großteil meines Lebens schon in dieser Atmosphäre verbracht habe.”
Das kann man erahnen, wenn man Casinos Debutalbum, erschienen vor mittlerweile drei Jahren, mit “Go Hawaii” vergleicht. Herr Kowalski entwickelte seine Musik weg von den langsamen, dronigen Tracks des Erstlings, hin zu etwas schnelleren, melodiösen Tracks mit Panoramafeeling. Aus kränklich wie in kranky wurde strahlend wie in freundlicher Sonnenstrahl (ohne Hautkrebsrisiko). Ob ihr dazu dann aufs Meer vor Hawaii starren könnt, ist nicht so wichtig, denn zum Blick in den sommerlichen Sternenhimmel auf Balkonien sind diese Tracks genauso geeignet.
Zu verdanken haben wir diese wunderbare Entwicklung der Technologie … doch, nein, nur Menschen, die seine Musik noch nicht gehört haben, werden eventuell denken, dass jetzt Wunderbericht 5000 über Programm XY auf einem Powerbook kommt. Woher kommt der Wandel im Casino versus Japan Sound? “Ich nehme schon seit 1996 Musik auf, zu Hause auf einem 4-Spur-Rekorder”, erzählt Erik. “Ich hörte viele Gitarrensachen, außerdem hatte ich zu dieser Zeit keinen Computer oder Sequenzer und nahm daher Spur für Spur auf. Vor allem gefielen mir damals mehr dronige Sachen. Meine Musik bestand eher aus Atmosphären und das erste Album fasst diese früheren Sachen von mir zusammen. Es ist vielleicht ein etwas überambitioniertes Album, sehr lang und geht dann immer noch weiter. Ich mag das Album noch immer, aber es ist definitiv ein Debütalbum. Bei ’Go Hawaii’ hatte ich dann einen Computer und ein paar Midiprogramme und ich begann von Popsongstrukturen besessen zu sein, ’Wow, Popmusik!’ Popsongs!, Popsongs!, kurze Songs, upbeat, irgendwie happy und ich hatte soviel Spaß, was für diese Zeit generell gilt.” Auffällig sind die Melodien, die Erik Kowalski übereinander schichtet. Selten sind es komplexe, lange Tonreihen, meist einfach mehrere ineinandergreifende, repetive Drei- bis Viertonmelodien. “Es gibt soviel Musik, die sich auf einen beider Aspekte konzentriert, das ist sicherlich auch super. Für mich persönlich sind es aber die Melodien und Popstrukturen, die mir viel bedeuten.” Mit der Kombination von richtigen Instrumenten wie Gitarre und der Elektronik scheint gerade ein neuer Minitrend in der Elektronika ausgebrochen zu sein. Hurrah! Komm rein, setz dich, mach es dir bequem! Neben ’Tides’ von Arovane, der Manual-LP auf Morr Music und Savath & Savalas ist Casino Versus Japan hier bestens aufgehoben. Erik kennt die Kombination von Elektronik und Liveinstrumenten auch von seinen Erfahrungen bei dem Projekt ‘Charles Atlas’ und kündigt an: “Ich möchte ein ganzes Album mit Liveinstrumenten wie Gitarre, Bass, Drums und Keyboards aufnehmen., denn ich arbeite ständig mit Drumcomputern und Keyboards. Mich reizt dieses ’organischere’ Arbeiten auch sehr.”
Erik ist zurückhaltend, wenn es um seine Musik geht. Anders ist das, wenn er nach Lieblingsplatten und Einflüssen gefragt wird, hier wird er gerne etwas ausführlicher: “Ich arbeite seit acht Jahren in einem Plattenladen, das setzt mich sehr verschiedenen Einflüssen aus. Manchmal ist das echt arg, denn es gibt soviel Musik und vieles begeistert mich. Ich bin sehr oft beeindruckt von dem, was andere mit Musik und Technologie machen. In letzter Zeit höre ich aber vor allem Bigbandmusik aus den 1930/40ern. Diese Musik aus einer Zeit vor Technologie und Rock’n’Roll. Ich bin – was das angeht – eine sehr nostalgisch denkende Person…. Außerdem höre ich natürlich viel neues elektronisches Zeug. Ich bin ich ein großer Arovane-Fan. Ich liebe seine Sachen wirklich. Und Wunder auf Karaoke Kalk, diesem Superlabel.”
Und auf was dürfen wir uns denn als nächstes freuen? Klonk, da war sie wieder, die nette Bescheidenheit. “Im Moment befinde ich mich in einer komischen Phase. Ich stecke irgendwie fest. In einer Sekunde mag ich meine neuen Tracks, in der nächsten finde ich sie doof. Aber wahrscheinlich denke ich einfach wieder zu viel nach und sollte die Songs lieber einfach aufnehmen.” Definitiv. Und während Erik Kowalski im Plattenladen sitzt und nachdenkt, bringt Wobblyhead Ende März eine 10″ mit zwei neuen Stücken raus. Erwähnt hatte er das natürlich nicht.

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Elektronische Lebensaspekte.