Die repetitive Tanzmusik fläzt seit Jahren im Sessel und konsolidiert. Cassy zeigt im Panoramabar-Mix, wie Nuancen ausgelotet und vershuffelte Arabesken gemieden werden: Mit heiterer Gelassenheit geradeaus gehen, obwohl da gar kein Platz mehr ist.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 105

HOUSE

Froh mit Minimal
Cassy baut ein Set

Nachdem Vorwärtsstürmen schon seit Jahren nicht mehr erste DJ-Pflicht ist, häufen sich die nervösen Zuckungen hinter den Decks: Plötzlich gilt es, sich im Raum zu positionieren statt links oder rechts des vermeintlichen Pfeils einer scheinbar klar markierten kulturellen Entwicklungslinie. Und wenn man sich ein Plätzchen auf der Fläche ausgesucht hat, fällt der Blick auch noch unweigerlich auf das weite Historienpanorama. Verdammt unübersichtlich das alles, einerseits sind Verfeinerung und Rekombination das zwingende Gebot der Stunde, andererseits werden dadurch viele Sound-Kanons immer enger definiert. Konsistenz wird in so einer Situation ganz schnell zum Trip in die Wüste. Auf der anderen Seite der Vierviertel-Skala lauert unterdessen der Eskapismus-Dschungel, ebenfalls unpackbar groß, nur eben kleinteilig mit Klang-Mutationen aller Couleur vollgestellt.

Euphorie-Option wahren
Eingeklemmt zwischen den Verlockungen des unendlichen Beat-Potentials einerseits und der orthopädisch bedenklichen Gradlinigkeit andererseits, werden in der Branche gerne die Nerven weggeschmissen und stilistische Unsicherheiten anschließend durch Rollenspiele im Club kompensiert. Der DJ verkommt dann entweder zum Alphatier-Raver oder aber als ambitionsloser Dienstleister. Erfrischend wirken in dieser Situation ausgerechnet die Zunftvertreter, die sich in der Schwebe halten, intuitives Patchwork an den Decks, das die absurd strengen Sub-Sub-Genre-Ghetto-Regeln kennt und je nach Bedarf befolgt oder geflissentlich ignoriert. Genau diese Club-Frische repräsentiert die zweite Mix-CD der Berliner Panorama-Bar auf dem Disko-eigenen Ost-Gut-Label, für die Resident Cassy (Britton) verantwortlich zeichnet: mit freundlicher Gelassenheit nach vorne schieben, diskret Albernheiten zelebrieren, Tanzflächen-Euphorie ohne hysterischen Anlauf erzeugen.

Standbeinarbeit
Cassy zeigt im Mix Berliner Minimal-Schule, nennt sie allerdings House und schwebt damit in die flockige Unendlichkeit der Panoramabar-Nächte: “Irgendwann habe ich beschlossen, dass ich mir keine Gedanken machen sollte, und einfach die Platten aufgelegt, die ich mag”, heißt die in diesem Fall schlüssige Übertragungsweise vom Club auf die CD. Dabei kommt auch eine Eigenproduktion zum Einsatz: Der erste Release auf dem schlicht “Cassy” getauften Label, mit dem Frau Britton nach Produktionen für Mental Groove oder Perlon den Klangkreislauf vom Studio über das Vinyl auf die Plattenspieler lückenlos selbst erkunden will. Eine Sound-Konstante im Studio ist Cassys Stimme, die in Form eingängiger House-Hooks oder als Sample-Schnipsel zum Einsatz kommen kann, außerdem bricht Cassy die Genre-Coolheit durch störrisch-schmalzige Zutaten: “Auch etwas Idiotisches erzeugt Wärme, die ich bei aktuellen Tracks oft vermisse: weil es Blöße zeigt.” Innovation ist für Cassy, die es vor einigen Jahren aus Wien nach Berlin gezogen hat, dabei derzeit kein relevantes Parameter: “Ich finde abgesteckte Terrains interessant. Ich mag gar nichts Neues machen, ich kann höchstens etwas besonderes machen. Wen interessiert schon Neuland? Ich esse ja auch gerne immer wieder Wiener Schnitzel.”

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Elektronische Lebensaspekte.