Die Macher des "Dandy Diary" im Gespräch
Text: Lea Becker aus De:Bug 160

Mit dem weltweit ersten Fashion-Porno sorgte der Männermode-Blog “Dandy Diary” bei der Berlin Fashion Week für den größten Gesprächsstoff. Die beiden Männer dahinter, Carl Jakob Haupt und David Kurt Karl Roth sind stets auf Effekte aus, nebenbei sorgen sie derzeit aber auch für die hochkarätigste und außergewöhnlichste Auseinandersetzung mit Männermode im deutschsprachigen Raum. David spricht mit uns über seinen Ausflug in die Pornoproduktion, über Fashion-Blogging nach dem Hype, Frauenfußball und intelligente Modekritik im Neuköllner Jugendzentrum.

Debug: Ihr überschreitet oft und gerne Geschmacksgrenzen, oder?

David Kurt Karl Roth: Ja, das ist uns bei Dandy Diary sehr wichtig. Bei einer unserer ersten Aktionen habe ich mich von einem Kumpel vollscheißen lassen, um zu zeigen, dass Shirts mit tiefem V-Ausschnitt beschissen sind. Vor kurzem habe ich mir eine Wunderkerze in den Arsch schieben lassen, um den Geburtstag von Jakob zu zelebrieren.

Debug: So eine starke Bildlichkeit kommt der Mode durchaus entgegen. Seid ihr denn das Jackass der Modeberichterstattung?

David: Das Schöne an der Mode ist, dass man recht einfach Prognosen geben kann. Du kannst einfach sagen, dass etwas cool ist und etwas anderes nicht mehr cool sein wird. Immer verzweifelt nach der Tiefsinnigkeit der Mode zu suchen, tut gar nicht not, Mode kann auch so spannend und unterhaltend sein. Bei Dandy Diary gehen wir deshalb über den gängigen Kollektionsbericht hinaus, so etwas interessiert eh niemanden. Wir beleidigen lieber und stellen starke Thesen auf. So kann man viel schneller und besser Leute gewinnen, als durch hochprofessionellen oder pseudoprofessionellen Modejournalismus.

Debug: Eure klotzige, unvermittelte Schreibweise hat etwas Poetisches. Wie würdest du euren Stil charakterisieren?

David: Bei Dandy Diary nutzen wir eine sehr klare, festlegende Sprache. Wir haben uns vor einigen Monaten zudem dazu entschieden, keine Kommentare mehr zuzulassen, um damit zu zeigen: “Das ist unsere Meinung und die steht fest.” Das zieht sich als Leitfaden durch alle Texte. Wenn wir sagen, dass eine Hose cool ist, dann ist die Hose cool. Die Kommentare unter Modeblogs sind zu 90 Prozent einfach Bullshit, da kommt nie ein echter Diskurs zustande, außer: “Die Hose finden wir klasse.” Aber wir sind gar nicht daran interessiert, ob irgendwer die Hose klasse findet oder nicht. Wir finden sie ja toll und das reicht schon.

Debug: Lass uns über euren Pornofilm reden. Wie habt ihr die beiden Darsteller gefunden?

David: Unser Kameramann Alejandro Bernal hat per Craigslist nach einem heterosexuellen Pärchen für Erotikaufnahmen gesucht. Es haben sich dann mehrere Paare gemeldet, von denen wir uns zwei angeschaut haben. Wir hatten ein sehr teures Studio gebucht und Angst, beim Dreh dann mit diesem Pärchen da zu sitzen und es stellt sich heraus, dass die nicht ficken können. Beim Casting hat sich deshalb irgendwann herauskristallisiert, dass sie schon da vor uns ficken mussten. Das war für alle Beteiligten unglaublich kräftezehrend. Diese Erfahrung war aber produktiv, im Studio hat dann alles sehr gut geklappt. Das Casting hat übrigens auf meinem Bett stattgefunden. Ich musste meiner Freundin versprechen, dass ich es danach wegwerfe, was ich auch getan habe. Im Moment schlafe ich auf einer ganz schlechten Matratze.

Debug: Ihr habt mehrmals geäußert, mit dem Porno die Werbestrategien der Modebranche kritisieren zu wollen. Wie darf man das verstehen?

David: In der Geschichte der Mode hat Sex immer schon eine wichtige Rolle gespielt, auch in der Markenwerbung. Der Akt wird immer wieder angedeutet, teilweise subtil, teilweise weniger subtil. Aber er wird nie wirklich ausgeführt. Wir gehen einen Schritt weiter, der sexuelle Akt wird bei uns ganz klar und “hart” gezeigt. Aber die ganze Ästhetik ist trotzdem stark angelehnt an die Modebranche und die Filme, die dort zur Markenpositionierung seit zwei oder drei Jahren sehr populär sind. Wir fangen beim Sex an und hören bei der Kleidung auf, deshalb beginnt der Film mit dem Cumshot und endet mit dem angezogenen Paar. Zwischendurch blenden wir auch immer wieder die Namen der Hersteller ein. Obwohl wir eigentlich nur ganz normalen Sex zeigen, wurden wir infolgedessen zu den härtesten Modebloggern der Welt erklärt, unser Server brach zusammen, der Film wurde gesperrt und ist jetzt in leicht zensierter Version auf der Website einer dänischen Tageszeitung zu finden.

Debug: Ein anderes Video-Format von Euch nennt sich “Judgement Day”. Da hast du zum Beispiel ein Altersheim, ein Schlachthaus oder eine Grundschule besucht und die Menschen dort deine Outfits beurteilen lassen – ein ziemlich gelungenes Konzept. Fühlst du dich bei den Dreharbeiten nicht ziemlich ausgeliefert?

David: Vielen Dank für das Lob! Judgement Day liegt mir wirklich am Herzen. In erster Linie geht es dabei um Unterhaltung, daher zeige ich natürlich auch meine extremsten Outfits und wünsche mir auch, dass die Urteile hart ausfallen. Manche Reaktionen sind aber auch überraschend: Als wir in einem Jugendzentrum in Neukölln gedreht haben, habe ich ganz platt gedacht, dass die mich richtig fertig machen werden. Doch die Herangehensweise der Jugendlichen an die Mode war tatsächlich sehr interessant und intellektuell. Mein Outfit damals war fast komplett durchsichtig und dazu habe ich einen Hut mit Kreuzen getragen. In den Reaktionen wurde dann lange über die Wechselwirkungen zwischen religiös und transparent gesprochen.

Debug: Das eigentliche Konzept von Fashion-Blogging besteht doch darin, Mode zu demokratisieren. Verstehst du die Einbeziehung dieser Meinungen von Leuten, die eben keine Experten sind, in diesem Sinne?

David: In der Theorie ist es so, dass man mit Mode immer kommuniziert, aber die Frage ist eigentlich, was das Gegenüber interpretiert. Um diesen Aspekt der vielschichtigen Kommunikation und Interpretation von Mode geht es mir, Demokratisierung war nicht unbedingt der Grundgedanke. Blogs sorgen nicht für Demokratie, auch Modeblogs nicht. Aber sie sorgen sehr wohl für eine Demokratisierung, weil man in den Jahrzehnten davor nur Printmagazine als Meinungsmacher hatte, die in totaler Abhängigkeit zur Industrie stehen. Mit Modeblogs kann man auf einmal Meinungen repräsentieren. Allein dadurch wird es schon demokratischer. Aber auch Dandy Diary ist nicht gänzlich unabhängig.

Debug: Wie sieht euer Umgang mit dieser Abhängigkeit aus?

David: Wir schreiben etwa im Vorfeld einer Fashionweek darüber, zu welchen drei Shows man auf keinen Fall gehen sollte. In einer Branche, in der immer nur gesagt wird, was toll ist und wie schön die Shows waren, ist allein das schon eine Provokation.

Debug: In einem Zeitungsartikel hat dein Kollege Jakob über “kleine, bloggende Mädchen” geschrieben, die sich “für eine Champagnerflasche prostituieren”.

David: Es gibt schon eine ganze Generation von Modebloggerinnen, von denen wir uns abgrenzen wollen. Andererseits gibt es durchaus sehr professionelle Kolleginnen wie Les Mads, I Love Ponys und Jane Wayne. Bei dieser Champagner-Geschichte wurde mir damals angeboten, dass man mir eine Flasche schenkt und ich mich im Gegenzug damit auf irgendwelchen Bildern lustig präsentiere. Da habe ich mich echt gefragt, was das für ein Verständnis von Modeblogs ist. Ich dachte, das kann nicht deren Ernst sein! Ich kann mir die Champagnerflasche auch einfach alleine kaufen und dann brauch ich keine Fotos davon machen.

Debug: Für Gästelistenplätze oder Champagner ganze Artikel zu schreiben ist also nicht drin. Die Industrie scheint das bisher aber noch nicht begriffen zu haben, oder?

David: Ich bin innerlich oftmals völlig aggressiv wegen solcher Anfragen. Der lustigste Höhepunkt war, dass man mich zum Frauenfußballspiel Nigeria gegen Deutschland eingeladen hat. Da sollte ich dann in der Halbzeitpause das Handy von der Marke, die mich eingeladen hatte, in die Kamera halten. Wir sind ein Männermodeblog, was interessiert mich Frauenfußball? Ganz unabhängig von Mode ist Frauenfußball einfach das Schlimmste, was es gibt! Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich dieses Verständnis der Industrie verändern wird. Es gibt moderne Unternehmen wie H&M und Burberry, die mit Bloggern zusammenarbeiten und das Potenzial von Modeblogs erkennen, aber der Großteil hinkt da noch immer hinterher. Saison für Saison werden in Magazine, die kein Schwein interessieren, zehntausende von Euros für Anzeigen gesteckt, nur weil der Chef sich das anguckt und denkt, “Mensch, das ist ja aus Papier”.

http://www.dandydiary.de

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