Seinen Namen hat er der Romanfigur aus "Fänger im Roggen" entlehnt. Und in der Tat packt der Bremer Caulfield so subtile wie juvenile Melancholie in seine Housetracks. Eine Discolounge mit Fenstern, um einen Regentag zu genießen.
Text: anett frank aus De:Bug 56

Pop macht der Hörer
Der Mann in Bremen hat kein Handy und bis dato auch keinen Anrufbeantworter, und das ist alles erträglich, wenn man nicht unbedingt über sein neues Album “Longing” auf “Esel” schreiben möchte und das Telefoninterview vergeigt ist und man sich auf die gute alte Post verlässt. Aber das alles ergibt auch einen Sinn, wenn man weiß, das sich Caulfield seinen Namen von der Romanfigur aus “Fänger im Roggen” von J. D. Salinger entliehen hat. Im Roman rebelliert der Protagonist gegen die Verlogenheit der spießbürgerlichen amerikanischen Gesellschaft, und sein Traum von einer Welt ohne Krieg wurde zum Traum einer ganzen Generation (und zum Albtraum aller, die jemals “Hair” sehen mussten). Er weiß nicht so recht, was er in seinem Leben anfangen soll und spiegelt damit ein Problem wieder, dem sich Heranwachsende jeder Generation aufs Neue stellen müssen. Sensibilität und Gefühlsverwirrung vermag sich hinter seiner coolen Fassade nur unzureichend zu verbergen. Frei nach dem Motto: “Ein Esel ist doch wenigstens menschlich.” Doch das nur am Rande.

Rückzug auf die Innerlichkeit
Wenn die subtile Melancholie in den Raum schwebt, dann ist Caulfield mit seinem leicht sentimentalen, harmonischen, entspannenden, aber auch glamourösen Sound nicht weit. Doch hier geht es weder um Schwermut noch um Trübsinn. Bei Caulfield aka Torsten Meichsner ist es eben so, dass eine feine melancholische Stimmung eine Menge Inspiration veräußert. “Melancholie bedeutet für mich nicht unbedingt eine absolute Traurigkeit, sondern eher ein natürliches, fast notwendiges Lebensgefühl, aus dem man sich auch wieder herauszieht.” Esel sei Dank bleibt dieses Lebensgefühl nicht unerhört, sondern zeigt seine schluffige, warme und auch verspielt naive Seite auf dem Bremer Label. Sehr solide und freundlich umschmeichelt es seine Tracks. Mit sachtem Groove gestaltet er intelligent und feinfühlig flächendeckende, melodische Harmonien.
Wenn man sich Caulfield Platten kauft, dann ist da immer auch ein gewisser Hang zum Pop mit dabei. Das meint aber nicht unbedingt die Anlehnung an abgedroschene Songstrukturen, sondern artikuliert sich im Aufmerksamkeitsfokus der Rezipienten. Sei das Label auch klein, es präsentiert mit nahezu jedem Ausstoß norddeutsche Perlen wie bspw. Caulfields letzte, “Quirrl”, mit Leichtigkeit und seinem Hang zum leicht verspielten Pop oder auch “Clochard” auf der Compilation mit dem lustigen Memory-Cover (Esel 10).

House ohne Reue
Caulfield dazu: “Ein gewisser Popcharakter ist, nach meinem Verständnis von Pop, in vielen Stücken vorhanden, meist immer von einem reduzierten Gewand umhüllt. Die reduzierte, tiefe (Tanz-)Musik wird ja von einigen wahrgenommen und ist dann auch populär.” Und diese Popambitionen werden wohl auch nicht so leicht verfliegen, denn Caulfield ist bei zukünftigen Produktionen geneigt, sie durch Gesangseinlagen noch mehr zu betonen.
Doch bleiben wir beim Album. Caulfield bestückt Esel mit einer weiteren House-Variation. “Longing” ist als 12te (!) Esel ein Arrangement von Tracks, die aus einer meist traurigen Stimmung heraus entstanden sind, aber trotzdem nichts und niemandem etwas Böses wollend in der Stube funktionieren und das Tanzbein schwingen lassen.

Konversation Review
Ich unterhalte mich ja immer ganz gerne über die einzelnen Stücke. So auch hier. Das vierte Stück wirkt ungewohnt und reduziert. Ein fast schon brachiales Lied, blubbernd gefiltert und klingend verspielt mit rauschendem Applause. Oder Stück sechs. Nebst flächig gestörten, soften, tiefen Bässen ist man gerade aus dem Ultraschall-Raum des Hinterstübchens rausgesprungen, um es sich in der groovigen Lounge gemütlich gut gehen zu lassen. Caulfield sagt, dieses Stück ist für ihn “die Discolounge mit Fenstern, um einen Regentag zu genießen.” Mit zunehmender Spieldauer werden die Tracks immer aufgeweckter. Der siebte Track ist bezaubernd smooth und strömt entspannt rhythmisch – “der Song mit der Zeitlupenkaribik”. Charmant und schön, wie dieses Album generell sowohl vom abwechslungsreichen Arrangement als auch vom Trackaufbau her ist. It`s from the heart.

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Elektronische Lebensaspekte.