Der von der Industrie herbeigesehnte Kopierschutz für Audio-CDs geht in die nächste Runde. Im Sony-Presswerk DADC im sonnigen Österreich wurde "key2audio" weiter entwickelt, das CDs aus Rechnern direkt wieder ausspucken soll. Und auch die BMG tüftelt an neuen Konzepten, die im Königreich auf der Insel zunächst an Musikjournalisten ausprobiert werden sollen. Wenn das mal nicht nach hinten losgeht.
Text: anton waldt aus De:Bug 60

Eine CD ist eine CD ist keine CD

Musik-CDs mit Kopierschutz, der das Abspielen am PC oder Mac verhindern soll, sind seit rund drei Jahren im Umlauf und bis vor kurzem sah es so aus, als würde die Musikindustrie dabei nichts weiter als eine endlose Reihe von Flops produzieren, denn die Systeme versagten massenweise bei ihrer eigentlichen Aufgabe und ließen dafür teilweise das Abspielen an regulären CD-Playern nicht zu. Inzwischen hat allerdings Sony sein System “key2audio”, das noch im letzten Sommer im De:Bug-Test gnadenlos unterging, so weit verbessert, dass es ziemlich zielgerichtet seinen Job macht, was aber die Käufer der CDs nicht unbedingt erfreut – was Sony widerum nicht wahrhaben will: Laut der Sony-Tochter DADC, die das System entwickelt und eines der größten CD-Presswerke Europas betreibt, haben sich bisher nur 0,025 Prozent der key2audio-CD-Kunden (via Hotline) über Fehlfunktionen oder Probleme beschwert. Das Unternehmen geht jetzt davon aus, dass dies alle unzufriedenen Kunden waren und ignoriert dabei, dass wohl kaum ein CD-Käufer sich die Mühe machen dürfte, wegen einer CD, die Mucken macht, extra zum Telefonhörer zu greifen.

Die Lachnummer
Der Major-Kollege BMG, der auf die längste Flopgeschichte zurückblicken kann, aber seinen Kopierschutz auch nicht selbst entwickelt, hat unterdessen eine ganz neue Erprobungsstrategie ausgetüftelt: Nachdem BMGs letzter Anlauf für kopiergeschützte CDs in Großbritannien im letzten Herbst zu zahlreichen Verbraucherprotesten führte und schmachvoll vom Markt genommen werden musste, werden jetzt erstmal nur noch Kritiker mit kopiergeschützten Promotion-CDs beglückt. Damit will BMG einerseits verhindern, dass Stücke schon vor der offiziellen Veröffentlichung im Netz kursieren, andererseits sollen neue Verfahren getestet werden, ohne die Entrüstung der Verbraucher zu provozieren. BMG will diesmal auch nicht verraten, auf welche Technologien es bei den Versuchen mit den Promo-CDs setzt. Die Entrüstung der Kritiker ist dem Major allerdings trotzdem gewiss und diese könnte sich durchaus auch medial niederschlagen und so die öffentliche Blamage sogar noch potenzieren.

Die ganz dreiste Tour
Sony DADC kann unterdessen auf der Basis einer einigermaßen funktionierenden Technologie (deren Funktionieren aber immer noch vom Laufwerk abhängig ist und nach wie vor eine gewisse Ausfallquote hat) schon einen Schritt weiterdenken und tut dies auch, allerdings auf ziemlich verschlungenen Wegen, die wohl nur ein weltweit operierender Konzern zuwege bringt. Um Konsumenten, die eine CD regulär erwerben, trotzdem das Anhören auf dem PC oder Mac zu ermöglichen, bietet Sony DADC den Download-Service “esquare4u” an, zu dem Kunden über einen individuellen Code, der sich auf der CD findet, Zugang bekommen sollen. Laut Sony DADC entstehen dem “Durchschnittskonsumenten” dabei eigentlich keine Extrakosten, da dieser sowieso über einen Breitbandanschluss mit Flatrate verfügen soll. Und durch die einfache Handhabung soll der Kunde auch keinen ernstzunehmenden Zusatzaufwand in Kauf nehmen müssen, wenn er via “esquare4u” Musik auf seinen PC lädt. Die Frage, auf wie vielen der über 11 Millionen verkauften CDs mit “key2audio” der Hinweis auf die “esquare4u”-Seite zu finden ist, will Sony DADC mit dem Verweis, dass der Einsatz dieser Option Sache der Kunden (Plattenlabels) ist, nicht beantworten. Selbstredend ist Sony Music einer der größten Kunden von Sony DADC, aber in bestimmten Fällen wollen einzelne Konzernteile offensichtlich nicht allzuviel miteinander kommunizieren. Genau dies wird auch bei einem anderen pikanten Detail deutlich: Sony DADC stellt neben Musik-CDs mit Kopierschutz auch CD-Rs in ähnlichen Mengen her, die von der Musikindustrie gemeinhin als eine Hauptursache für Umsatzrückgänge angesehen werden. Das Unternehmen weigert sich allerdings hier einen Widerspruch zu erkennen.

Bange machen gilt nicht
Eine weitere Anekdote zum Thema hat unlängst eine US-Sprecherin von Sony Music geliefert: Sie behauptete, dass die neue “key2audio”-Version nicht nur das Abspielen am PC oder Mac verhindert, sondern die Rechner sogar abstürzen lässt. Und angeblich sollte ausgerechnet das neue Album von Celine Dion (“A New Day Has Come”) mit dem Killerkopierschutz ausgestattet sein. Nach eingehenden Tests, die wegen Frau Dions Organ kein Zuckerschlecken waren, bei denen sich aber kein einziger Rechner bequemte abzustürzen, ist wohl klar, dass Sony mit den Aussagen offensichtlich nur unbedarfte Konsumenten davon abhalten wollte, auch nur den Versuch zu unternehmen, die CD am PC abzuspielen.

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Die Musikindustrie macht ernst: Dieses Jahr kommt der Kopierschutz für Audio-CDs. Testmarkt wird dabei interessanterweise Euroland. NSYNC macht's vor, alle anderen ziehen nach? De:Bug hat schon mal mitgetestet.
Text: janko röttgers | janko@debug-digital.de aus De:Bug 51

Praxistest

Im Herbst kommt der CD-Kopierschutz

Auch gewagte Wortspiele erregen Aufmerksamkeit. Das zunehmende Kopieren von Audio-CDs mit dem heimischen Brenner habe zu einem Flächenbrand geführt, erklärte der Vorsitzende des deutschen Phonoverbandes Kurt Thielen Anfang Juli der Süddeutschen Zeitung. Anlass dafür waren neue Marktforschungszahlen, die nahe legen, dass jede dritte Audio-CD in Deutschland eine selbst gebrannte ist. Pünktlich zur Popkomm machen jetzt deshalb die Plattenfirmen ernst: Mit Kopierschutztechniken für Audio-CDs soll die Zahl der selbst gebrannten Silberlinge drastisch reduziert werden.
Einzelne Tests solcher Verfahren gab es schon in den letzten Jahren, doch nun wird der massenhafte Einsatz geprobt. Den Vorreiter macht dabei Thielens eigene Plattenfirma Zomba Records. Seit Anfang Juli bringt der “größte Indie” in Deutschland nur noch kopiergeschützte CDs auf den Markt. Dazu bedient sich die Firma einer Technik namens “Key2Audio” aus dem Hause Sony, die auf der Popkomm 2001 vorgestellt wird. Sonys Angebot an die Labels: Wer CDs in ihrem österreichischen DACD-Presswerk bestellt, bekommt gegen Aufpreis gleich auch noch einen Kopierschutz dazu.
Zu den ersten ausgelieferten Platten mit Key2Audio gehörten die neue Single und das neue Album von NSYNC. “This CD is not playable on computers”, heißt es schön unauffällig auf Covers der beiden Veröffentlichungen. Neben NSYNC, den Backstreet Boys und Britney Spears hat Zomba über seine Sublabels aber auch Oval, Mouse on Mars und Jimi Tenor im Angebot. Sind deren kommende CDs für MP3-Freunde nun Tabu, weil sie sich nicht mehr auf die Festplatte bannen, mit dem MP3-Walkman rumtragen oder ins MP3-DJ-Set einbauen lassen? Allein die Vorstellung ist Grund genug, mal einen genaueren Blick auf Key2Audio zu werfen.
Zunächst heißt das, eine CD mit Key2Audio zu erstehen. Ein bisschen komisch kommt man sich ja schon vor. Bei Saturn in der Schlange, vor dir zwei Kids mit einer Air-CD und in der eigenen Hand die neue NSYNC. Celebrity. Jungs in hässlichen Anzügen, kreischende Mädels, billiger Glamour. Aber was soll’s, Test ist Test. Und sich mit so etwas bemustern zu lassen ist wohl noch viel peinlicher. Also schnell mit dem Cover nach unten auf den Tresen gelegt, bezahlt und nix wie weg.
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Für den ersten Test müssen ein paar CD-Player inklusive teurer Mix-Konsolen herhalten, denen der Kopierschutz nichts ausmacht. Pop plärrt aus den Boxen. Nicht weiter schlimm: wenn der erste Titel des NSYNC-Albums nicht auch noch “Pop” hieße. “Uhouuuuhuuuhouuuu.” Für eine Sekunde kommt da schon mal der Gedanke auf: Immerhin kopiergeschützt. Pop hinter Gittern, sozusagen. Aber weiter im De:Bug-Testparcours-Büro.
In dem stehen natürlich auch jede Menge schicke iMACs rum. Wie reagiert also so ein MAC auf eine kopiergeschützten CD?

Mac: Einfach ein wenig warten
Der Mac ist erst einmal irritiert und macht ein paar Sekunden gar nichts. Dann meldet er sich mit ein paar Fehlermeldungen. Schlägt vor, die nicht erkannte CD doch fix zu formatieren. Danke, so schlimm ist sie nun auch wieder nicht. Einfach abspielen würde schon ausreichen. Also die MP3-Software Soundjam angeworfen, und siehe da: Alle Tracks lassen sich problemlos wiedergeben. Auch das Rippen und Umwandeln ins MP3-Format macht keine Probleme. Ein großartiges Sicherheitssystem. Danach noch ein Test mit dem neuen iBook und Apples iTunes-Software. Auch hier lässt sich die CD nach ein paar Mausklicks nutzen, als hätte sie gar keinen Kopierschutz. Wenn hacken doch immer so einfach wäre.

PC: Mit ein paar Tricks geht’s
PCs dagegen bereitet die Scheibe tatsächlich einige Schwierigkeiten. Direkte Zugriffe auf den Datenträger sind nicht möglich und führen in Einzelfällen sogar zum Systemabsturz. Doch die PC-Gemeinde hat Erfahrung mit kopiergeschützten Datenträgern aller Art: Playstation-Programme, geschützte Spiele und Ähnliches haben dazu geführt, dass es mittlerweile eine ganze Reihe hervorragender Tools für solche Zwecke gibt. CloneCD, das bekannteste dieser Art, erweist sich als extrem tolerant und hat auch mit NSYNC keine Probleme. Die CD lässt sich ohne weiteres auslesen, als Image-Datei abspeichern und dann wiederum brennen. Die dabei entstandene CD-Kopie läuft zumindest auf dem Brenner einwandfrei. Abspielen und auch in MP3s umwandeln geht jetzt plötzlich wunderbar. Lustigerweise erkennt sogar die Gracenote-CDDB-Datenbank die Scheibe, so dass man sich das lästige Eintippen der Titel sparen kann.

Täuschung des Computers
Kopierschutz-Verfahren wie Key2Audio basieren auf der gezielten Täuschung eines Computers. Mal werden dazu die Tracklängen falsch angegeben, so dass der Rechner jedes Stück nach 30 Sekunden abbricht. Andere Techniken wie Key2Audio setzen auf nicht existente Tracks oder verwirren durch unzulässige Überlängen. Normalen CD-Playern ist so etwas in der Regel egal, sie ignorieren die Fehler einfach. Computer dagegen nehmen alles immer sehr genau. Allerdings können auch CD-Player Probleme mit dem ein oder anderen Kopierschutz bekommen. Moderne High-End-Player sind hierfür ebenso anfällig wie Geräte, die schon mehr als 5 Jahre auf dem Buckel haben.
Schmerzliche Erfahrungen musste damit im letzten Jahr Bertelsmanns BMG machen, nachdem man eine Phillip Boa- und eine HIM-CD in Deutschland mit Kopierschutz auf den Markt brachte. Nach 130 000 ausgelieferten Exemplaren wurde der Versuch gestoppt, weil sich Einzelhändler und Kunden massiv über nicht funktionierende CDs beschwerten.
Trotzdem setzen neben Zomba jetzt auch immer mehr große Labels auf die vermeintlich sicheren CDs. Als Testmarkt kristallisiert sich dabei interessanterweise Europa heraus.

Hierzulande für den Weltmarkt vorfühlen
Die EMI will hier bis zum Ende des Jahres erst einmal vorfühlen, bevor man sich mit dem Kopierschutz in die USA wagt. Auch die BMG ist wieder mit von der Partie. In der zweiten Jahreshälfte will man die Techniken verschiedener Anbieter ausprobieren. Dabei liebäugeln die Gütersloher offenbar besonders mit dem MediaCloQ-Schutz der Firma Sunncomm. Dieser soll es ermöglichen, kopierbeschränkte Windows Media-Dateien über die Suncomm-Website zu beziehen, so dass MP3-Kopien angeblich überflüssig werden. CD-Cracks könnten damit allerdings auch obsolet werden, denn Windows Media ist so sicher nun auch wieder nicht. Testgruppe für die BMG dürfen übrigens ausgerechnet Journalisten spielen, denen man die CDs – offenbar auch unmarkiert – als Promo-Exemplare zuschicken will. Sollten demnächst also weniger BMG-Platten rezensiert oder in den Radios gespielt werden, war der Kopierschutz wohl zu gut.
Auffällig zurückhaltend reagiert auf das Thema CD-Kopierschutz allein das Major-Label Sony Music. Eigentlich seltsam, wenn man bedenkt, dass der eigene Mutterkonzern mit Key2Audio selbst eine solche Technik entwickelt hat. Aber vielleicht stehen in den Sony Music-Büros auch einfach nur mehr iMACs rum als bei der Konkurrenz.

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