Die CeBit ist nicht nur die weltgrößte Computermesse, sondern auch jährlich wieder ein Babylon unserer Zivilisation. Die Voraussetzungen dafür sind gut: Massig Freibier für die Schamgrenze, dann jede Menge umsonst darauf und zum Händchenhalten gegen die Angst vor der Technologie werden noch einige Frauen wie in den Fünfzigern mit Öhrchen zu Häschen aufgepeppt.
Text: heike lüken | heikelüken@web.de aus De:Bug 47

Es war live und ich war (fast) jedesmal dabei
Hannovermesse

Nieder mit dem Mythos Cebit. Nicht nur, dass einige Tage vor dem großen Run auf das Expo- und Messedorf Hannover Kolonnen von Bediensteten des rotlichtigen Gewerbes auf umliegende Standorte verteilt werden (das Einzugsgebiet reicht bis nach Hamburg), auch die einzelnen Firmen tun etwas für die seriöse Präsentation ihrer selbst auf der weltgrößten Computermesse: leichtbekleidete Damen auch im kalten niedersächsischen Frühling auf allen Ständen, Alkohol schon vor der offiziellen Toröffnung um 10 Uhr MEZ und Motivationstraining vielerorts. Da beginnen dann auch die harten Messetage mit “We will rock you” und enden – wie sollte es anders sein – mit “We are the Champions”. Sogar Michael Jackson ist bereits in die Cebit-Hemisphäre in seinem eigenen Hubschrauber eingedrungen. Zwar nur als Attrappe, aber einen Tag lang dachten alle, dass sie durch dieselben heiligen Hallen wie die Prominenz gewandelt sind, und das adelt natürlich. Das Highlight der sieben langen Tage bleibt jedoch immer das Wochenende: Dann kommen die Wenn-es-umsonst-ist-will-ich-es-Ratten aus ihren Verstecken und wollen haben. Alles. Original Soundtrack: “Was ist denn das?”. Antwort: “Eine CD-Rom mit Plugs Ins für verschiedene Browser und eine interaktive Darstellung unseres Produktes.” Feuchtwarme Hände grabschen und sagen dazu: “Dann nehmen wir so eine mit. Oder können wir auch zwei haben? Nicht Herbert, der Günther sammelt doch diese silbernen Dinger, gelle?” Fachpublikum überall. Aber auch gestandene Geschäftsmänner können nicht umhin, an ihre Daheimgebliebenen zu denken und fragen nach dem VIP-Vortrag für die obere Chefetage leicht verschämt: “Kann ich noch so einen Pin haben? Mein Sohn bringt mich heute abend um, wenn ich mit leeren Händen nach Hause komme.”
Die größte Internet- und Computermesse der Welt soll natürlich nicht zu Interferenzen in der Intimsphäre führen. Das wissen die Aussteller und haben zwei Arten von Werbegeschenken: Plastikkugelschreiber, Pfefferminzplätzchendosen und Aufkleber für das Laufpublikum, Pins, Lamy-Schreiber und Telefonkarten für die obere Liga und das Standpersonal und deren Freunde. Ein Cebit-Tag ist jedoch nur so gut wie die Party am Ende desselbigen. Daher übertrumpfen sich die Firmen mit Importen aus der internationalen DJ- und Band-Szene. Dazu gibt es Häppchen verschiedenster Facon – Finger Food, wie man so sagt – und die schönsten Cocktail-Shaker Ibizas. Hoch lebe die Informationsgesellschaft und ihr Drang, die harten Messetage mit Sinn zu füllen.
Aber auch im interkulturellen Vergleich hat die Cebit einiges zu bieten. Vergleichende Analyse der Nutzung von Mobiltelefonen während der Fahrt in den Zubringerbussen vom Parkplatz zum Eingang (oder anders herum) beispielsweise. Während vor allem skandinavische und amerikanische Nutzer, seit längerem im Umgang mit den tragbaren Telefonen geübt, ihr Gespräch kurzzeitig beenden, um dem Shuttlefahrer Anweisungen über den gewünschten Ausstiegsort zu geben, schaffen es die deutschen Kollegen, sich gleichzeitig mit dem Heimchen am Herd über den Abendessenplan zu unterhalten, sich über die schlechte Parkplatzsituation und das wie jedes Jahr fehlgeschlagene Verkehrsleitsystem zu beschweren und laut schreiend Befehle zu erteilen, wo denn nun genau der eigene Golf zu finden sei. Kommunikation ist alles. Mit vielen Informationen über die neuesten Neuigkeiten aus der Welt der Kommunikationstechnologie und den Kopf voller wichtiger Fachgespräche, verlassen denn die Besucher am Abend das Messegelände und sehen schon dem nächsten Jahr entgegen, wenn es wieder heißt: Nur wer am meisten umsonst verzehrt, wer die meisten Werbegeschenke abgegriffen und die meisten Visitenkarten mit anschließendem Einlocherfolg gesammelt hat, der hat sich auch für den Rest des Jahres qualifiziert.

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Elektronische Lebensaspekte.